Eimsbüttel

Großer IS-Anschlag geplant? Polizei nimmt Hamburgerin fest

Razzia an der Kieler Straße:  Beteiligt an dem Einsatz waren Beamte des BKA, des LKA und der Bundespolizei.

Razzia an der Kieler Straße: Beteiligt an dem Einsatz waren Beamte des BKA, des LKA und der Bundespolizei.

Razzia an Kieler Straße. 40-Jährige soll bereit gewesen sein, einen Terroristen zu heiraten, um ihn zu tarnen.

Hamburg.  Der Generalbundesanwalt geht von einem Attentat mit „zahlreichen Todesopfern“ aus: Weil sie Pläne für einen Anschlag der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) auf eine Großveranstaltung in Deutschland unterstützt haben soll, hat der Generalbundesanwalt die Hamburgerin Songül G. (40) festnehmen lassen. Vom frühen Dienstagmorgen bis in die Abendstunden durchsuchten Bundeskriminalbeamte ihre Wohnung an der Kieler Straße (Eimsbüttel). Songül G. soll am Mittwoch dem Haftrichter am Bundesgerichtshof vorgeführt werden.

Bekannt geworden waren die Anschlagspläne bereits im Oktober. Laut Bundesanwaltschaft sollten 2016 drei Attentäter-Teams nach Deutschland eingeschleust werden. Um unverdächtig zu erscheinen, sollten die Männer von eingeweihten „Glaubensschwestern“ beherbergt und geheiratet werden. Angeblich planten sie einen Sprengstoff-Anschlag auf ein großes Musikfestival in der deutschen Provinz. Dabei spielten die 2015 nach Syrien gereisten deutschen Eheleute Marcia M. und Oguz G. eine zentrale Rolle. Sie hatten sich im Oktober 2017 in Syrien der Kurdenmiliz YPG ergeben und sollen mit Geheimdiensten über den geplanten Anschlag gesprochen haben.

Über eine Telefonnummer konnte das BKA Marcia M.s Kontaktperson in Hamburg ausfindig machen: Songül G. Um den Attentats-Plan zu unterstützen, soll sie im September 2016 unter erfundenen Personalien eine Mobilfunknummer registriert und für Marcia M. bei Telegram und bei WhatsApp Accounts angelegt haben. Zudem habe sie sich bereit erklärt, zu Tarnzwecken einen der potenziellen Attentäter zu heiraten. Daraufhin hätten zwei Terroristen versucht, nach Deutschland zu reisen – allerdings vergeblich.

Razzia mit BKA-Ermittlern am frühen Morgen

Dienstagmorgen, 6 Uhr. Es ist noch dunkel, als die Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA) eintreffen. Sie werden unterstützt von Beamten der Bundespolizei und der Hamburger Polizei. Einsatzort: ein unscheinbaren Mehrfamilienhaus an der viel befahrenen Kieler Straße, schräg gegenüber der Tierhandlung „Futterhaus“. Ziel der vom Generalbundesanwalt angeordneten Operation ist eine Frau, die der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) bei der Vorbereitung eines mutmaßlich verheerenden Anschlags in Deutschland geholfen haben soll: Songül G., deutsche Staatsangehörige, geboren im März 1978 in Bremen.

Die Beamten laufen hoch ins dritte Geschoss des noch recht neuen Wohnhauses, hier lebt die mutmaßliche Islamistin und Terrorhelferin. Offenbar verläuft die Festnahme problemlos. Danach durchsuchen Bundeskriminalbeamte bis zum späten Nachmittag ihre Wohnung, immer wieder verlassen BKA-Beamte mit vollgepackten Taschen das Haus. Von den Ermittlern will sich niemand zu dem Einsatz äußern, zunächst läuft alles noch unter strengster Geheimhaltung – bis kurz nach der Festnahme von Songül G. die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe eine Mitteilung veröffentlicht.

Beamte durchsuchen bis zum späten Nachmittag ihre Wohnung

Darin ist die Rede von einem geplanten Attentat des IS auf eine „nicht näher konkretisierbare Großveranstaltung“ in Deutschland „mit zahlreichen Todesopfern“, von Hochzeiten zu Tarnzwecken und konspirativen Chats. Im Mittelpunkt steht Songül G. – die 40-Jährige soll in vier Fällen den IS und den geplanten Anschlag auf deutschem Boden unterstützt haben. Am heutigen Mittwoch soll sie dem Haftrichter am Bundesgerichtshof vorgeführt werden.

Wie das Abendblatt erfuhr, ist Songül G. strafrechtlich bisher nicht in Erscheinung getreten. Wann sie sich radikalisiert hat – unklar. Nach den bisherigen Ermittlungen gehörte die 40-Jährige zu einem Netzwerk von „Glaubensschwestern“ in Deutschland, aufgebaut vor zwei Jahren von der damals in Syrien lebenden deutschen IS-Terroristin Marcia M. Zu ihr habe Songül G. einen „regelmäßigen Kontakt“ gepflegt, so die Bundesanwaltschaft.

Marcia M. war 2015 ins IS-Kriegsgebiet nach Syrien gereist

Marcia M., Elektronikerin aus Salzgitter, war 2015 mit ihrem Ehemann, dem Hildesheimer Oguz Z., ins IS-Kriegsgebiet nach Syrien gereist. Beide entwickelten sich, wie die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtet, zu glühenden Anhängern der Terrormiliz. Im Jahr 2016 seien sie mit einer „Spezialmission“ betraut worden. Marcia M. sollte demnach „Schwestern“ in Deutschland ausfindig machen, die sich bereit erklärten, potenzielle Attentäter des IS zu heiraten – damit sich diese in Ruhe auf den Anschlag vorbereiten konnten. Einen der für das Blutbad ausgewählten Terroristen wollte auch Songül G. heiraten – so zumindest der Vorwurf der Bundesanwaltschaft. Drei Terrorzellen mit je zwei Kämpfern sollten von Herbst 2016 an nach Deutschland eingeschleust und hier mit willfährigen „IS-Bräuten“ verheiratetet werden.

Bei der Rekrutierung der Terrorhelferinnen im norddeutschen Raum beging Marcia M. jedoch unwissentlich einen folgenschweren Fehler. Sie kontaktierte im Herbst 2016 per Chat eine vermeintliche IS-Sympathisantin – tatsächlich soll es sich um eine verdeckte Ermittlerin des Verfassungsschutzes gehandelt haben. Seither war ihr der Geheimdienst auf den Fersen und der Anschlag damit in einem frühen Planungsstadium gescheitert. Laut „Zeit“ wollte der IS in der deutschen Provinz ein Blutbad anrichten. Um möglichst viele Menschen in den Tod zu reißen, sollten wohl während eines Musikkonzertes Sprengsätze gezündet werden.

Attentäter sollten sich operativ verändern lassen

Als der IS nach blutigen Kämpfen im Herbst 2017 zerfiel, ergaben sich die Eheleute der Kurdenmiliz YPG – und packten gegenüber dem Bundesnachrichtendienst (BND) aus. Einige der potenziellen Attentäter hätten demnach vom IS die Order erhalten, ihr Aussehen zu verändern – sie sollten sich einer Nasenoperation oder einer Haartransplantation unterziehen. Ein anderer sollte in Deutschland bewusst „unislamisch“ auftreten, sollte Alkohol trinken und sich tätowieren lassen, um nicht als IS-Anhänger verdächtigt zu werden. Um die Rückkehr der noch in Syrien festgehaltenen Eheleute bemüht sich Deutschland noch immer. Songül G. soll das Bundeskriminalamt über eine Telefonnummer als Kontaktperson von Marcia M. ausfindig gemacht haben. Im Fall einer Verurteilung drohen G. bis zu zehn Jahre Haft.

Hamburg gilt als Hochburg der deutschen Islamisten-Szene. So stieg die Zahl der Islamisten laut Hamburger Verfassungsschutz von 1355 Menschen im Jahr 2016 auf 1565 Menschen im Vorjahr. Darunter sind 780 Anhänger der salafistischen Szene, denen wiederum 420 Jihadisten angehören – Extremisten also, die den militanten Jihad (2016: 670) unterstützen.

Seit 2016 standen sieben IS-Anhänger vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht (OLG), der erste war der IS-Rückkehrer Harry S. In Verfahren gegen zwei weitere Männer wurde den Angeklagten zwar keine Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung zur Last gelegt – allerdings gab es ideologische Bezüge zum IS. Erst vor zwei Wochen hat das OLG den Syrer Yamen A. zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Nach Überzeugung des Gerichts wollte der 20-Jährige in seiner Schweriner Wohnung Sprengsätze bauen und in einer Menschenmenge zünden. Bei dem geplanten Anschlag mit einer Autobombe sollten 200 Menschen in Deutschland sterben oder verletzt werden.