Weihnachten

Diese Managerin bringt Kinderaugen zum Leuchten

Brigitte Engler auf einem der von ihr konzipierten Weihnachtsmärchen-Schiffe am Jungfernstieg

Brigitte Engler auf einem der von ihr konzipierten Weihnachtsmärchen-Schiffe am Jungfernstieg

Foto: michael rauhe

Brigitte Engel steht für die Interessen von 850 Einzelhändlern in der City. Und hat wieder die Märchenschiffe auf Kurs gebracht.

Hamburg. Das Gesicht der Innenstadt? Das Rathaus, sicherlich, die Hauptkirchen, natürlich, aber auch das Alsterhaus. Architektonisch beantwortet jedenfalls. Menschlich gesehen lautet die Antwort eindeutig: Brigitte Engler. Seit zwölf Jahren vertritt die 58-Jährige als City-Managerin in einem komplett privatwirtschaftlich organisierten Verband die Interessen von mittlerweile 850 Einzelhändlern zwischen Jungfernstieg und Überseeboulevard.

Die 58-Jährige verantwortet so gut wie jede jener Aktionen, die gerade jetzt in der Adventszeit Hunderttausende Menschen zum Weihnachtsshopping weg von den heimischen Computern und den schnellen Onlinekäufen hinein in die Läden am Neuen Wall oder an der Mönckebergstraße locken sollen. Seit April hat Brigitte Engler allein das Angebot der Märchenschiffe auf der Binnenalster geplant, die in diesem Jahr die Augen von etwa 29.000 Kindern zum Leuchten bringen werden.

Alle Jahre wieder toll

„Ist es nicht schön geworden?“, fragt Brigitte Engler zufrieden, während sie – wie immer top gestylt, im edlen schwarz-weißen Bleistiftrock mit sportlicher Lederjacke – im Café der Märchenschiffe am Tresen einen Kaffee bestellt. „Viele halten die Märchenschiffe mittlerweile für selbstverständlich. Nach dem Motto: alle Jahre wieder toll, was die Stadt hier macht. Pustekuchen!“, sagt Brigitte Engler. Das sei eine Initiative des City-Managements. Jedes Jahr aufs Neue müsse sie die Finanzierung von 75.000 Euro sichern, Sponsoren wie Dat Backhus oder, in diesem Winter neu, Ikea an Bord holen.

Kurz unterbricht sie das Gespräch, als ein Mechaniker den Alsterdampfer betritt. Ein schneller Schnack. „Läuft alles, oder?“ Immer charmant, einnehmend, überzeugend. Es besteht keine Sekunde Zweifel daran, dass diese blonde Frau genau die Richtige ist, um die Einzelinteressen so vieler Händler, vom großen, weltweit agierenden Filialisten bis zum kleinen, inhabergeführten Laden, zu bündeln.

Sie stammt aus dem Münsterland

Allerdings war der Job der City-Managerin nicht nur geografisch weit weg, als Brigitte Engler mit drei Geschwistern in dem 5000-Seelen-Dorf Laer aufwächst. „Man spricht das aus wie Laar. Dehnungs-E. Sie hören, ich komme aus dem Münsterland.“ Die Eltern haben einen landwirtschaftlichen Betrieb, die Kinder müssen schon früh selbstverständlich mit anpacken. „Sie würden sich wundern, was ich alles kann“, sagt Brigitte Engler und lacht. Ehrlich gesagt, nein. Man glaubt es ihr einfach. Und das gehört auch zu ihren Talenten.

Nach dem Schulabschluss macht Brigitte Engler eine kaufmännische Ausbildung, arbeitet im 20 Kilometer entfernten Münster bei der Kassenärztlichen Vereinigung. Alles ganz nett. „Aber das kann es doch nicht fürs Leben gewesen sein?“, denkt Brigitte Engler. Anders als die Geschwister und auch die besten Freunde, die bis heute alle in der alten Heimat glücklich sind, zieht es Brigitte Engler weg. Sie weiß nur noch nicht, wohin. Bis sie sich 1987 im Skiurlaub in Saint-Luc in der Schweiz in einen jungen Lehrer aus Hamburg verliebt. Wenige Monate später zieht sie zu ihm nach Hohenfelde und nimmt eine Stelle als Assistentin der Verkaufsleitung bei Peek & Cloppenburg an.

Flexible Arbeitszeiten

„16 Jahre habe ich bei P&C gearbeitet, eine tolle Zeit“, sagt Brigitte Engler rückblickend. „Ich bekam die Chance, mich innerhalb des Unternehmens weiterzuentwickeln, neue Bereiche kennenzulernen. Und als junge Mutter war ich dankbar für die flexiblen Arbeitszeiten.“ 1991, ein Jahr nach der Hochzeit, kommt Tochter Charlotte, die heute als Betriebswirtin arbeitet, auf die Welt. 1992 wird Sohn Alexander, der jetzt in Lüneburg Rechtswissenschaften studiert, geboren.

Doch 1998 scheitert die Ehe. Brigitte Engler kauft für sich und die Kinder, nur 800 Meter vom bisherigen Zuhause entfernt, ein kleines Häuschen – und renoviert es in Eigenregie. „So was kann ich ja“, sagt sie und winkt bescheiden ab. Mit dem Vater ihrer Kinder versteht sie sich bis heute gut, sie teilen sich die Erziehung.

Und Brigitte Engler hat, mal wieder, das Gefühl, es sei Zeit für eine berufliche Veränderung. „Stillstand ist gar nichts für mich, und ,Langsam‘ war auch noch nie mein Tempo.“ An der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik (HWP) nimmt sie ein Studium der Betriebswirtschaftslehre auf. „Mit meinem Chef bei P&C hatte ich die Vereinbarung getroffen, dass ich in den Semesterferien mehr arbeite und dafür sonst etwas kürzertreten darf“, sagt sie.

Alles immer eine Frage der Organisation, sagt Brigitte Engler, die morgens vor der Arbeit gern joggt, am Wochenende mit dem Fahrrad die Naturschutzgebiete des Umlands erkundet und auch noch sonnabends den zweiten Sopran im Damen-Likör-Chor von Altona singt, mit dem sie in Norddeutschland regelmäßig auftritt. „Wir sind 30 Frauen, und das ist ein riesiger Spaß.“

Im Sommer 2006 erfährt Brigitte Engler, dass die Position des City-Managers neu besetzt werden soll – und dass es schon 48 Bewerbungen gebe. Von 48 Männern. „Ich glaube nicht, dass das Geschlecht ausschlaggebend war. Klar hatte man nichts gegen eine weibliche Herangehensweise. Aber das Auswahlverfahren war so hart, da musste man schon inhaltlich punkten.“

Arm gebrochen

Und das tut Brigitte Engler. Ihre Präsentation überzeugt, der Ansatz – vor zwölf Jahren noch neu –, vor ­allem auch Kreuzfahrttouristen in die Stadt zu holen, bleibt im Gedächtnis, wie ihr Gipsarm. „Das war etwas ungünstig. Ich hatte mir am Vorabend beim Inlineskating den Arm gebrochen“, sagt sie, zieht den rechten Ärmel hoch und zeigt eine lange Narbe. „Seither mache ich das nicht mehr.“

Ein Lieblingsgeschäft hat sie natürlich auch

Dafür hat sie im vergangenen Jahr auf Mallorca das Tauchen für sich entdeckt. „Wobei ich nach dem ersten Tag unter Wasser ­dachte: Schrecklich, das ist gar nichts für mich.“ Aufgeben war für Brigitte Engler aber noch nie eine Option. Und in diesem Fall schon mal gar nicht. „Ich hatte ja schon vor dem Urlaub die ganze Theorie gebüffelt. Das wäre auch blöd gewesen für nur einen Tauchgang.“

Sie versucht es am nächsten Tag wieder – und ist begeistert, was auch ihren Lebenspartner Torsten, einen begeisterten Hobbytaucher, freut. Gerade war das Paar im Tauchurlaub in Indonesien. „Es ist natürlich toll, dass wir das jetzt zusammen machen können“, sagt Brigitte Engler.

Abtauchen von einem Job, den sie liebt, der aber auch viele Abendtermine und Dienststunden am Wochenende mit sich bringt, das braucht Brigitte Engler ab und zu. Etwa fünfmal im Jahr trifft sie sich mit dem Vorstand des City-Managements, um zu besprechen, was die Händler umtreibt. Eine Kernfrage sei gewesen, wie viele Großveranstaltungen die Innenstadt eigentlich vertrage. „Es war teilweise zu viel und einfach zu geballt. Wir sind im ständigen Austausch mit der Politik und haben uns dafür starkgemacht, dass eine Entzerrung stattfindet“, sagt Brigitte Engler. Die Konkurrenz durch den Onlinehandel sei natürlich seit Jahren ein Dauerthema. „Fairerweise muss man sagen, dass es Kleinstädte noch viel härter trifft als uns hier in Hamburg.“ Die Elbphilharmonie, die Musicals, die Angebote der Museen, aber auch die Vielfalt der Geschäfte ziehe immer noch viele Einkäufer, auch gerade aus dem Umland, in die City. „Aber natürlich hat sich der Kunde verändert. Er ist im Schnitt informierter als früher, weiß genau, welches Modell er möchte und was es im Internet kostet.“

Kritik an der Innenstadt

Die oft zitierte Kritik, dass es in der Hamburger Innenstadt nur noch die großen Filialisten gebe und die Spitalerstraße sich auch nicht mehr groß von einer Einkaufsmeile in Frankfurt oder Stuttgart unterscheide, lässt Brigitte Engler nicht gelten. Charmant lächelnd entgegnet sie: „Das höre ich oft. Und dann sage ich immer: Darf ich mal fragen, wann Sie zuletzt in einem inhabergeführten Laden eingekauft haben? Ich meine, der Kunde hat doch die Macht und entscheidet durch sein Kaufverhalten, was sich hält und was nicht.“

Außerdem gebe es allein in ihrem Bereich, also in City und HafenCity, insgesamt 189 Traditionsgeschäfte und Boutiquen. Von Hut Falkenhagen über Ladage & Oelke bis zur Buchhandlung Felix Jud. Die hätten natürlich nicht die Ladenflächen wie H&M oder Saturn. „Aber es gibt diese Läden, und wir tun alles dafür, dass sie noch lange bleiben.“

Ein Ziel für 2019 sei es, dafür zu kämpfen, dass der Fußweg zwischen Innenstadt und HafenCity attraktiver werde. „Das sind nur 800 Meter, aber wenn die nicht schön sind, läuft da keiner hin“, sagt Brigitte Engler. So müsse ihrer Meinung der Domplatz dringend umgestaltet werden. „Aber so, dass er auch belebt ist. Ich fand die Idee einer Markthalle ja immer toll.“

Ein paar Weihnachtsgeschenke muss auch Brigitte Engler noch besorgen. Natürlich kaufe sie in der Innenstadt ein, Ehrensache. Ob sie als City-Managerin ein Lieblingsgeschäft haben dürfe? „Na ja“, sagt sie zögernd. „Man trifft mich am ehesten in einem großen Bekleidungsgeschäft an der Mönckebergstraße, in dem ich mich immer noch sehr gut auskenne.“

Im Herzen sei sie eine treue Seele. „Das sage ich auch immer, wenn die Frage kommt, wie lange ich den Job eigentlich machen will.“