Nordkirche

Pastorenmangel in den Kirchen – neue Synodenchefin in Sorge

Mit Weitblick: Ulrike Hillmann, neue Präses der Nordkirchen-Synode, über den Dächern der HafenCity. Im Hintergrund St. Katharinen und St. Nikolai.

Mit Weitblick: Ulrike Hillmann, neue Präses der Nordkirchen-Synode, über den Dächern der HafenCity. Im Hintergrund St. Katharinen und St. Nikolai.

Foto: THORSTEN AHLF

Was wird aus der Nordkirche? Präses Ulrike Hillmann und ihre Pläne für mehr Fachkräfte in den Kirchen in Norddeutschland.

Hamburg.  Adventsempfang von Hamburgs und Lübecks Bischöfin Kirsten­ Fehrs. Neben ihr steht in der Hamburger Hauptkirche St. Katharinen erstmals Ulrike Hillmann, Präsidentin des Landgerichts Kiel. Die Bad Segebergerin ist seit Kurzem Präses der Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche) mit 156 Synodalen. Händeschütteln, freundliche Worte – das sind die Rituale bei Empfängen. Präses Hillmann absolviert sie mit Bravour. Und kennt fast jeden.

Als Nachfolgerin von Andreas Tietze ist die Richterin seit Kurzem die oberste Repräsentantin des Kirchenparlaments – eine Frau, die auch nach ihrer bald bevorstehenden Pensionierung aktiv sein möchte. Für die Dauer von sechs Jahren gewählt, möchte die 65-Jährige die Nordkirche mit ihren mehr als zwei Millionen Mitgliedern mitgestalten und vor allem eines sein: Moderatorin und Vermittlerin zwischen unterschiedlichen Positionen.

Fachkräftemangel in der Kirche

Ihre neue Rolle als Präses bezeichnet Ulrike Hillmann als „dienend“; das letzte Wort habe immer die Synode. Debatten werden gegenwärtig insbesondere über den drohenden Fachkräftemangel geführt. Angesichts der demografischen Entwicklung rechnet die Nordkirche damit, dass von den heute rund 1700 Pastorinnen und Pastoren bis zum Jahr 2030 etwa 900 in den Ruhestand treten. Dagegen können voraussichtlich nur 300 Stellen neu besetzt werden. Kirchliche Personalentwickler sprechen davon, dass die Nordkirche wie auch andere Organisationen und Unternehmen mit einem „eklatanten Fachkräftemangel“ konfrontiert sei.

Präses Hillmann möchte sich dafür einsetzen, dass es für die Nachwuchskräfte genügend Anreize gibt, Pastor und Pastorin in einer Region zu werden. Dazu gehöre ein „familienfreundliches Pastorat“ ebenso wie ein Standort, der nicht allzu weit weg von Kitas und Schulen liegt. Bei der kirchlichen Planung müssten solche Fragen künftig noch stärker berücksichtigt werden, so Hillmann. Die Berufsaussichten für Theologiestudenten, heißt es im Prediger- und Studienseminar der Nordkirche, seien „sehr gut“.

Glaube weckt Zuversicht und Fröhlichkeit

Zum Glück sprudeln die Kirchensteuern noch kräftig. Im kommenden Jahr werden es voraussichtlich 533 Millionen Euro sein. „Ich möchte den Kirchensteuerzahlern ausdrücklich dafür danken, dass sie kirchliche und diakonische Arbeit unterstützen“, sagt Präses Hillmann.

Aber es müsse auch darum gehen, ergänzende Finanzierungsmodelle weiterzuentwickeln, damit die Kirche ihren wichtigen Dienst für so viele Menschen im Norden und auch weltweit wahrnehmen könne. „Gute Fundraising-Modelle sind ein Beispiel dafür, sie bewähren sich bereits an vielen Orten.“ Seit 2010 arbeitet die Juristin hauptberuflich als Präsidentin des Landgerichts Kiel und seit 2008 als Richterin am Schleswig-Holsteinischen Landesverfassungsgericht.

Sie habe die Fähigkeit, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen, und außerdem, fügt sie hinzu, sei sie ein fröhlicher Mensch. Obwohl sie täglich Gerichtsakten studieren muss, hat sie den Blick für das Heitere im Leben der Menschen offenbar nicht verloren. Das habe auch etwas mit ihrem Glauben zu tun. „Der christliche Glaube weckt Zuversicht und Fröhlichkeit. Das möchte ich gern anderen Menschen vermitteln.“ Mit Gottes Hilfe konnte sie auch persönliche Schicksalsschläge wie den Tod ihres Mannes annehmen und verkraften. Der Glaube sei für sie eine „ständige Stütze im Leben“.

Ulrike Hillmann gilt im Kirchenparlament als konservativ. Das mag ein Etikett für eine Haltung sein, die sich nicht mit politischen Positionen gemein macht. So schwamm sie niemals auf der Welle des Feminismus mit. „Aber ich habe mich immer für die Förderung von Frauen eingesetzt“, betont sie. Inzwischen liegt der Frauenanteil in der neuen Landessynode bei 44 Prozent, drei Prozentpunkte höher als bei der vorigen.

Obwohl die Richterin in Kiel wohnt und arbeitet, ist ihre religiöse Heimat die Marienkirche in Bad Segeberg geblieben. Dort wurde sie getauft und konfirmiert, dort engagierte sie sich als Mutter zweier Kinder in der Kindergottesdienst-Arbeit, und dort besucht sie immer wieder Gottesdienste und kirchliche Veranstaltungen. Zumal in Bad Segeberg ihre Schwester und Freunde wohnen. Der Glaube, sagt Ulrike Hillmann, kann ein Zuhause sein, das unabhängig von konkreten Orten ist. Das spürt sie in der erst 2012 gegründeten Nordkirche: „Wo auch immer ich in unserer Kirche unterwegs bin zwischen Helgoland, Elbufer und Oderstrand – überall fühle ich mich beheimatet“, sagt die neue Präses, die zugleich in der Kirchenkreissynode engagiert und nun auch Mitglied der Kirchenleitung der Landeskirche ist.

Große Sorge bereiten ihr mo­mentan die problematische Entwicklung der Debatten-Kultur hierzulande und das Auseinanderdriften der Ge­sellschaft: „Ein Zeichen dafür ist auch die Verrohung der Sprache und die sinkende Bereitschaft, einander zuzuhören.“ Um dieser Entwicklung zu begegnen, will sie unter anderem auf interreligiöse Verständigung setzen. „Wir müssen dringend den interreligiösen Dialog fortsetzen und brauchen dafür auch weitere Projekte auf regionaler Ebene.“

Spaziergänge und keine Kriminalromane

Ulrike Hillmann ist eine Frau, die ganz in ihrer Arbeit aufgeht. Sie mag keine halben Sachen. Entspannung findet sie bei Spaziergängen an frischer Luft und bei Gesprächen mit Freunden. Wenn die Juristin mal keine Akten liest oder Synodentagungen vorbereiten muss, mag sie Belletristik, hat zuletzt: „Unsere Seelen bei Nacht“ von Kent Haruf gelesen. „Kriminalromane kommen eher nicht infrage.“