Spurensuche

So viel Bauhaus steckt heute noch in Hamburg

Architektin Annette Niethammer vor der Fußgängerbrücke am U-Bahnhof Kellinghusenstraße, einem Zeugnis der Bauhaus-Ära. Das Foto in ihren Händen zeigt, dass das Stellwerk links einst im gleichen Stil errichtet worden war.

Architektin Annette Niethammer vor der Fußgängerbrücke am U-Bahnhof Kellinghusenstraße, einem Zeugnis der Bauhaus-Ära. Das Foto in ihren Händen zeigt, dass das Stellwerk links einst im gleichen Stil errichtet worden war.

Foto: Roland Magunia

Vor 100 Jahren wurde die berühmte Kunstschule in Weimar gegründet. Wo ist ihr Einfluss in der Hansestadt zu sehen? Eine Spurensuche.

Hamburg. Majestätisch ragt die markante, an einen Schiffsbug erinnernde Spitze des zehnstöckigen Kontorhauses in den Himmel. Seine Fassade besteht aus fast fünf Millionen Klinker- und Backsteinen, die zum Teil Ornamente und Muster ergeben. Innen beeindrucken gewundene Treppenhäuser und prächtige Mahagonitüren. Kein Wunder, dass das 1922 bis 1924 von Fritz Höger errichtete Chilehaus von Anfang an als Ikone der Architektur gefeiert wurde. Heute gilt es als beispielhaft für den Backstein-Expressionismus.

Damit ist das Chilehaus ein besonders wichtiges Zeugnis der ersten Bauhaus-Phase in Weimar – und Werbegesicht für die Teilnahme der Stadt Hamburg an den Feierlichkeiten zum Bauhaus-Jahr 2019. Deutschlandweit wird das 100. Gründungsjubiläum der berühmten, von Walter Gropius 1919 in Weimar gegründeten, später erst nach Dessau und schließlich nach Berlin verlegten staatlichen Kunstschule gefeiert. Obwohl die Machtergreifung der Nazis ihr 1933 ein Ende bereitete und sie somit nur wenige Jahre bestand, galt und gilt sie als Synonym für Avantgarde, für Minimalismus, schlichte Formensprache und modernes Bauen.

In den ersten Jahren war die Architektursprache der Bauhaus-Architekten noch expressionistisch geprägt. Eines der besten Hamburger Beispiele ist das Chilehaus – weshalb es nicht nur für die Hansestadt, sondern für ganz Deutschland eine Werbe-Ikone war. Das zeigt unter anderem eine Grafik aus dem Jahr 1925, mit der die Touristeninformationszentrale an der New Yorker Fifth Avenue für „Germany“ warb.

Mehr als 100 Objekte in Hamburg

Eine DIN-A4-Kopie des Posters hat Annette Niethammer in einem Ordner abgeheftet, zwischen vielen Aufnahmen und Beschreibungen weiterer Hamburger Gebäude, die der klassischen modernen Architektur zugeordnet werden können. Mehr als 100 Objekte umfasst die Datenbank, die die Bauhaus-affine Hamburger Architektin in den letzten drei Jahren in Eigeninitiative durch umfassende Recherchen und Nachforschungen zusammenstellt hat. Dass es so viele werden, hatte sie anfangs gar nicht erwartet. „Der Großteil der Hamburger Architektur aus den 1920er-Jahren – etwa von Fritz Schumacher und den Gebrüdern Gerson – ist zwar sachlich, aber nur moderat modern. Dass es eine mindestens ebenso große Baumasse mit Charakteristika der klassischen Moderne gibt, hat mich überrascht“, sagt die 49-Jährige, die seit 2003 in der Hansestadt lebt.

Die begehrtesten Bauhaus-Klassiker

Für die Bauhaus-Epoche interessiert sie sich seit dem Studium, in dem sie sich auch mit Architekturgeschichte beschäftigt hat. „Am Ende der Gründerzeit herrschte Stilpluralismus. Für ein Rathaus etwa wählte man Neogotik, für ein Gerichtsgebäude Neoklassizismus.“ Die Bauhaus-Gründer hätten erstmals ein ganz anderes Ziel gehabt. „Sie wollten Kunst, Handwerk und Industrie zusammenbringen und Material und Konstruktion zeigen.“ Während ihr Fokus in der ersten Phase des Bauhauses auf Handwerk und Kunst gelegen habe, hätten in der zweiten Phase industrielles Bauen und sachliche Formen eine größere Rolle gespielt.

Anlässlich des Bauhaus-Jahres experimentiert Annette Niethammer mit einem Chatbot, einer Art interaktivem Stadtführer, der seine Nutzer zu den wichtigsten Gebäuden der klassischen Moderne führen soll. „Es geht mir darum, das kulturelle Erbe auch digital zu verbreiten“, sagt sie. Noch ist das Projekt nicht ganz fertig, doch im Frühjahr soll es abgeschlossen sein.

Bestimmte Merkmale weisen auf Bauhaus-Einfluss hin

Und woran erkennt man nun, ob das Bauhaus auf die Architektur eines Gebäudes Einfluss genommen hat? Da gebe es bestimmte Merkmale, sagt die Expertin, unter anderem durch Putz oder Simse ausgestaltete Fensterbänder, die die Horizontalität betonten, flexible Grundrisse und flache Dächer sowie Materialien wie Glas, Stahl und Beton. Auf einer Exkursion rund um die Alster zeigt sie beispielhaft zehn Gebäude, an denen der Einfluss von Bauhaus-Stars wie Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe oder auch eines Le Corbusier aus Frankreich zu sehen ist.

Das Chilehaus ließ Kaufmann Henry Brarens Sloman, der in Chile durch den Salpeterhandel reich geworden war, als „Geschenk“ an seine Heimatstadt errichten. „Seine Architektur steht für die erste Phase, als sich das Bauhaus noch in Weimar befand und das Handwerk im Vordergrund stand“, erklärt Annette Niethammer. Die dunklen, bewusst unvollkommenen Klinker seien in Reliefs und Mustern verlegt worden, welche das Gebäude zusammen mit den keramischen Reliefs von Richard Kuöhl zu einem expressionistischen Gesamtkunstwerk erhöhten. „Zusätzlich war der Bau ein Symbol der Stärke in der schwierigen Inflationszeit der jungen Weimarer Republik“, sagt die Architektin. Viele Arbeiter, aber auch später berühmte Hamburger Architekten wie Karl Schneider oder Friedrich Dyrssen hätten durch diesen Großauftrag eine Anstellung gefunden.

„Transparenz war ein wichtiger Aspekt der Moderne“

Während das Chilehaus die erste Bauhaus-Phase abbildet, steht die 1929 von Architekt Walther Puritz errichtete Brücke am Kellinghusenbahnhof für die neue Sachlichkeit der Dessauer Zeit. „Das Brückenbauwerk greift die Architektur des Gropius-Baus in Dessau auf: Eine vor das tragende Skelett gehängte Glasfassade gibt den Blick auf das Innenleben frei“, erklärt Annette Niethammer. Das Besondere an der Brücke seien die im Querschnitt dreieckigen Holzsprossen in einem warmen Indisch-Rot. „Holz ist eigentlich kein Material der Sachlichkeit.“ Die Verglasung und das Fehlen einer schrägen Dachkonstruktion dagegen zeigten den damaligen Trend der Entmaterialisierung. „Transparenz war ein wichtiger Aspekt der Moderne“, erläutert die Architektin. „Sie war aber auch funktional: Beim Begehen der Brücke sollte man sehen, wo man ist.“ Das alte Stellwerkgebäude, das noch heute neben den Gleisen steht, besaß früher die gleichen Sprossenfenster wie die Brücke. Ein entsprechendes Foto hat Annette Niethammer im Hochbahn-Archiv entdeckt.

In seinem Gründungsmanifest von 1919 hatte Gropius unter anderem festgelegt, dass das Bauhaus eine Zunft sein wolle „ohne klassentrennende Anmaßung, die eine hochmütige Mauer zwischen Handwerkern und Künstlern“ bilden wolle; und darin sollten auch „Studierende an Werken der Meister mitarbeiten“. Diesen Gedanken griffen die Architekten Hinsch und Deimling beim Bau der Handelsschule Schlank­reye auf – „eines der wenigen Hamburger Schulgebäude aus der Zeit, die nicht von Fritz Schumacher selbst entworfen wurden“, betont Niethammer.

Sie deutet auf ein zweiflügeliges Backsteingebäude mit gerasterter Außenfassade, das auf einem ockerfarbenen Sockel thront und dessen linker, leicht geschwungener Flügel die Kurve der dahinter liegenden U-Bahn-Gleise aufgreift. „Gropius sah in der Aufgabe einer Schule nicht nur die reine Wissensvermittlung. Vielmehr sollten Schüler und Lehrer zusammenkommen und zusammen arbeiten, ähnlich wie Dozenten und Studenten im Bauhaus.“ Diese Funktionen bilde die Schule nach außen ab: etwa mit der Turnhalle oder mit dem Sockel, in dem ein Jugendheim untergebracht war.

Lange Band-Fenster, weiße Flächen und Dachgärten

Nicht die Kurve der Bahn, sondern die des Straßenverkehrs greift das 1927 von Karl Schneider errichtete Großwohnhaus Burmeister an der Maria-Louisen-Straße 63 bis 67 auf. „Schneider, der zeitweise bei Gropius im Büro gearbeitet hat, war der wichtigste Exponent des neuen Bauens in Hamburg“, sagt Expertin Niethammer. Neben dem Winterhuder Wohnhaus mit seinen durch vier vertikale Treppenhaus-Fensterbänder gegliederten horizontalen Flächen errichtete Schneider in Hamburg unter anderem bereits 1923 das damals Aufsehen erregende Landhaus Michaelsen am Falkenstein, in dem heute das Puppenmuseum untergebracht ist.

Der Einfluss Le Corbusiers ist an anderer Stelle zu sehen: Nach Meinung des Architekturpioniers gehörten zu den typischen Merkmalen eines modernen Gebäudes lange Band-Fenster, weiße Flächen, Dachgärten und Elemente aus der Schiffsarchitektur. Der Düsseldorfer Architekt Emil Fahrenkamp griff das 1931 für die Kruspig-Villa am Harvestehuder Weg 45 auf, die heute zum Sitz des Verlags Hoffmann und Campe gehört. Annette Niethammer weist auf ein rundes Fenster, das an ein Bullauge erinnert, und einen weißen Aufbau, der wie eine Kommandobrücke auf dem Flachdach der Backstein-Villa thront. Eine „Komposition aus sachlichen Kuben“ nennt die Architektin das Gebäude. Sie freut sich sichtlich, dass es in gutem Zustand ist und noch immer als Solitär dasteht, obwohl auch die umliegenden Häuser zum Verlag gehören und es, da nicht denkmalgeschützt, mit ihnen hätte verbunden werden können.

Weniger erfreut ist sie beim Anblick eines Gebäudes an der Ecke Lerchenfeld/ Oberaltenallee, direkt neben den U-Bahn-Gleisen. Errichtet wurde es 1929 von Architekt und Bauherr Paul A. R. Frank, der unter Oberbaudirektor Fritz Schumacher unter anderem Laubenganghäuser in Dulsberg, Zeilenbauten in der Jarrestadt sowie die Frank’sche Siedlung in Klein Borstel schuf. „Bei diesem Eckhaus hat er sich viele Gedanken gemacht. Er hat mit Baumaterialien experimentiert und die mit Putz ausgestalteten Fensterbänder und die Loggien zu einer gestalterischen Einheit gefügt“, weiß Annette Niethammer. Mit dem ehemaligen Mundsburg-Haus, das früher gegenüber anstelle des Ernst Deutsch Theaters stand, habe es ein städtebaulich wichtiges Ensemble gebildet. Dass das Gebäude heute trotz Denkmalschutzes in einem stark vernachlässigten Zustand ist, stimmt sie bedenklich. „Die Frage ist, was als Nächstes passiert. Es wäre sehr schade, wenn es mit Wärmeverbundsystem verkleidet oder gar abgerissen wird.“

Eine gestalterisch ähnliche Situation findet man an einem ebenfalls denkmalgeschützten Wohnhaus an der Eppendorfer Landstraße 47 bis 49: Auch hier betonen Loggien, Fenster und Vordächer die horizontale Gliederung, erbaut wurde es von 1924 bis 1928 von Robert Friedmann. „Das Besondere sind der tiefe Gebäudegrundriss und der vielfältige und differenzierte Einsatz des Klinkers in der Fassade – beides deutet auf großbürgerliches Wohnen hin“, sagt Annette Niethammer und fügt erläuternd hinzu: „Durch seinen symmetrischen Aufbau jedoch ist dieses Gebäude viel konservativer als etwa die Kruspig-Villa, wo Kuben als Skulpturen angeordnet und inszeniert wurden, um spannende Außenräume zu kreieren.“

Bauherr des Eppendorfer Wohnhauses war Heinrich Levy, der Vorsitzende des liberalen jüdischen Tempelverbands. Er engagierte Friedmann ein paar Jahre später erneut, zusammen mit Architekt Felix Ascher: für den Bau der Synagoge an der Oberstraße, die heute vom NDR als Studio genutzt wird. „Anders als in anderen Synagogen gab es hier eine Orgel und deutsche Gesänge“, sagt Annette Niethammer. Sie verweist auf die symmetrische Gestaltung des Außenraumes vor der Synagoge: ein leicht erhöhter Platz, zwei Seitenflügel, die mit dem Mittelteil verschränkt sind. Verkleidet sind die drei Baukörper mit Muschelkalkplatten, die in Größe und Form mit dem jeweiligen Gebäudeteil korrespondieren. „Eine sachliche und differenzierte Komposition, typisch für die Moderne“, sagt die Architektin.

Spuren jüdischer, vom Bauhaus beeinflusster Architektur findet man auch ein paar Meter weiter in der Sophienterrasse. Sophieneck haben Semmy Engel, der auch die später zerstörte Hamburger Hauptsynagoge am Bornplatz errichtet hatte, und sein Sohn Bernd die weißen Häuser mit den gerundeten Erkern genannt. „Ich finde es schön, dass die Architekten eine für Harvestehude typische weiße Fassade mit klassischen Klinkern verwoben und die Horizontalität herausgearbeitet haben“, so Niethammer. Ebenfalls ein Merkmal der Moderne bei den 1928 erbauten Häusern seien die Dachterrassen, die für alle Bewohner über Treppenaufgänge zu erreichen sind. „Das greift Corbusiers Schiffs- und Dachgartenidee auf.“

Eine Moderne, die sich oft erst auf den zweiten Blick zeigt

Während das Chilehaus das älteste Beispiel mit Bauhausbezug ist, gilt das Kunsthaus am Jungfernstieg als das jüngste. Das Gebäude, das den meisten nur als Sitz des Staubsaugeranbieters Vorwerk bekannt sein dürfte, ist die letzte Station unserer Tour. In seiner Gestaltung erinnere es an die sogenannte organische Moderne eines Erich Mendelsohn und natürlich an das Deutschlandhaus jenseits des Gänsemarkts, bemerkt Annette Niethammer. Das Haus selbst wurde zwar schon 1862 erbaut, seine Fassade aber 1932 von Paul Huster umgebaut. Vielleicht hatte er das Ende, das die Nazis dem neuen Bauen bald setzen sollten, schon geahnt.

Jedenfalls griff er bei der Gestaltung der Fassade besonders viele moderne Elemente auf: Zu dunkelbraunen Bändern zusammengefasste Fenster- und Putzflächen, Gesimse aus Beton sowie die Atelierverglasung im Galeriegeschoss machen die flächige Klinkerfassade plastisch. Bei aller Begeisterung über das Haus bedauert Annette Niethammer doch eines: „Eine angemessene abendliche Beleuchtung der Galerieverglasung hätte die Transparenz der Fassade noch unterstrichen.“ Doch die Glasflächen sind abgeklebt. Und damit vielleicht aber auch ein Synonym für die vom Bauhaus beeinflusste Moderne, die in Hamburg oft nur auf den zweiten Blick sichtbar ist.