Hammerbrooklyn

Erbitterte Schlacht um Hamburgs virtuellen Zukunfts-Campus

Foto: Interpol-Studios.com

150 Millionen Euro sollen Hammerbrook in ein hanseatisches Silicon Valley verwandeln. Nun haben sich die Initiatoren zerstritten.

Hamburg.  Es ist das Großprojekt, das die Hansestadt in ein neues digitales Zeitalter katapultieren soll. Im Februar 2019 geht gegenüber vom Oberhafen Hammerbrooklyn an den Start. Der digitale Campus, der wie eine kleine Stadt Kreative, Unternehmer, Wissenschaftler und digitale Denker zusammenbringen soll, wird zunächst in einen grünen Container ziehen. Die Box ist nur ein Provisorium für das geplante „Labor, in dem die Zukunft der digitalen Wirtschaft entsteht“.

Ende 2019 soll Hammerbrooklyn dann in dem spektakulären US-Pavillon der Mailänder Weltausstellung von 2015 eine neue Heimat finden. Mit dem geplanten „Solution Building“ hätte Hammerbrooklyn eine Nutzfläche von 10.400 Quadratmetern. Unternehmen sollen hier gemeinsam eine „Expedition in ihre eigene Zukunft wagen“; ein komplett nachhaltiges Restaurant soll dort eröffnen, ein permanenter Austausch Teil des Konzeptes sein. Sechs Förderer und sogenannte Citizen werden in die Box ziehen, die Hochbahn, das städtische Projektmanagement des internationalen Verkehrskongress ITS und die Deutsche Bahn sind dabei.

Anfang Januar soll der Grundstein gelegt werden

Und das soll erst der Anfang sein. Mit einem „Campus of Solutions“, weitere 40.000 Quadratmeter groß, wollen die Gründer um den renommierten Projektentwickler Art-Invest bis 2027 mehr als 150 Millionen Euro am Großmarkt investieren. „Die digitale Transformation verändert die Unternehmen", sagt Johannes Lichtenthaler, Art-Invest Niederlassungsleiter Hamburg. „Auch die Immobilienwirtschaft muss sich dieser Veränderung stellen.“ Gebäude müssten mit neuen Vorgaben umgehen und flexiblere, agilere Arbeitswelten bieten.

Anfang Januar soll der Grundstein gelegt werden – mit viel Prominenz aus Wirtschaft und Politik. „Hamburg kann Modellstadt für die Stadt der Zukunft und urbane Mobilität werden“, sagt Mathias Müller-Using, einer der Initiatoren. Sein Partner Torsten-Jörn Klein, langjähriger Vorstand bei Gruner + Jahr, fügt hinzu: „Hamburg braucht Hammerbrooklyn. Ich war von Beginn an begeistert von diesem Projekt. Als Vorstand hätte ich mir einen solchen Ort gewünscht“. Hammerbrooklyn soll ein „Ort werden, an dem wir gemeinsam die Zukunft planen.“

Hinter den Kulissen tobt seit Langem ein Streit

Zwei Initiatoren des Projektes aber werden der Grundsteinlegung fernbleiben – mit Gemeinsamkeit ist es längst vorbei. Hinter den Kulissen tobt eine erbitterte Schlacht. „Als sich die Stadt noch an den bunten Bildern berauschte, floss hinter den Kulissen schon das Blut“, sagt ein Insider. Wie so oft bei guten Einfällen, reklamieren mehrere Personen die Idee von Hammerbrooklyn für sich; zwei Männer der ersten Stunde fühlen sich aus dem Projekt unfair herausgedrängt. Einer von ihnen ist Henning Vöpel, der Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, das als wissenschaftlicher Begleiter in den ursprünglichen Plänen eine zentrale Rolle spielte. „Der wissenschaftliche Projektpartner, das HWWI, soll die Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft organisieren“, hieß es noch im April in einer Presseerklärung. Derzeit ist das HWWI raus.

Dabei versteht sich Vöpel als einer der Väter der Idee, die vor drei Jahren geboren wurde. Vöpel kam aus dem Silicon Valley zurück mit dem festen Eindruck, „Hamburg braucht etwas Neues, eine positive Provokation, einen Campus für die digitale Zukunft.“ Es bildete sich rasch ein Trio, um die Idee voranzutreiben. Mit dabei Mathias Müller-Using, umtriebiger Partner bei Interpol, und Björn Bloching, Seniorpartner bei Roland Berger und Kopf des globalen Kompetenzcenters Digital. Ein Wissenschaftler, ein Digitalexperte und ein Kreativer – das hätten ideale Startbedingungen für ein großes Projekt sein können. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Ein Filetgrundstück für Hamburgs digitale Aufholjagd

Gemeinsam, so Vöpel, trieben sie das Konzept voran, erarbeiteten einen Businessplan, suchten Partner und knüpften im Sommer 2016 erste Kontakte zur Stadt. Und stießen auf offene Ohren: Denn die Politik wusste um die Defizite Hamburgs beim digitalen Wandel – und signalisierte Unterstützung. Rasch rückte ein attraktives Grundstück mit Erweiterungsmöglichkeiten am Stadtdeich ins Visier. Nach mehrmonatigen Verhandlungen – involviert war neben der Finanz-, der Kultur-, der Stadtentwicklungs- und der Wirtschaftsbehörde auch die Senatskanzlei – ging das Grundstück am 20. März 2018 zu günstigen Bedingungen in Form eines Erbbaurechtes an die Immobiliengesellschaft Hammerbrooklyn. Ein Filetgrundstück – vis-à-vis zum Spiegel-Gebäude als Spielfeld für Hamburgs digitale Aufholjagd.

Aber da ist die Harmonie der Gründer längst Geschichte. Müller-Using hat Ende 2016 eine Immobiliengesellschaft gemeinsam mit Art Invest gegründet und die Anteile verteilt. Der Vorwurf lautet – an den Partnern vorbei. Vöpel und Bloching schäumen: „Dieser Vertrag, der nichts anderes ist als ein Beherrschungsvertrag eines Immobilieninvestors und seines Partners, würde die Vergabe des Grundstücks an das aktuelle Konsortium unmöglich machen“, schrieb Bloching damals in einer geharnischten Mail an die „lieben Mitstreiter“. Die Liebe ist längst erkaltet. Vöpel versuchte, noch zu retten, was kaum mehr zu retten ist. „Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass wir diesen Geburtsfehler korrigieren müssen.“ Er hoffte darauf, nach dem Streit um die Immobiliengesellschaft in der Betreibergesellschaft wieder zusammenzukommen. Daraus wurde bis jetzt aber nichts.

„Es geht um die Stadt der Zukunft“

Björn Bloching, der Digitalexperte von Roland Berger, ist empört. „Ich weiß, wie man hart verhandelt, aber ich habe die hanseatischen Tugenden nicht vergessen“, sagt er. Aus dem digitalen Zukunftsmodell sei längst ein „Immobilienprojekt mit Bereicherungsabsicht“ geworden. Bloching wirft Müller-Using „Aneignung geistigen Eigentums“ vor. Er habe mit Vöpel den Businessplan erarbeitet, der die Grundlage der freihändigen Vergabe des Grundstücks gewesen sei. Zudem hält er Müller-Using und Klein vor, sie hätten auf unanständige Weise versucht, Vöpel aus dem Projekt zu drängen. So erhob das Duo bei der Handelskammer, die das HWWI trägt, Vorwürfe gegen Vöpel. „Sie brauchten das HWWI – zur Not eben ohne Vöpel. Diese Härte habe ich in meinem Berufsleben noch nicht erlebt“, sagt Bloching, der seit 22 Jahren bei Roland Berger ist. Die Kammer bestätigt eine Compliance-Untersuchung. „Die Vorwürfe brachen schnell in sich zusammen“, sagt Torsten Teichert, Vizepräses der Kammer.

Müller-Using findet die Kritik seiner ehemaligen Partner, er habe sie herausdrängen wollen, absurd und verweist auf deren sehr „persönliche Interessen“. Es gehe seit der ersten Idee nicht um ein Immobilienprojekt, sondern um die Stadt der Zukunft. „Ich habe Björn Bloching doch erst dazu geholt.“ Projektentwickler Lichtenthaler kritisiert: „Bloching hat seit Sommer 2017 für das Projekt keinen wesentlichen inhaltlichen oder wirtschaftlichen Beitrag geleistet.“ Wichtig für den Erfolg von Hammerbrooklyn sei, so Müller-Using, dass dieser Raum frei von Unternehmensberatern bleibe. Bloching wolle aber bei Roland Berger bleiben. „Auch wenn der Zug ohne das HWWI fährt, bleibt die Tür offen“, so Müller-Using. So könne sich das Weltwirtschaftsinstitut gegen Leistung an der Betreibergesellschaft beteiligen. Ein wissenschaftlicher Alleinanspruch des Instituts in Hammerbrooklyn sei wegen des Campus-Gedanken ausgeschlossen. So sei man in Gesprächen mit Hamburg Innovation, den Hochschulen und Instituten wie der TU, der Universität, aber auch dem Fraunhofer-Institut. „Ich miete das HWWI nicht in unser eigenes Projekt ein“, ärgert sich Vöpel. Er fühlt sich „grob hintergangen“.

Die Wege nach Hammerbrooklyn sind kurz

Inzwischen sitzen das HWWI und die beabsichtigte „Stiftung Hamburg Digital“ auf 600 Quadratmetern im Fruchthof in Hammerbrook. Hier entsteht ein weiterer alternativer Digital Hub, das etablierte Unternehmen und Start-ups zusammenbringt, Schulungen und Veranstaltungen zu Technologietrends oder zur gesellschaftlichen Bedeutung der Digitalisierung anbietet. „Gerade viele Mittelständler aus der Hamburger Wirtschaft seien disruptionsgefährdet“, sagt Bloching und verweist auf das große Interesse an der Stiftung. Namhafte Logistikunternehmen sind darunter, aber auch Banken, Versicherungen, Unternehmen aus dem Gesundheitswesen oder dem verarbeitenden Gewerbe. „Uns geht es um die fortwährende Transformation von Gesellschaft, Institutionen und Unternehmen – dazu bedarf es einer dauerhaften Befruchtung und kurzer Wege.“

Kurz ist auch der Weg zu Hammerbrooklyn. Die Box wird aus dem Fenster am Fruchthof zu sehen sein. Der Pavillon wird das Stadtbild prägen – er fällt schon aufgrund seiner Architektur und der Lage nah an den Eisenbahnbrücken, aber auch wegen der geplanten LED-Wand auf. Sonntags, so beabsichtigten die Hammerbrooklyn-Macher, öffnet sich das Projekt für die Stadtgesellschaft, für Passanten, Neugierige. „Hier wird immer Bewegung sein, allein durch die besonderen Veranstaltungsformate, die Community und die Themenräume“, verspricht Müller-Using. Die Planung sieht einen offenen Innovations-Campus mit Workshops, Seminaren, mit Arbeitsplätzen, Werkstätten, digitalen Laboren und Ausstellungsräumen vor.

Viele Unternehmen werden ungeduldig

„Ich glaube an den Wettbewerb“, sagt Bloching. „Und ein gemeinnütziges Projekt mit breitem Anspruch wird sich gegen ein rein privates Immobilienprojekt mit Etikett ‘Digital’ durchsetzen. Irgendwann wird das auch der Investor erkennen.“

Dann aber könnte es für Hamburgs digitale Zukunft schon zu spät sein. Viele Unternehmen werden angesichts der Hängepartie ungeduldig. Vöpel erzählt von Unternehmen, die bei ihm nachhaken, die er aber vertrösten muss. „Im Moment hat das Projekt seinen Geist verloren.“ Manche warten ab – denn die Hoffnung stirbt zuletzt. So heißt es bei der Haspa: „Projekte, die die Zukunftsfähigkeit Hamburgs nach vorne bringen können, unterstützen wir grundsätzlich gern. Deshalb waren wir frühzeitig bei Hammerbrooklyn im Austausch und haben die Konzeptionsphase aktiv begleitet. Aktuell gebe es einen losen Gesprächskontakt. „Darüber hinaus ist die Haspa derzeit nicht konkret engagiert.“

Die Hamburger Politik drängt auf eine rasche Einigung

Die Politik schaut mit einer Mischung aus Hoffnung und Fassungslosigkeit auf den Streit. „Wir haben das im Blick“, sagt Bezirksamtsleiter Falko Droßmann. „Das Projekt ist für Hamburg wichtig. Zur Not müssen wir allen Beteiligten die Daumenschrauben anlegen.“ Auch die Wirtschaftsbehörde macht klar: „Der Stadt ist bekannt, dass zwischen den ursprünglichen Projektinitiatoren eine Reihe von offenen Punkten zu klären sind“, sagte Sprecherin Susanne Meinecke. „Wir gehen aber weiterhin davon aus, dass das vertraglich vereinbarte Konzept umgesetzt werden wird.“

Der Ärger sitzt tief: Um das Projekt möglich zu machen, haben sich viele in den Behörden extrem angestrengt, Flexibilität gezeigt und rasch und unbürokratisch gehandelt. „Aufgrund der Bedeutung für die Stadt wurde das Projekt von der Wirtschaftsbehörde und der Hamburg Invest Wirtschaftsförderungsgesellschaft (HIW) begleitet“, so Mei­necke. „Die Grundstücksüberlassung, die in Form eines Erbbaurechtes erfolgt ist, erfolgte gemäß Wirtschaftsförderungsaspekten.“ Wegen der „Stadtwirtschaftlichen Stellungnahme“ der HIW entschied die Kommission für Bodenordnung für die Bestellung des Erbbaurechtes.

Langsam geht die Stadt auf Distanz

Auf eine europaweite Ausschreibung wurde verzichtet – das könnte sich am Ende gegen die Beteiligten wenden. Langsam geht die Stadt auf Distanz: Statt eines öffentlich-privaten Leuchtturms entsteht am Stadtdeich wohl ein privates Immobilienprojekt.

Auch die Handelskammer hatte – auf Wunsch der Stadt – einige Monate lang über eine Beteiligung am Projekt verhandelt. Dies scheiterte im September an unterschiedlichen Vorstellungen. „Es ist wirklich bedauerlich, dass die Stadt nicht vor Abschluss des Grundstücksvertrages geklärt hatte, wie die Konzeption und wie die Gesellschaft des geplanten digitalen Zentrums aussehen soll”, sagt Vizepräses Teichert. „Das fällt jetzt allen auf die Füße.” Nun müssten die Investoren eben ihr privatwirtschaftliches Konzept umsetzen. Zwar sei der Grundstücksvertrag von der Stadt hart verhandelt worden, aber niemand wisse bis heute, wie der Digitale Campus genau aussehen solle. „Ich finde es bedauerlich, dass die ursprünglichen Initiatoren jetzt nicht mehr an einem Strang ziehen und das Originalkonzept gemeinsam umsetzen.”

Ganz haben die Beteiligten die Hoffnung nicht fahren lassen

Der Streit wird zum Politikum: Denn die Vertragsverhandlungen um die Grundstücksvergabe fallen noch in die Zeit des Finanzsenators Peter Tschentscher. In seiner Zeit als Bürgermeister eskalierte der Streit endgültig – alle Versuche seiner Leute, eine Einigung zu erzwingen, scheiterten. Ein Problem: Wichtige Verhandlungspartner wie Wirtschaftsstaatsrat Rolf Bösinger oder Senatskanzleichef Christoph Krupp verließen Hamburg. Ein Beobachter kritisiert dieses Krisenmanagement: „Das wäre Scholz nicht passiert.“

Ganz haben alle Beteiligten die Hoffnung noch nicht fahren lassen. „Wir sind als drei Musketiere losgelaufen – und es wäre schön, wenn wir auch gemeinsam ankämen“, sagt Björn Bloching. „Unsere Tür bleibt offen“, sagt Klein. Auch die Handelskammer hofft noch immer auf eine gütliche Einigung. Die Zukunft, sie ist nicht einfach.