Hamburg

Kurt Sieveking – der vergessene Bürgermeister

Kurt Sieveking an seinem ersten Arbeitstag im Rathaus im Dezember 1953.

Kurt Sieveking an seinem ersten Arbeitstag im Rathaus im Dezember 1953.

Foto: ullstein bild

Vor 65 Jahren regierte der CDU-Politiker die Hansestadt. Nachhaltig Akzente setzen konnte er nie – warum eigentlich? Ein Rückblick.

Als einen „Politiker der leisen Töne“ würdigte das Hamburger Abendblatt Altbürgermeister Kurt Sieveking nach dessen Tod im Jahr 1986. Doch hanseatisches Understatement und zurückhaltendes, faires Regieren reichen nicht, um politische Macht zu sichern und auszubauen. Der CDU-Politiker hat sich mit dem Hamburg-Block (HB), mit dem er vor 65 Jahren an die Macht gekommen war, auch nur vier Jahre dort gehalten, danach geriet er relativ schnell in Vergessenheit.

In Erinnerung bleibt vor allem, dass Sieveking zwischen 1945 und 2001 der einzigen „bürgerlichen“ Regierung vorstand, der es gelang, die jahrzehntelange Herrschaft der SPD zu unterbrechen. Alles in allem erwiesen sich die Jahre 1953 bis 1957 – trotz guter Sacharbeit – als Desaster für die CDU.

Rumpeliger Start

Schon der Start im Dezember 1953 war äußerst rumpelig verlaufen. Gleich vier Parteien hatten sich in der „Überpartei“ HB zusammengeschlossen: CDU, FDP, Deutsche Partei (DP) und der Gesamtdeutsche Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (GB/BHE). Die Wahlbeteiligung lag bei heute unvorstellbaren 81 Prozent, der Block errang 62 der 120 Sitze. Warum nicht der Vorsitzende Erik Blumenfeld das Amt des Bürgermeisters für sich reklamierte, ist unklar. Blumenfeld selbst behauptete stets, er habe dem älteren Grandseigneur Sieveking den Vortritt lassen wollen. Insider vermuten, dass sich die FDP von Anfang an auf Kosten eines eher schwachen Bürgermeisters profilieren wollte. Blumenfeld begnügte sich mit dem Amt des Fraktionschefs.

Namhafte Familie

Der 1897 geborene Sieveking stammte, wie seine Ehefrau Ellen, geborene Ruperti, aus einer sehr namhaften Hamburger Familie. Dass er 1917 bei der Kampffliegerausbildung seinen linken Arm verloren hatte, bremste seinen Ehrgeiz keineswegs. Er konnte Anfang der 1950er-Jahre auf eine lange Karriere als Bankier, Rechtsanwalt und Diplomat zurückblicken, wurde 1951 deutscher Generalkonsul in Schweden und war danach Gesandter in Stockholm.

Auch an politischer Erfahrung mangelte es ihm nicht: Von 1945 an hatte er sich als Senatssyndikus unter den Bürgermeistern Petersen und Brauer Kenntnisse und Anerkennung erworben.

Oft wird behauptet, dass Sieveking nicht der richtige Mann war, um die verschiedenen Strömungen des Blocks zu beherrschen und sich dabei als ernst zu nehmender Gegner des machtbewussten SPD-Dauer-Bürgermeisters Max Brauer zu profilieren. Wahr ist aber auch, dass es selbst Politikern mit mehr Routine und Durchsetzungskraft schwergefallen sein dürfte, gemeinsam mit einer wankelmütigen FDP gegen die SPD anzuregieren, die bei der Wahl mehr als 45 Prozent errungen hatte.

Schon zu Beginn der ersten Sitzung zeigten die SPD-Politiker, wie ausgeprägt ihr Beharrungswille war: Da Max Brauer nicht zurücktreten wollte und der SPD-Senat als Minderheitsregierung weiterhin bestand, konnte die neu gewählte Regierung erst nach Einleitung eines konstruktives Misstrauensvotums mit der Arbeit beginnen. Es war übrigens das erste in der Geschichte der Bundesrepublik. Am 2. Dezember 1953 wurde Sieveking zum Bürgermeister gewählt.

Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass es dem Politikbetrieb 1953 vielfach noch an Professionalität fehlte, erstaunt die Leichtfüßigkeit, mit der die CDU den Machtwechsel vorbereitet hatte: Sieveking, der erst einen Monat zuvor in die CDU eingetreten war, hielt sich in der Wahlnacht Anfang November 1953 gar nicht in Hamburg auf. Dass der Block vorab keinen Schattensenat vorstellte, hatte einen einfachen Grund: Für etliche Posten gab es gar kein Personal.

Desy-Ansiedlung

Kurios: Die CDU, die im Wahlkampf vor allem mit ihrem Eintreten gegen die von SPD-Schulsenator Heinrich Landahl durchgesetzte sechsjährige Grundschule gepunktet hatte, konnte nun keinen eigenen Kandidaten präsentieren. Erst auf Vermittlung des berühmten Politikwissenschaftlers Theodor Eschenburg kam der Pädagogikprofessor Karl Wenke als neuer Schulsenator nach Hamburg.

Die Personalpolitik blieb während der gesamten Legislaturperiode Schwachpunkt der Regierung. Sieveking setzte im Umgang mit der Opposition oft mehr auf Diplomatie als auf Konfrontation. Zeitweise träumte er sogar davon, populäre Sozialdemokraten mit in seinen Senat zu holen, um die neue Regierung möglichst breit aufzustellen.

Die SPD, die über das routiniertere, ausgebufftere Personal verfügte und längst die wichtigsten Behördenposten mit Parteisoldaten besetzt hatte, dachte gar nicht an eine wie auch immer geartete Kooperation. Im Gegenteil: Sie bot harte, trickreiche Oppositionspolitik auf und ließ den feingeistigen Sieveking immer wieder auflaufen. Dem gelang es dann auch kaum, wichtige Schlüsselpositionen in den Behörden mit eigenen Leuten zu besetzen.

Immer wieder stürzten Regierungsmitglieder, darunter Polizeisenator Josef von Fisenne. 1955 warf auch Blumenfeld das Handtuch, angeblich, weil er sich um seine Firma kümmern müsse. Nach knapp vier Jahren zeigten sich beim Block Auflösungserscheinungen, entsprechend traten die Parteien zur Wahl 1957 wieder mit getrennten Listen an.

SPD mit absoluter Mehrheit

Als Sieveking laut über eine Koalition mit der SPD nachdachte, kam das fast dem Eingeständnis einer Niederlage gleich. Der Block scheiterte dann auch erwartungsgemäß. Die SPD errang wieder die absolute Mehrheit, ging aber trotzdem, wie abgesprochen, eine Koalition mit der FDP ein. Anders als Max Brauer vier Jahre zuvor war sich Kurt Sieveking nicht zu schade, die Rolle des Oppositionsführers zu übernehmen. 1961 verlor er dann noch einmal gegen Paul Nevermann, und 1965 legte er endgültig sein Mandat nieder.

Sievekings Regierung hatte einige Erfolge verbucht, darunter die Vorbereitung der Desy-Ansiedelung, ein Rekord im Wohnungsbau und der Ausbau der Universität. Bemerkenswert: Mit seiner „Politik der Elbe“ strebte der Ex-Diplomat schon damals eine Verständigung mit den östlichen Nachbarn an – zum Missfallen von Bundeskanzler Konrad Adenauer.

Beim Staatsakt vor 450 Trauergästen wurden Sievekings Verdienste 1986 dann auch noch einmal ausführlich gewürdigt. Aber dem „Politiker der leisen Töne“ hatte es offenkundig widerstrebt, sich und seine Arbeit so marktschreierisch zu verkaufen, wie das vermutlich nötig gewesen wäre.

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