Stadtplanung

Hamburg reserviert ein Viertel der Stadtfläche für Natur

Idylle in Hamburgs Osten – grüne Gärten auf der  Billerhuder Insel.

Idylle in Hamburgs Osten – grüne Gärten auf der Billerhuder Insel.

Foto: Axel Tiedemann

Trotz Verdichtung: Ein Verbund aus Biotopen und Grünflächen soll sich auf rund 23 Prozent der Stadtfläche erstrecken.

Hamburg. Die Stadt will ihre Natur und die hier lebenden Tiere und Pflanzen künftig besser schützen und ihnen mehr Lebensräume sichern. Dafür hat der Senat am Dienstag fast ein Viertel der Hamburger Fläche dem sogenannten Biotopverbund zugeschlagen. Als Biotopverbund wird ein zusammenhängendes Netz von natürlichen Lebensräumen (Biotopen) bezeichnet, in dem sich Arten frei bewegen können, ohne dass es unüberwindliche Hindernisse zwischen einzelnen Gebieten gibt.

Beschluss für Bebauung nötig

Insgesamt 23,2 Prozent der Hamburger Fläche wurden nun im Landschaftsprogramm als Teil des bundesländerübergreifen Biotopverbundes „planerisch gesichert“ – deutlich mehr als die bundesgesetzlich vorgeschriebenen 15 Prozent. Die gesicherten Flächen können laut Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) nun nicht mehr ohne Weiteres bebaut werden. Zwar bestehe nicht für alle Gebiete automatisch ein absoluter Schutz, wie bei Naturschutzgebieten. Vor einer anderweitigen Nutzung müssten aber Senat und Bürgerschaft einen Beschluss darüber fällen, was eine einfache Verplanung unmöglich mache.

Artenvielfalt schützen

„Außerhalb der Naturschutzgebiete ist nahezu jeder Flecken Landschaft genutzt“, sagte Kerstan. „Die natürlichen Lebensräume werden immer kleiner. Durch die industrielle Landwirtschaft sind viele Arten bedroht, gerade die Städte werden als Räume der Artenvielfalt immer wichtiger. Deshalb müssen die Biotope in der Stadt auch langfristig miteinander verbunden werden.“

Dazu diene der Biotopverbund, so Kerstan. „Er soll einer weiteren Zerschneidung der natürlichen Lebensräume von Pflanzen und Tieren entgegenwirken. Der Biotopverbund ist ein wichtiger Schritt, Natur und Grün in der Stadt langfristig zu sichern.“

Viele Tiere wieder heimisch

Der stärkere Schutz des Grüns und der Tiere und Pflanzen komme allen zu Gute. Die Entscheidung sei „ von besonderer Bedeutung, um die Wanderung wild lebender Tiere und Pflanzen zu ermöglichen und so ihren Bestand einschließlich ihrer Lebensräume zu erhalten“, so die Umweltbehörde. So seien etwa Otter und Biber, Moorfrosch und Rotbauchunke oder seltene Vogelarten wie die Feldlerche oder Uferschnepfe wieder in Hamburg heimisch.

Im Video: So viel Grün gibt es in Hamburg

Hamburgs Grün in Zahlen

„Auch für Insekten und Schmetterlinge – deren Bestände zuletzt dramatisch geschrumpft sind – bieten die Biotopflächen wichtige Lebensräume“, so die Umweltbehörde. „Pflanzen wie Sumpfdotterblume, Silbergras und Sonnentau sind in ihren Vorkommen ebenfalls ein Hinweis auf die besondere ökologische Qualität Hamburger Lebensräume.“

Wichtige Naturerlebnisräume vor der Haustür

Für die Hamburgerinnen und Hamburger seien die Biotopverbundflächen „wichtige Naturerlebnisräume vor ihrer Haustür“. Teile davon sollten künftig gezielt entwickelt und aufgewertet werden, etwa im Rahmen des Projekts „Natürlich Hamburg!“ oder bei der Entwicklung der Ringe und Landschaftsachsen im Grünen Netz. Neben den bestehenden Naturschutzgebieten gehören zum neuen Verbundgebiet laut Senat auch „Naturdenkmäler, besonders wertvolle Teilbereiche von Landschaftsschutzgebieten, gesetzlich geschützte Biotope und anderweitig gesicherte Biotopverbundflächen“. Die Schwerpunkte liegen demnach „an Gewässerläufen mit wertvollen Uferbereichen, im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer, in den Marschgebieten Hamburgs mit Grünlandnutzung, in den Feldmarken und den Waldflächen am Stadtrand sowie in den waldartigen Parkanlagen wie dem Altonaer Volkspark, dem Stadtpark, sowie dem Ohlsdorfer und dem Öjendorfer Friedhof (samt Park)“.

Korridore erforderlich

Zusätzlich zu den jetzt festgelegten Schutzgebieten werden laut Umweltbehörde 3,7 Prozent der Landesfläche „als Prüfflächen benannt“. Hier soll noch ermittelt werden, ob sie dem Verbund ebenfalls zugeschlagen werden können. Auch der Klimawandel erfordere einen besseren Schutz von Tieren und Pflanzen, so die Umweltbehörde „Da sich die Verbreitung von Arten verschiebt, ist die Schaffung von Korridoren zur Vernetzung von Lebensräumen erforderlich. Der Verbund mit naturnahen Bereichen im Hamburger Umland ist mit den Nachbarbundesländern abgestimmt. In Niedersachsen und Schleswig-Holstein werden die Biotopverbundflächen in der dortigen Landschaftsplanung dargestellt.“

Naturschutzbund lobt die Senats-Entscheidung

Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu), der aktuell mit einer Volksinitiative für den Erhalt des Hamburger Grüns gegen den weiter wachsenden Wohnungsbau kämpft, begrüßte die Entscheidung des Senates. Nun müsse auch den neuen „Prüfflächen“ ein „rechtlicher Schutzstatus verleihen werden, so wie es die Vorgaben des Bundesnaturschutzgesetzes fordern“, sagte Nabu-Vorstand Alexander Porschke. „Der Biotopverbund darf nicht nur auf dem Papier existieren. Der Nabu wird genau darauf achten, ob der nun beschlossene Biotopverbund bei Wohnungsbau-, Gewerbe und Infrastrukturprojekten in Hamburg tatsächlich die Sicherungswirkung für Natur und Grün entfaltet, wie es der Senat heute ankündigt.“