Boberg

Der frustrierende Kampf um die Rückkehr ins Unwetter-Haus

Fünf Monate nach dem schweren Christi-Himmelfahrts-Unwetter ist das Haus von Dirk und Britta Rieckmann immer noch eine Baustelle.

Fünf Monate nach dem schweren Christi-Himmelfahrts-Unwetter ist das Haus von Dirk und Britta Rieckmann immer noch eine Baustelle.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Das Eigenheim von Familie Rieckmann wurde an Christi Himmelfahrt überschwemmt. Seither lebt sie zwischen Hoffen und Bangen.

Hamburg.  An einem Abend im Herbst steht Britta Rieckmann im Schuppen neben ihrem Haus und sortiert, was nach der Überschwemmung noch zu retten war. Ein aufgetürmter Berg aus Baumstämmen liegt auf dem Weg. Handwerker wuseln herum. Eimer, Werkzeuge, Kabel – das Grundstück ist noch immer eine Baustelle.

Knapp fünf Monate vorher wurde Familie Rieckmanns Traum vom Eigenheim zum Alptraum. Das frisch renovierte und erst neun Tage bewohnte Haus der Familie wurde von dem schweren Unwetter, das an Christi Himmelfahrt in Teilen Hamburgs und Schleswig-Holsteins wütete, zerstört. Von dem rund 126 Quadratmeter großen Einfamilienhaus stand nur noch der Rohbau. Besonders bitter: Die nur einen Tag vor dem Unwetter abgeschlossene Gebäudeversicherung mit Elementarschutz war auf den 1. Juni, also rund drei Wochen später, datiert. Die Hausratversicherung, ebenfalls mit Elementarschutz, enthielt eine Klausel, die diese erst 14 Tage später aktiv werden ließ.

Nach der ersten Hiobsbotschaft, der Absage der Versicherung, folgte jedoch ein klein wenig Erleichterung: Die Hausratversicherung zahlte schließlich doch. 30.000 Euro sind jedoch nicht genug, um ein Haus komplett zu sanieren, zu renovieren und neue Möbel anzuschaffen. Zumal während der gesamten Zeit der Kredit für das Haus unaufhörlich weiterlief – und läuft. Die Familie musste zudem noch auf das Gutachten warten, das klären sollte, ob das Haus überhaupt zu retten ist. Und über all dem stand die Angst, wieder einzuziehen, denn das Grundstück ist akut überschwemmungsgefährdet.

Bis auf die Grundmauern wurde alles zerstört

Der provisorische Faltpavillon steht auch im Herbst noch auf der Terrasse. Ein Wohnzimmerersatz im Freien. Denn bewohnbar ist das Haus der Familie zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht. „Wir hoffen, dass wir zu Weihnachten wieder einziehen können. Das wäre schön“, sagt Britta Rieckmann.

Doch was hat das Gutachten ergeben? „Da stand drin, dass das Haus noch zu retten ist, aber alles erneuert werden muss.“ Eine Menge Arbeit liegt somit noch vor ihnen. „Elektrik, Heizung, Putz von den Wänden, Fußböden raus. Die Grundmauern und die Fenster können bleiben, ansonsten nichts.“ Bis zu dieser Erkenntnis hat es jedoch gedauert. Mehrere Wochen haben sie auf das von der Stadt versprochene kostenlose Gutachten warten müssen. „Ich habe täglich hinter dem Gutachter her telefoniert und wurde immer vertröstet. Das war echt frustrierend“, sagt die 51-Jährige.

Im Zuge der Renovierung haben die Rieckmanns einige Änderungen vornehmen lassen. Den Eingangsbereich haben sie in den vorderen Grundstücksteil verlegt. Dafür wurde ein Küchenfenster zur Tür umgebaut. Zudem wird das Bad vergrößert. „Unser Sohn wird nicht wieder mit einziehen“, sagt Dirk Rieckmann. Der 22-Jährige hat sich eine eigene Wohnung gesucht. „Dann hat er wenigstens wieder ein vernünftiges Zuhause.“ Das Paar selbst wollte bereits im Oktober wieder einziehen. Doch daraus wurde nichts. Auch Ende September wohnen die beiden noch bei Britta Rieckmanns Mutter in Horn – drei Erwachsene, drei Zimmer. „Sie ist jetzt erst mal bis Ende des Monats auf einen Campingplatz gezogen, damit wir alle mal ein bisschen Ruhe haben.“

Enormer Wertverlust

Dirk und Britta Rieckmann wirken abgekämpft und müde. Kein Wunder. Seit dem Unglück waren sie jeden Tag auf der Baustelle. Nach der Arbeit und am Wochenende. Urlaub können sie keinen mehr nehmen. Ihren Jahresurlaub haben sie im April aufgebraucht, um das Haus einzugsfertig zu machen. Doch die beiden lächeln wieder. Ein bisschen Hoffnung ist in ihre Gesichtszüge zurückgekehrt. „Wir haben hier immer viele helfende Hände, das ist echt schön“, sagt Britta Rieckmann.

Nach dem Abendblatt-Bericht Ende Juni haben sie zahlreiche Hilfsangebote bekommen. „Wir haben E-Mails von Handwerkern bekommen, uns wurden Möbel angeboten und auch kleine Geldspenden. Es war überwältigend! Damit haben wir nicht gerechnet“, sagt die medizinische Fachangestellte und führt durch das Haus, in dem gerade neue Böden verlegt werden. Im Inneren sieht es noch immer mehr nach Rohbau denn nach annähernd bezugsfertigem Eigenheim aus. Von manchen Wänden bröckelt der Putz, das komplette Inventar – auch die Küche und das Bad – wurden entfernt, über allem liegt eine dichte Schicht Baustaub. Doch es geht voran.

Und jetzt, kurz vor Weihnachten, steht der Einzug tatsächlich kurz bevor. Am Wochenende wollen die Rieckmanns zurückkehren. Das basiert jedoch nicht auf einer komplett freien Entscheidung, zumindest nicht bei Britta Rieckmann, sondern auf einem Mangel an Alternativen. Denn: Das überschwemmungsgefährdete Haus zu verkaufen wäre mit einem enormen Wertverlust verbunden, es anzuheben unbezahlbar, ein Neubau auf einer anderen Fläche des Grundstücks nicht möglich, da es in einem Landschaftsschutzgebiet liegt.

Fast alles verloren

So stellt sich nach wie vor die Frage, wie das Haus bei einem erneuten Starkregen geschützt werden kann. Das Regenauffangbecken hinter der Bahnüberführung, die an das Grundstück grenzt, wurde zwar mittlerweile vom Gestrüpp befreit und der Graben neben der Straße, die am Haus vorbeiführt, den die Wassermassen des Unwetters eingedrückt haben, befestigt, aber ob das reicht? Auf Nachfrage bei der Stadt, ob an den baulichen Gegebenheiten des Grundstücks etwas geändert werden kann, um es sicherer zu machen, hat Britta Rieckmann keine Antwort erhalten. „Das macht mich schon ein bisschen traurig.“

Bei den Arbeiten am Graben wurde zudem das Telefonkabel gekappt. Und wieder stellt sich die Frage nach der Zuständigkeit, denn das Grundstück in Boberg liegt direkt an der Landesgrenze zu Schleswig-Holstein. Auch beim Gas ist nicht klar, welches der beiden Bundesländer zuständig ist. Es ist jedoch eine wichtige Frage, denn die beiden wollen die Heizung ins Haus verlegen und müssen dafür die Gasleitung verlängern. Also haben sie selber Hand angelegt, genauso wie beim Thema Flutschutz. Für Britta Rieckmann war das eine notwendige Bedingung, um überhaupt wieder zurückzukehren: „Ohne Flutschutztüren ziehe ich hier nicht wieder ein.“ Die Angst ist geblieben. „Bei starkem Regen satteln wir sofort die Hühner und fahren hierher“, sagt sie.

Auch wenn die Rieckmanns am Himmelfahrtstag fast alles verloren haben, ab und zu tauchen ein paar Gegenstände aus ihrem alten Leben wieder auf. „Erst kürzlich habe ich die Autopapiere in den Blumenbeeten gefunden“, sagt Britta Rieckmann. „Hin und wieder finden wir auch mal einen Schuh, aber immer nur einen, der zweite bleibt verschwunden.“

Faltpavillon ist zusammengebrochen

Traurig sind die beiden über die bis heute nicht erfolgten Reaktionen der Maklerin und des Vorbesitzers. Die Klage auf nachträgliche Kaufpreisminderung gegen ihn läuft noch, aber mit wenig Aussicht auf Erfolg. Wie gefährdet das Grundstück ist, hatte der Familie im Vorfeld niemand gesagt. Auch eine neue Gebäudeversicherung zu bekommen, war kein einfaches Unterfangen. Die alte hatte sie, nachdem, was passiert ist, gar nicht erst aufgenommen und den Vertrag widerrufen. Neben den Flutschutztüren war jedoch auch eine neue Versicherung Prämisse für das Paar, um wieder einzuziehen.

Der Faltpavillon im Garten ist mittlerweile zusammengebrochen. Doch er hat seinen Dienst getan und wird nicht mehr gebraucht. Wenn sie über Weihnachten in den eigenen vier Wänden spricht, klingt in Britta Rieckmanns Stimme wieder Freude mit. „Die ganze Familie wird bei uns sein.“ Ein Baum darf ebenfalls nicht fehlen. Und wenn die Zeit es erlaubt, soll die endlich fertige Küche eingeweiht werden. „Zu Weihnachten backe ich traditionell immer Mandelhörnchen. Ich habe mir fest vorgenommen, dass es auch in diesem Jahr klappt.“

Das Paar möchte sich ganz herzlich bei allen Lesern bedanken, die sich bei ihm gemeldet haben.