Hamburg

Unwetter-Chaos in Hamburg: Menschen drohten zu ertrinken

Dramatische Szenen im Osten der Stadt. Menschen in Autos eingeschlossen, Häuser evakuiert. Aufräumarbeiten haben begonnen.

Hamburg.  Sonnig und sommerlich warm hatte der Vatertag begonnen – doch dann krachte es. Schwere Unwetter haben gestern Nachmittag im Osten Hamburgs und mehreren Umland­gemeinden für ein Chaos gesorgt. Es gab großflächige Überschwemmungen und erhebliche Sachschäden. Straßen standen teilweise bis zu einem Meter unter Wasser. Es fielen Regenmengen von bis zu 60 Litern pro Quadratmeter.

In Hamburg rückte die Feuerwehr bis in die frühen Morgenstunden zu 1171 Einsätzen aus, sagte Feuerwehrsprecher Werner Nölken. Beteiligt waren auch 65 der 86 Freiwilligen Feuerwehren sowie das THW und die DLRG. 1200 Rettungskräfte waren insgesamt im Einsatz. Nun wird damit begonnen, die Folgen des Unwetters im Norden zu beseitigen. Verletzt wurde niemand, zurück bleiben aber erhebliche Sachschäden. Mehrere Familien haben ihr Zuhause verloren. Besonders prekär war die Lage im Bereich Lohbrügge/Bergedorf. Hier spielten sich teilweise dramatische Szenen­ ab. „Wir haben einen Rollstuhlfahrer aus einer Wohnung geholt, die bereits einen halben Meter unter Wasser stand“, sagte Nölken­.

Zwei Häuser für unbewohnbar erklärt

Für ein Wohngebäude am Dünenweg sprach der Statiker ein Betretungsverbot wegen Einsturzgefahr aus. In Oststeinbek musste ein weiteres Haus evakuiert werden. Beide Häuser sind unbewohnbar. Im benachbarten Havighorst stand eine Tiefgarage bis zu drei Meter tief unter Wasser. Am Oberen Landweg und Ladenbeker Furtweg fuhren Autos durch 50 Zentimeter hoch stehendes Wasser. Viele verloren dabei ihre Kennzeichen, erklärte die Polizei. Der Wasserdruck riss sie ab. In Ohlstedt schlug der Blitz in eine Einfamilienhaus ein, in der Rahlstedter Straße Am Knill sackte die unterspülte Fahrbahn ab.

Menschen drohten zu ertrinken

Auch in anderen Wohnungen und selbst in Fahrzeugen, die auf überfluteten Straßen stecken geblieben waren, wurden Menschen vom hereinflutenden Wasser eingeschlossen und drohten zu ertrinken. „Alle konnten aber rechtzeitig gerettet werden“, sagt Nölken. Am Abend wurden die Feuerwehrtaucher noch einmal alarmiert, nachdem aus einer Unterführung an der B 5 Hilferufe gehört worden waren. Doch nach intensiver Suche konnte dort niemand gefunden werden.

Am Dünenweg in Lohbrügge unterspülten die Wassermassen einen Parkplatz und das Fundament eines angrenzenden, dreigeschossigen Wohnhauses. Es kam zu einem Erdrutsch. Teile des Parkplatzes und Mauern am Gebäude stürzten ein. 15 Bewohner aus neun Apartments mussten das Gebäude eilends verlassen, weil es einzustürzen drohte. Die Bewohner wurden vom Bezirksamt Bergedorf untergebracht. In einer Tiefgarage trieben Chlorbehälter im Wasser umher. Im Unfallkrankenhaus Boberg liefen zwei Etagen des Kellergeschosses voll Wasser. Der Klinikbetrieb sei aber nicht gefährdet, hieß es. „Der Einsatz der Hilfskräfte i wird sich über die ganze Nacht hinziehen“, sagte der Feuerwehrsprecher. In Nettelnburg liefen zahllose Keller voll, die Bewohner halfen sich gegenseitig.

Dramatische Lage in Oststeinbek

Der Straßenverkehr war besonders im Bereich Lohnbrügge und in Billstedt von dem Unwetter betroffen. Die B 5 musste in Höhe Heckkatenweg für Stunden gesperrt werden.

Im Stadtteil Berne konnte die U 1 nicht mehr fahren: Der durchnässte Bahndamm musste gesichert werden. An der Baustelle zur neuen Haltestelle der U 1 in Oldenfelde drohte ein Kran abzusacken. Auch am Freitag verkehrten zwischen den Haltestellen Berne und Farmsen noch keine Züge der Linie U 1.

Dramatisch war die Lage auch in Oststeinbek (Kreis Stormarn). Man erlebe „das größte Hochwasser seit Jahrzehnten“, sagte am Abend der Sprecher der Feuerwehr, Christian Höft. Es liefen 150 Feuerwehreinsätze gleichzeitig, auch der Katastrophenschutz sei beteiligt. In ganzen Straßenzügen seien Keller überflutet, ein Bahndamm drohe abzurutschen, Trafohäuser stünden unter Wasser. Es gebe deshalb auch einen Stromausfall. Zudem traten mehrere Flüsse über die Ufer, ein Haus stand komplett unter Wasser.

Gewitterzelle traf auch Quickborn

Die katastrophalen Auswirkungen des Unwetters hatten laut Dominik Jung, Meteorologe beim Hamburger Institut für Wetter und Klimakommunikation, mit den eher trägen Luftmassen zu tun. Es seien sehr große Regenmengen sehr lange in derselben Gegend gefallen, so Jung.

Eine Gewitterzelle traf auch Quickborn. Der Kreisfeuerwehrverband Pinneberg teilte mit, es seien 130 Einsatzkräfte mehrerer Freiwilliger Feuerwehren und des Technischen Hilfswerks Barmstedt ausgerückt. Neben den starken Regen­fällen kam es hier auch zu ungewöhnlich schwerem Hagelschlag. Die Hagelkörner hätten einen Durchmesser von rund fünf Zentimetern gehabt. Auch im Landkreis Harburg wütete gegen 17.30 Uhr ein schweres Unwetter. Insbesondere in Rottorf und Oldershausen wurden Keller überflutet. Ein Blitz schlug in einer Fa­brik ein, es wurde aber niemand verletzt.

Die Veranstalter des 829. Hafengeburtstages hatten derweil Glück: „Es war, als ob ein Schutzschild über dem Hafengeburtstag gelegen hätte“, sagte Meteorologe Robert Scholz vom Deutschen Wetterdienst. Bis auf einige Regentropfen blieben Hafen und Landungsbrücken vom Unwetter verschont.