Hamburg

Ein Helmut-Schmidt-Denkmal für 70 Cent

Peer Steinbrück (SPD), Kuratoriumsvorsitzender der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung, gestern mit Olaf Scholz (SPD) und Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) im Rathaus (v. l.).

Peer Steinbrück (SPD), Kuratoriumsvorsitzender der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung, gestern mit Olaf Scholz (SPD) und Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) im Rathaus (v. l.).

Foto: Georg Wendt / dpa

Bundesfinanzminister stellt Sonderbriefmarke für den Altkanzler vor. An dessen 100. Geburtstag wird das Rathaus zum Postamt.

Hamburg.  Die hochbetagte Dame mit dem weißen Haar und der schicken roten Bluse in Reihe zwei des Kaisersaals war aufgeregt wie lange nicht mehr. „Dass ich bei einem Senatsempfang im Rathaus vor so vielen Gästen direkt angesprochen werde, habe ich noch nie erlebt“, sagte Ingrid Apel. „Früher haben sie immer nur meinen Hans erwähnt.“ Gemeint ist der ehemalige Finanz- und Verteidigungsminister Hans Apel, ihr im September 2011 nach 55 Ehejahren verstorbener Mann.

Die Ehre namentlicher Erwähnung bei diesem Festakt zur Eröffnung der Fotoausstellung „100 Jahre in 100 Bildern“ anlässlich des 100. Geburtstag Helmut Schmidts hatte Frau Apel kurz vor ihrem 85. Geburtstag am Neujahrstag wahrlich verdient: Sie gehörte zu den besten Freunden des Ehepaars Schmidt und zu jenen handverlesenen sechs Gästen, die regelmäßig zum „richtigen“ Geburtstag des Staatsmanns am 23. Dezember in das Doppelhaus Neubergerweg 80/82 eingeladen wurden. Die offizielle, große Festivität fand immer erst später statt.

So wie auch diesmal. Während am Tag vor Heiligabend, am 23. Dezember, eine Mittagsandacht im Michel zelebriert und im Rathaus ein Postamt mit Schmidt-Briefmarke und Sonderstempel eröffnet werden, steigt die staatstragende Feier in der Elbphilharmonie genau zwei Monate später, also am 23. Februar, mit allem Tamtam.

Umfassende Fotoausstellung

Die umfassende Fotoausstellung mit einer starken Bildauswahl und teilweise neuartigen Perspektiven ist bis Ende März 2019 im Forum der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung am Kattrepel in der Altstadt zu sehen. Zehn Motive sind – gewissermaßen als Appetithappen – in der Rathausdiele aufgehängt. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) und Peer Steinbrück (SPD), Kuratoriumschef der Stiftung, eröffneten die Ausstellung im Kaisersaal mit kurzen Ansprachen. Anschließend präsentierte Finanzminister Olaf Scholz (SPD) die am 18. Dezember erscheinende Briefmarke.

Trotz des vornehmen Charakters glich der Festakt einer Familienfeier zu Ehren Schmidts. Als „Hausherrin“ war Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit präsent. Wegbegleiter aus vergangenen Jahrzehnten nahmen Platz, frühere Mitarbeiter und Freunde. Alte Bundesminister nicht nur aus Reihen der SPD waren ebenso erschienen wie acht Schulsprecher des Helmut-Schmidt-Gymnasiums in Wilhelmsburg.

„Es ist ein Erlebnis“, sagte Diana Majidi. „Schön, dass auch junge Menschen im Rathaus sind.“ Mitschülerin Halima Niaz sagte: „Ich bewundere Helmut Schmidts Wirken als weltweit vernetzten Politiker.“ Die Fotos seien beeindruckend und gefühlvoll ausgewählt. Tarik Süzen aus Klasse 12 ergänzte: „Es ist eine Ehre, dass unsere Schule seinen Namen trägt.“

„Ein kleines, selbstklebendes Denkmal“

Danach kehrte Ruhe ein. „Helmut Schmidt ist von Jahr zu Jahr beliebter geworden“, sagte Peter Tschentscher ins Mikrofon. Letztlich habe man Schmidt nichts mehr übel genommen, „noch nicht mal das Rauchen.“ Peer Steinbrück stellte fest: „An einer musealen Würdigung hätte Helmut Schmidt kein Interesse gehabt.“ Die mit fundierten Texten angereicherte Fotoausstellung sei der passende Umgang mit dem politischen Nachlass.

„Schön, mal wieder hier zu sein“, befand Vizekanzler Olaf Scholz, Hamburgs früherer Bürgermeister. Die in einer Auflage von vier Millionen Stück aufgelegte Briefmarke sei „ein kleines, selbstklebendes Denkmal“. Verschmitzt fügte er sinngemäß hinzu, dass als hanseatisch heutzutage bezeichnet werde, wie sich Schmidt gab. Und nicht umgekehrt: „Wir stehen mit großer Hochachtung vor seinem Lebenswerk.“ Sodann wurde die Sondermarke enthüllt. An ehemaliger Wirkungsstätte ohnehin in Hochform, unkte Scholz: „Mit einem Nennwert von 70 Cent ist die Marke erschwinglich.“ Das passe zum Sozialdemokraten Schmidt.

Bei Gemüsespießen, Fleischhäppchen und Obst versammelte sich die „Schmidt-Familie“ anschließend zum Klönschnack. Der langjährige Leibwächter Ernst-Otto „Otti“ Heuer schwelgte mit dem früheren Ministerialdirigenten Uwe Plachetka in Erinnerungen. Nebenan standen Schmidts Büroleiterin Birgit Krüger-Penski und seine Referentin Andrea Bazzato. Der Hamburger Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs gab Döntjes zum Besten. Das kampferprobte CDU-Stratege Dirk Fischer verriet, er lese just ein 900 Seiten umfassendes Buch der Briefwechsel zwischen Helmut Schmidts und Willy Brandt. Er sei schon bei Seite 640.

Bevor sich die Gesellschaft zur Ausstellung im Schmidt-Forum auf den Weg machte, ging Olaf Scholz auf Frau Apel zu: „Wie schön, dich mal wiederzu- sehen, Ingrid.“ Diese deutete auf ihre Bluse: „Ich habe heute spontan beschlossen, in Rot zu gehen.“ Erstmals seit dem Tod ihres Ehemanns Hans habe sie das Kleidungsstück daheim im Volksdorfer Reihenhaus aus dem Schrank geholt. Wenn nicht zu diesem Anlass, wann dann?

„100 Jahre in 100 Bildern“: Helmut-Schmidt-Forum, Kattrepel 10 (am „Zeit“-Pressehaus, Speersort). 100 Motive mit Texten. Bis 31. März 2019, Mittwoch – Sonntag 11–17 Uhr, Eintritt frei. Rathaus: Zehn Motive in der Diele, bis 28. Dezember 2018. Montag bis Freitag 8–18 Uhr. Sonnabend/Sonntag 8–17 Uhr. Eintritt frei.