Neustadt

Die 14-jährige Tochter fast umgebracht

Das Hamburger SEK stürmte das Doppelhaus in der Straße Rehkoppel.

Das Hamburger SEK stürmte das Doppelhaus in der Straße Rehkoppel.

Foto: © Michael Arning

Prozessauftakt: Ibrahim S. prügelte wie von Sinnen auf seine Tochter ein, weil sie sich mit einem Freund getroffen hatte.

Hamburg.  Auf dem Gerichtsflur kommt es zu einer befremdlichen Szene: Ibrahim S. (44) wird von einem Justizbeamten in Handschellen an seiner Tochter Selin S. (Name geändert) vorbeigeführt. Mit einigen Angehörigen wartet die 14-Jährige darauf, dass der Prozess gegen ihren Vater beginnt – ein Vater, der sie fast zu Tode gewürgt haben soll. Doch sie lächelt, er wirft ihr ein paar Worte zu, der Beamte gibt dem Häftling ein Zeichen, die Geste signalisiert: kein Wort mehr. Dann gehen sie weiter. Kurz bevor der Prozess startet, darf die 14-Jährige auf eigenen Wunsch den Zuhörerraum betreten. Alleine. Sie steht jetzt, durch eine Sicherheitsscheibe getrennt, ihrem Vater gegenüber. Zwei Minuten später verlässt sie den Raum wieder.

Opfer ist Nebenklägerin

Selin S. ist Nebenklägerin in diesem Verfahren, nach Aussage ihrer Anwältin geht es ihr „sehr, sehr schlecht“. Die Strafkammer habe die kurze wie für Außenstehende irritierende Täter-Opfer-Begegnung auf die „nachdrück­liche Bitte“ der Tochter hin zugelassen, allerdings nur einen „überwachten Sichtkontakt“, sagt Gerichtssprecher Kai Wantzen. Selins Wunsch, mit dem Vater zu sprechen, habe das Gericht abgelehnt – zumal ein Verdunkelungsrisiko nicht auszuschließen sei.

Wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt

Ibrahim S. steht seit Donnerstag vor dem Landgericht, die Staatsanwaltschaft hat ihn unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Der Ägypter, Oberhaupt einer in Billstedt lebenden Großfamilie, soll seine Tochter brutal misshandelt haben – allein aus Wut darüber, dass sie einen Freund hat. Am 6. Juli 2018 soll er ihr in seinem Haus erst mit der Faust ins Gesicht geschlagen, sie dann an den Haaren ins Wohnzimmer gezogen und sie schließlich so stark gewürgt haben, dass sich das in akuter Lebensgefahr schwebende Mädchen einnässte.

Sodann schlug er ihren Hinterkopf auf den Boden, prügelte mit einem Holzstuhl auf sie ein und sperrte sie in ein Badezimmer. Wenig später, im Schlafzimmer, soll er seiner Tochter mit einem Elektrokabel auch noch wuchtig auf den Oberschenkel geschlagen haben – dann gelang ihr die Flucht.

Das Mädchen zeigte den Übergriff an

Das Mädchen trug Hämatome, Würgemale, Einblutungen der Bindehaut und eine Beule davon, litt unter Schwindel und Schluckbeschwerden. Selin S. selbst war es, die den brutalen Übergriff anzeigte. Ein Sondereinsatzkommando (SEK) stürmte darauf das Doppelhaus in Billstedt und nahm den Vater fest. Selin S. wurde vom Kinder- und Jugendnotdienst in Obhut genommen. Aus Sehnsucht nach ihren Geschwistern lebt sie inzwischen aber wieder in der Familie.

Es war nicht der erste Vorfall dieser Art: Im August 2017 soll Ibrahim S. einen Schulfreund (13), der die damals ebenfalls noch 13-jährige Selin besuchte, mit einem Kopfhörerkabel so lange gewürgt haben, bis dem unter Todesangst leidenden Jungen schwarz vor Augen wurde. Für diese gefährliche Körperverletzung hat das Amtsgericht St. Georg Ibrahim S. im Juni 2018 zu zwei Jahren Haft verurteilt. Über die Berufung gegen das Urteil muss nun ebenfalls die Strafkammer der Vorsitzenden Richterin Ulrike Schönfelder entscheiden.

Andere Tat geplant

Darüber hinaus werden Ibrahim S. zwei weitere Tatkomplexe zur Last gelegt. Bei einem Treffen im Oktober 2017 soll er von seiner Schwägerin deren Pass und den ihrer Kinder verlangt haben – in der Absicht, die Ausweise zur „Einschleusung von Ausländern“ zu missbrauchen, so die Anklage. Die Frau, die dafür 10.000 Euro bekommen sollte, weigerte sich jedoch und wollte zur Polizei gehen. Daraufhin drohte Ibrahim S., er werde ihr mit dem Messer seines Sohnes „den Kopf abschneiden“. Anzeige erstattete die Frau dennoch.

Eine weitere Episode spielte sich in einem Gemüseladen in Billstedt ab. Dort hatte sich am 19. Mai 2018 die 18-jährige Nichte des Angeklagten mit zwei Cousinen getroffen. Laut Anklage würgte er die 18-Jährige so stark, dass sie kaum noch sprechen konnte, dann schlug er ihr auf den Rücken. Sollte er sie noch einmal mit ihren Cousinen sehen, werde er sie töten. Schließlich schlug er einem der anderen beiden Mädchen, einer 17-Jährigen, ins Gesicht und drohte auch ihr: Er werde ihr den „Kopf abschneiden“, wenn sie weiterhin Kontakt zu seiner Nichte halte.

Die Taten abgestritten

Für seinen Mandanten kündigte der Verteidiger eine Erklärung am nächsten Prozesstag an. Bisher habe der Angeklagte die Taten in den Vernehmungen abgestritten, sagte Richterin Schönfelder. Sollte das Gericht am Ende zur Überzeugung gelangen, dass er die Taten wie angeklagt begangen habe, drohe ihm eine „heftige Strafe“. Zudem sei geplant, Selin S. als Zeugin zu hören. Wenn sie gegen ihren eigenen Vater aussage, bringe sie das gewiss in eine „schlimme psychische Situation“, so Schönfelder. „Vielleicht kommen sie zu dem Schluss, dass es in Hinblick auf das Verhältnis zu ihrer Tochter besser wäre, ein Geständnis abzulegen.“ Die Strafe könnte dann um ein Drittel geringer ausfallen. „Und sie wollen doch so schnell wie möglich zu ihrer Familie zurück“, so die Richterin.

Ob dies auch der Wunsch der Familie ist, ist nicht bekannt.