Denkmalschutz

Der Kampf in Hamburg gegen die Abrissbirne

Kristina Sassenscheidt und Lennart Hellberg vom Denkmalverein, im Hintergrund das Verwaltungsgebäude von Hamburg Süd. „Einer meiner Lieblingsbauten“, sagt Hellberg zu dem Werk des Architekten Cäsar Pinnau.

Kristina Sassenscheidt und Lennart Hellberg vom Denkmalverein, im Hintergrund das Verwaltungsgebäude von Hamburg Süd. „Einer meiner Lieblingsbauten“, sagt Hellberg zu dem Werk des Architekten Cäsar Pinnau.

Foto: Andreas Laible / HA

Stadtspaziergang mit Kristina Sassenscheidt und Lennart Hellberg vom Denkmalverein: Sie sehen eine ganze Epoche in Hamburg bedroht.

Hamburg verändert sich – und das in einer Schnelligkeit und Rasanz, die viele Hamburger überfordert. Gebäude, die seit Jahrzehnten zum Stadtbild gehören, verschwinden. An anderen Stellen wachsen neue Häuser in die Höhe, schließen sich Baulücken, werden zwei Geschosse auf bestehende Altbauten aufgepflanzt. Ist das ein Wandel, der die Stadt lebendig hält – oder ist es eine Veränderung, nach der Hamburg kaum mehr zu erkennen ist?

Zwei Bremser in der Hast der Veränderung, zwei Zweifler an der schönen neuen Welt sind Kristina Sassenscheidt und Lennart Hellberg vom Denkmalverein. Sie sehen mit Sorge, wie gerade das jüngste Erbe in der Hansestadt abgeräumt wird. „Alle Denkmäler sind vor dem Gesetz gleich – warum gehen wir mit den Denkmälern der Nachkriegszeit so viel sorgloser um als mit alten Bauten?“, fragt Hellberg, der seit zwölf Jahren im Vorstand des Denkmalvereins mitarbeitet. „Aus Sicht der Gebäude ist das nicht verständlich.“ Hellberg arbeitet bei pmp Architekten und befasst sich seit einem Vierteljahrhundert mit denkmalgeschützten Bauten. Gerade hat er das Lüneburger Rathaus aus dem 13. Jahrhundert instand gesetzt – das Gebäude aus dem Mittelalter wird noch heute von einer modernen Verwaltung benutzt.

„Die jüngsten Bauten haben es immer am schwersten“, ärgert sich auch Kristina Sassenscheidt, seit 2014 im Vorstand des Vereins. Der Denkmalschutz hat, das zeigen die hitzigen Debatten in der Stadt, an Gewicht gewonnen. Noch vor gut einem Jahrzehnt wurden auch große Stadtumbauten – sei es bei der Europa Passage oder der Neubebauung des Bavaria-Geländes auf St. Pauli – ohne größere Debatten durchgewinkt. Heute toben um Erhalt oder Abriss des City-Hofs, den Hochhäusern am Hauptbahnhof, erbitterte Diskussionen.

Viele Gebäude seien bedroht

„Wir erleben eine Zeit, in der der Immobilienmarkt heiß läuft“, sagt Sassenscheidt. Viele Gebäude seien bedroht – bei Weitem nicht nur Nachkriegsarchitektur, sondern auch kleinere Gründerzeitbauten, an deren Stelle dann Sechsgeschosser rückten. Es ist ein schleichender Verlust von Bekanntem, für manche das Schwinden von Heimat. Und die Dynamik wächst. „Der Druck, die Grundstücksfläche besser auszunutzen, hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen“, sagt Hellberg. Seit den Tagen des Wirtschaftswunders sei nicht so viel weggerissen und neu gebaut worden.

Mitten in der Stadt gähnt ein Loch – eine Baugrube ist es noch nicht. Im Schatten der kriegsversehrten und zum Torso bombardierten Nikolai-Kirche stehen die kümmerlichen Reste des früheren Allianz-Gebäudes. Wie zum Hohn verkündet eine große Werbebotschaft am Baugerüst den Slogan „Du bist nie zu alt, dich neu zu erfinden.“ Das ehemalige Haus der Kirche an der Neuen Burg 1 dahinter ist schon Geschichte – zwei denkmalgeschützte Gebäude sind gefallen.

Erhalt scheitert zumeist an Wirtschaftlichkeit

Alt sind sie nicht geworden. Das Punkthochhaus in Stahlbeton-Skelettbauweise wurde zwischen 1968 und 1970 vom Architekturbüro Spengelin errichtet, das silberne Allianz-Gebäude zeitgleich von Bernhard Hermkes entworfen. Beide fielen 2017. „Das Kirchenbürogebäude besaß eine raffiniert gestaltete Fassade aus Waschbeton-Elementen“, sagt Sassenscheidt. Ein Höhepunkt sei die Kapelle im Innern mit einer markanten Pilzkopfstütze gewesen. Das Allianz-Gebäude wiederum „dokumentierte die zukunftsfreudige Planungseuphorie der 60er-Jahre“, sagt Hellberg. Großraumbüros, 15 Geschosse, Kunst am Bau und mit eloxiertem Leichtmetall verkleidete Balkone verhießen den Menschen das Leben von Morgen. „Das war hochmoderne Architektur mit hoher handwerklicher Qualität, weitgehend im Originalzustand erhalten“, sagt Hellberg. Aber wirtschaftlich galt es als unzumutbar – das Gebäude sei wirtschaftlich kaum noch zu betreiben, hieß es.

Beide Bauten wurden überflüssig, als ihre Nutzer ausgezogen waren. Die Probleme bei der Dämmung des Allianz-Gebäudes waren so groß, dass die Fassade komplett hätte erneuert werden müssen. Zudem drängte der damalige Oberbaudirektor Jörn Walter auf eine Stadtreparatur, um den historischen Grundriss wiederherzustellen, den der Wirtschaftswunderbau nonchalant gesprengt hatte. Nun verspricht der Bauherr auf Plakaten „Zukunft mit Geschichte“.

Die einen halten es für Stadtreparatur, die anderen für einen Sündenfall, was am Brodschrangen nur einen Steinwurf entfernt geplant ist. Das Commerzbank-Hochhaus, zwischen 1963 und 1964 als Kontrast zum benachbarten Stammhaus der Bank von den bekannten Hamburger Architekten Godber Nissen und Wilhelm Fritzsche errichtet, soll ebenso fallen wie der Altbau. Der Denkmalverein hält beide Bauten für stadtbildprägend. „Ebenso durchgreifend wie die Moderne damals in Hamburg entstand, wird sie jetzt ausgelöscht“, sagt Hellberg.

Wie schlechte Instandhaltung den Abriss vorbereitet

Das Commerzbank-Hochhaus gehöre zu den letzten weitgehend original erhaltenen Nachkriegs-Hochhäusern an der früheren Ost-West-Straße. Hellberg zeigt auf die dunkle Fassade und die Umgänge, die zur Fensterreinigung sowie als Fluchtwege dienen. Hier sei erstmals in Hamburg mit hervortretenden Geschossdecken und Galerien gearbeitet worden, ein Motiv, das später viele Architekten übernommen hätten. Das Gebäude verströmt einen spröden Charme, der sich erst beim zweiten Hinsehen erschließt. Teile der Fassade schimmern moosgrün – „hat es jemals eine Fassadenreinigung gegeben?“, fragt Hellberg. Die Frage ist rhetorisch. „Wir sehen oft, dass mangelnde Instandhaltung Gebäude in der Wahrnehmung diskreditiert und Denkmäler zu ‚Bausünden‘ macht“, kritisiert Hellberg. „Aber das darf kein Argument sein, es dann später abzureißen.“

Auch im näheren Umfeld der früheren Ost-West-Straße, die einst der Stolz einer Generation von Stadtplanern war und heute vielen als hässliche Schneise gilt, ist der Geist einer vergangenen Zeit erspürbar. Im Parkhaus Große Reichen-straße etwa sehen manche nur den Klotz – Sassenscheidt und Hellberg aber zeigen stolz einen faszinierenden Lichthof über den runden Auffahrten. Inzwischen stehen auch Parkhäuser auf der roten Liste, weil der Senat Wohn- statt Parkraum schaffen will.

Sogar Denkmäler, die gerettet werden konnten, haben an Ausdruckskraft verloren. „Das alte ,Spiegel‘-Hochhaus verschwindet nun hinter einer Hotelzeile, die alte Kantine wurde abgerissen. Das alles hat mit dem ursprünglichen Konzept nicht mehr viel zu tun“, sagt Hellberg. „Wir erleben derzeit eine Austreibung der 60er-Jahre aus der Stadt.“

„Dabei zeigen die gelungenen Revitalisierungen von IBM-Hochhaus, Hamburg Süd oder Unilever-Haus, wie elegant und zukunftsfähig Nachkriegsmoderne ist, wenn man sie saniert“, ergänzt Sassenscheidt. Vielleicht erklärt diese Überzeugung die Heftigkeit der Debatte, die derzeit um den City-Hof tobt. Die Politik würde lieber heute als morgen mit der Abrissbirne am Klosterwall auffahren, manche Aktivisten verklären die in die Jahre gekommenen vier Hochhausscheiben hingegen als „weißen Schwan“. Hellberg steht an der Burchardstraße und verweist auf die Sichtachsen vom Kontorhausviertel auf den Bau des City-Hofs.

Emotionale Bindung

Vorne regiert der Backstein, rot, trutzig, massiv, dahinter erheben sich die vier Hochhäuser, die einst weiß waren und nun nur noch dreckig-grau mit dem Hamburger Winter harmonieren. Der Architekt Rudolf Klop­haus hat hier gleich an mehreren Stellen gewirkt. „Das ist ein gebautes und begehbares Geschichtsbuch“, sagt Sassenscheidt. „Wo sonst lassen sich die Gegensätze der 20er-, 30er-Jahre und der Nachkriegsmoderne so deutlich erleben?“ Sie warnt davor, an dieser Stelle Tatsachen zu schaffen. „Wir haben schon die Baulücke beim ehemaligen Allianz-Gebäude. Wenn die Unesco den Neubau ablehnt, droht hier das nächste Loch.“

Den Kampf der Denkmalschützer gerade um den City-Hof quittieren viele Politiker und Zeitgenossen nur noch mit Kopfschütteln. Sassenscheidt weiß das: „Ich hätte die Zeit, die ich in den vergangenen Jahren in schwierige PR für den City-Hof gesteckt habe, auch lieber im Dino-Bad oder bei einem guten Buch verbracht“, sagt sie. „Aber es steht für den Denkmalschutz einfach sehr viel auf dem Spiel.“ Der City-Hof dürfe nicht als „hässlicher Klotz in Erinnerung bleiben“, den der „irre Denkmalschutz“ retten wollte. „Vor 20 Jahren, ohne meine Kenntnis von heute, wäre mir ein Abriss des City-Hofes noch egal gewesen.“

Ihre Beziehung zum Denkmalschutz wuchs unter anderem mit dem Kampf für das Gängeviertel. „Die emotionale Bindung entsteht automatisch, wenn man anfängt, sich für ein Gebäude zu engagieren“, sagt sie. Eigentlich sollten 2009 die Reste des Hamburger Gängeviertels zu 80 Prozent beseitigt werden; erst der Einsatz von Künstlern sicherte das Viertel für die Stadt. Seit zwei Jahren aber gibt es einen Planungsstopp, weil sich die Künstler und die Stadt nicht einig werden.

Nicht nur Denkmäler sind schwierig, oft sind es auch die Denkmalschützer.

Warum Denkmalschutz und Heimat zusammengehören

„Wir maßen uns nicht an zu bewerten, was ein Denkmal ist“, sagt Hellberg. Dafür gebe es qualifizierte Kunsthistoriker und Architekten in der Behörde. „Das fachliche Urteil der Experten sollte auch von der Politik respektiert werden“, sagt Sassenscheidt. Die städtischen Denkmalschützer brächten einen unverzichtbaren fachlichen Einsatz für den Erhalt von Hamburgs baukultureller Vielfalt. „Wir als Verein sehen unsere Aufgabe vor allem darin, Denkmalbewusstsein in eine breite Öffentlichkeit zu tragen.“

Noch etwas treibt die beiden um. Auch das Deutschlandhaus am Gänsemarkt, das aufgrund vieler baulicher Veränderungen nicht unter Denkmalschutz steht, solle bleiben. „Das Haus ist stadtbildprägend und aus ökologischen Gründen erhaltenswert“, sagt Sassenscheidt. Der geplante Abriss der Gänsemarktpassage – zudem ein Beispiel einer jüngeren und deshalb besonders gefährdeten Gebäudegeneration – fällt in die gleiche Kategorie. Ihr Stichwort lautet „graue Energie“. „Die Bauwirtschaft spielt eine Schlüsselrolle beim CO2-Verbrauch.“ Bei Abriss und Neubau würden viel Energie und Ressourcen verbraucht.

Sassenscheidt fordert ein generelles Umdenken: „Jedes Gebäude ist prinzipiell erhaltenswert, weil in ihm große Mengen grauer Energie gespeichert sind.“ Die ökologischen Kosten von Abriss und Neubau müssten in die Gesamtbilanz eingepreist werden. Vor diesem Hintergrund sehen Hellberg und Sassenscheidt auch den geplanten Abriss etwa des Euler-Hermes-Hochhauses in Bahrenfeld oder der Postbank-Zentrale in der City Nord kritisch.

Auch zur derzeit intensiv geführten Debatte um den Ballindamm und eine mögliche Neuordnung haben Hellberg und Sassenscheidt eine Meinung. Nicht ohne Grund hat Oberbaudirektor Franz-Josef Höing die Binnenalster als „Tempelbezirk“ geadelt. Seit Jahrzehnten gilt die strenge Binnenalster-Verordnung, die fordert: „Bauliche Anlagen (...) sollen in ihrer Gestaltung auf die Bauwerke Rücksicht nehmen, die diesem für Hamburg typischen Stadtraum das besondere Gepräge geben.“ Die Verordnung legt die Traufhöhe fest, die Dachgestaltung, die Farben, Fensterverglasung und Werbemittel. „Solche Orte sind wichtig für das kollektive Gefühl von Heimat“, sagt Sassenscheidt. „Das darf nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden.“