Harburg
Dornröschenschlaf

Wie ein Verein Karoxbostel wachküsste

Foto: HA

Die Wiederbelebung der alten Wassermühle wirkt sich auf den ganzen Ort aus – mit allen Vor- und Nachteilen.

Karoxbostel.  Man kann es nicht anders sagen: Der Mühlenverein aus Karoxbostel hat den gesamten Ort aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Als die Ehrenamtlichen im Jahr 2012 begannen, das vor dem Verfall stehende historische Gebäudeensemble wiederaufzubauen, ahnte wohl niemand, dass damit auch in ganz Karoxbostel eine neue Zeit anbrechen würde. Um die 70 Einwohner zählt der Ort, der zuletzt vor allem wegen der Spielbank an der Winsener Landstraße auch Auswärtigen ein Begriff war. Das war allerdings schon vor mehr als 50 Jahren, im Jahr 1966 wurde die Spielbank geschlossen.

„Woher kommen Sie? Castrop-Rauxel?“ Elke Derboven kann sich noch an Zeiten erinnern, in denen sie Fremden immer ganz genau erklären musste, dass sie mit der Stadt im Ruhrgebiet nichts am Hut hat. Der Name des unbekannten Karoxbostel war einfach ein zu großer Zungenbrecher und schnell mit Castrop-Rauxel zu verwechseln. Heute muss die Senior-Chefin des Hotels Derboven nicht mehr groß erläutern, wo ihr Heimatort liegt. Karoxbostel ist da, wo die Wassermühle ist.

„Es ist einfach toll, was hier passiert ist“, freut sie sich. Ihr Hotel würde von der Wiederbelebung der Mühle nur profitieren. Die Trauungen, die seit 2016 in der Mühle möglich sind, führen dazu, dass viele Paare nach der Zeremonie mit der ganzen Hochzeitsgesellschaft zum Kaffeetrinken in das wenige hundert Meter entfernte Hotel Derboven kommen.

Andersherum spazieren auch regelmäßig ihre eigenen Gäste zur Mühle hinüber. Bei großen Veranstaltungen an der Mühle hilft die hoteleigene Küche außerdem aus, wenn der Kuchen für die Gäste knapp wird. „Weil wir so nah dran sind, können wir schnell nachliefern.“ Man kennt sich in Karoxbostel – und hält zusammen.

Dieser Zusammenhalt ist in den Augen von Horst-Dieter Peters Gold wert. Der Besitzer des Archehofs „In lütten Jehrden“ im nahen Glüsingen sieht die Wassermühle als Dorfmittelpunkt für die gesamte umliegende Nachbarschaft an. Zum Mühlenfest und zum Tag des offenen Denkmals hilft Peters ehrenamtlich mit, indem er am Grill steht und das Grillfleisch gleich selbst mitbringt. Damit greift er dem Verein unter die Arme und macht zugleich seinen Archehof bekannter.

Mühlenvereinsvorsitzende ist sich der Probleme bewusst

Die Wassermühle als Motor für Karoxbostel und darüber hinaus – für Hittfelds Ortsbürgermeister Thomas Fey trifft dieses Bild voll zu. „Sie ist einfach ein Magnet und fantastisch renoviert worden“, sagt er. Für Hittfeld, mit dem Karoxbostel 1932 offiziell zusammengelegt wurde, sei die Mühle eine Bereicherung. Jeder Magnet hat aber nicht nur einen Plus-, sondern auch einen Minuspol. Bei der Wassermühle ist Letzteres die schiere Größe mancher Veranstaltungen.

Fahrzeuge verstopfen dann den Ort, Stoßstange steht an Stoßstange, alles ist dicht. Karoxbostel im Ausnahmezustand. „Teilweise parken manche Besucher die Auffahrten komplett zu“, sagt Anwohner Mike Niemann. Als er einmal einem Nachbarn bei der Heuernte helfen wollte, sei er schlichtweg nicht vom Hof gekommen.

Auch würden manche Hochzeitsgesellschaften, die durch den Ort ziehen, ihren Müll in die Vorgärten werfen. „Das ist einfach nicht schön.“ Seine Großmutter Traute Niemann relativiert das Problem. Ja, das sei nicht schön, dafür gebe es aber auch viel Positives. „Die Gebäude sind richtig toll geworden, alles sieht schön aus“, sagt sie. Sie freue sich, dass in der Mühle wieder etwas los ist.

Emily Weede ist sich der Probleme durchaus bewusst. Die Vorsitzende des Mühlenvereins zählt deshalb auf, was sie dagegen unternimmt: Einen ein Hektar großen Parkplatz nahe der Autobahnbrücke hat der Verein extra dazugekauft, bei den drei Großveranstaltungen Mühlentag, Tag des offenen Denkmals und Adventsmarkt wird zusätzlich eine ein Hektar große Weide zum Parkplatz umfunktioniert.

Es gibt einen Parkplatzdienst, der Seitenstreifen in der Kurve ist mit Flatterband abgesperrt, damit dort niemand verkehrsbehindernd parkt, die Vereinsmitglieder kommen größtenteils mit dem Fahrrad und viele andere Besucher mit der Buslinie 343, die über Maschen und Flee­stedt fährt und beim Hotel Derboven hält. „So versuchen wir, das Problem abzufedern.“ Da es aber nur drei Mal im Jahr zu den Großveranstaltungen kritisch wird, wenn insgesamt mehrere Tausend Besucher kommen, hofft sie auf das Verständnis der Anwohner. „Einen zweiten Kiekeberg mit Highlife an jedem Wochenende wird es nicht geben“, verspricht sie.

Das wäre wohl selbst Gewerbetreibenden wie Ellen Kummerfeld, Chefin der benachbarten Schmiede Engber, zu viel, die ebenfalls die Parkplatz-Problematik als eine große Baustelle empfindet. Ansonsten sieht sie die Wiederbelebung der Mühle positiv, da so nicht zuletzt auch mehr potenzielle Kunden auf ihren Betrieb aufmerksam werden.

Mit ihren Mitarbeitern unterstützt sie den Verein regelmäßig bei kleineren und größeren Arbeiten. Nur eine Sache beschäftigt sie immer wieder: Was würde wohl August-Wilhelm dazu sagen, wenn er sehen würde, wie 1000 Leute über seinen Hof strömen? Der letzte Besitzer galt als herzlich, aber auch verschroben und menschenscheu. „Das geht mir einfach oft durch den Kopf“, sagt sie.

Zweieinhalb Hektar zusätzlich

Die Arbeit an der Wassermühle Karoxbostel geht weiter. 2019 möchte der Verein die alte Hofweide, das Hofgehölz und den Nutzgarten wiederbeleben, die sich auf der gegenüberliegenden Seite der Karoxbosteler Chaussee befinden. Dazu muss er insgesamt 2,5 Hektar Land erwerben. Es sollen nachhaltige Projekte folgen, die deutlich machen, wie sich Kulturlandschaften verändern. Der Obstgarten soll wiederhergestellt werden und die alte Hofweide ein Abbild der verschiedenen Biotope sein.