Hamburger Familien

In Hamburg sagt man Schües

Drei Generationen Schües im Treppenhaus des Laeiszhofs: Felix Schües, Nikolaus H. „Niko“ Schües, Nikolaus W. „Nik“ Schües, Wolfgang Schües und Jona Schües

Drei Generationen Schües im Treppenhaus des Laeiszhofs: Felix Schües, Nikolaus H. „Niko“ Schües, Nikolaus W. „Nik“ Schües, Wolfgang Schües und Jona Schües

Foto: Marcelo Hernandez

Hagenbeck, Sieveking, Petersen – diese Namen kennt fast jeder in der Stadt. Fünfter Teil der Serie über große hanseatische Traditionen.

Hamburg. Als während des Dreißigjährigen Krieges von 1618 bis 1648 hierzulande viele Familienurkunden und Stammbäume Zerstörung und Feuer zum Opfer fielen, herrschte bei den neutralen Eidgenossen weitgehend Frieden. Somit sind die Wurzeln der Hamburger Familie Schües seit mehr als 600 Jahren detailliert nachvollziehbar.

Urahn Johannes Schüß brachte es in der Schweiz vom Knecht und Schafhirten zu enormem Wohlstand. Anfangs tauschte er Asche, mit der Wein haltbar gemacht wurde, gegen Fässer voll edlem Getränk. 1611 wurde die Persönlichkeit mit dem gewaltigen Rauschebart zum Vorsitzenden der Kantonsregierung Appenzell ernannt, zum sogenannten Landammann.

Bei seinem Tod 1630 soll so viel Bargeld vorhanden gewesen sein, dass es nicht gezählt, sondern mit einem Maß an die Erben verteilt wurde. Ende des 17. Jahrhunderts wanderte die Familie nach Hamburg aus. Zuletzt hatte sie vornehmlich mit Pech Handel getrieben.

In der Nähe von Nord- und Ostsee und wichtiger Handelswege sollten vortrefflich Geschäfte gemacht werden können. Tatsächlich verstanden sich grundsolider Charakter der eidgenössischen Kaufleute und hanseatisches Geschäftsgebaren erstklassig. Sie hatten ergiebigen Charakter.

Schües: „Wir wollen den Ball flach halten“

Man handelte mit Holz und Leinen, brachte es zu Ansehen und Wohlstand. Daran hat sich bis heute nichts geändert. „Wir wollen den Ball flach halten“, sagt Nikolaus H. Schües bei einem Treffen in seinem Kontor im Laeiszhof an der Trostbrücke in der Innenstadt.

Das Credo der Familie von jeher: mehr sein als scheinen, mehr leisten als hervortreten. Auf gut Deutsch: Wichtigtuerei ist tabu. Damit sind die Schües während ihrer mehr als 320 Jahre in Hamburg gut gefahren. Neben „Niko“ Schües sind sein Vater Nikolaus W. („Nik“), sein Onkel Wolfgang sowie die Söhne Jona und Felix dabei. Die fast volljährige Schwester Rosa konnte nicht kommen: Abistress. Beide Jungs, die das Gymnasium Hegestraße in Eppendorf besuchen und leidenschaftlich Hockey spielen, tragen zur guten, unkomplizierten Stimmung an diesem Nachmittag bei.

Wer etwas darstellt, kann auch locker sein. Typisch Hamburg. Der Ort dieser Zusammenkunft der drei Generationen wurde mit Bedacht gewählt: Seit zwei Jahrzehnten steht die Firma F. Laeisz vollständig im Besitz der Familie Schües. Somit erwarb eine der namhaftesten Familien der Hansestadt eine der angesehensten und traditionsreichsten Unternehmungen.

Schües flog auch aus der Bürgerschaft

Beide Seiten beschäftigten sich mit den Kerngeschäften Handel, Versicherungen und Schifffahrt, mithin der Basis Hamburger Kaufmannschaft. Liberales Denken und hanseatischer Großgeist wurden nicht immer geschätzt. Nik Schües‘ Großvater Walter und ein weiterer Verwandter gehörten zu jenen Mitgliedern der Handelskammer, die 1933 auf Druck der Nationalsozialisten aus dem Plenum ausscheiden mussten.

Walter Schües flog auch aus der Bürgerschaft. Hamburgs Polizeisenator hatte die „gesinnungslosen“ Kaufleute beim Reichsinnenministerium angeprangert.

Zurück in die Neuzeit. In den Fluren des Kontors hängt zeitgenössische Kunst ebenso wie Ölgemälde früherer Inhaber der 1824 gegründeten Reederei F. Laeisz. Der sechsgeschossige, liebevoll restaurierte Laeiszhof am Nikolaifleet wurde 1897/98 gebaut. Es handelt sich um die Keimzelle des Hamburger Hafens.

Früher war hier die Versicherungsbörse zu Hause. Das Treppenhaus inklusive Paternoster und verschnörkelten Geländern ist ein Traum. Schiffsmodelle und Büsten passen ins gediegene Bild. Wer hier arbeitet, versteckt sich nicht, verzichtet jedoch auf Pomp und Protz.

Doch beginnen wir viel früher. Aus seinen Unterlagen, zu denen Band 14 des Hamburgischen Geschlechterbuchs gehört, holt Nikolaus W. Schües zwei Raritäten hervor. Kleiner Einschub: Um mit den fast identischen Namen Nikolaus H. und Nikolaus W. Schües keine Verwirrung zu stiften, belassen wir es an dieser Stelle mit den auch in der Hamburger Wirtschaft üblichen Spitznamen: Nik für den 82 Jahre alten Senior, Niko für den 52 Jahre alten Sohn.

Für 40 Mark wurde Schües zum Vollbürger

Beide finden das gut so. Rarität Nummer eins ist eine anno 1761 geprägte „Schües-Münze“, kein Zahlungsmittel, sondern eine Medaille. Sie ist bestens erhalten. Das zweite Erinnerungsstück ist ein Bürgerbrief vom 21. November 1806. In plattdeutscher Sprache beeidete Peter Schües, sich ehrbar und anständig zu verhalten. Für eine Gebühr von 40 Mark wurde er zum Vollbürger.

Sein Enkel Oscar Schües leitete im 19. Jahrhundert die Versicherungsabteilung bei F. Laeisz. Er war dort 1868 eingestiegen und wurde fünf Jahre später Partner in der Firma Carstens & Schües. Er konnte nicht ahnen, dass seinen Nachfahren heute die gesamte Firmengruppe F. Laeisz mit rund 1000 Mitarbeitern gehört.

Springen wir weiter durch Hamburgs Geschichte – und durch die der Familie Schües. 99 Jahre nach Ablegung des Bürgereids erblickte 1905 Walter Georg Schües in Bergedorf das Licht der Welt. Später wurde er Vorstandsvorsitzender der Norddeutschen Versicherungsgesellschaft. Viele Jahre waren Versicherungen das berufliche Standbein der Familie.

Werdegang könnte dem Lehrbuch entstammen

Schiffe zu versichern, Reederei und der Handel hängen zusammen. Dieser Walter Georg Schües hatte drei Kinder. Die Tochter lebt in Grabow in Mecklenburg-Vorpommern. Wolfgang Schües ist Gesellschafter des in siebter Generation inhabergeführten Versicherungsmaklers Burmester, Duncker & Joly gleichfalls mit Sitz im Laeiszhof. Dritter im Geschwisterbunde ist Nik Schües. Der Werdegang des Seniors könnte dem Lehrbuch eines Hamburger Kaufmanns entstammen.

Nach vier Jahren auf dem Internat Louisenlund und Abitur am Gymnasium Altona am Hohenzollernring machte er eine Lehre als Schifffahrtskaufmann. Anschließend volontierte er bei Schifffahrtsfirmen in London, Dublin und New York. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Im Alter von 25 Jahren heuerte Nik Schües bei der Reederei F. Laeisz an.

1973 wurde er dort Partner. Zwei Jahrzehnte später holte er seinen Sohn Niko an Bord. Nach Abitur und ebenfalls einer Ausbildung zum Schifffahrtskaufmann absolvierte dieser seinen Bachelor of Economics in England sowie seinen Master in Spanien. Mit der Heimat im Herzen die Geschäftswelt umfassen: Zur Jahrtausendwende übernahmen Vater und Sohn das Unternehmen komplett.

Sechs Jahre Präses der Handelskammer

Die Gruppe beschäftigt sich heute mit Versicherungen, Reederei und Fruchthandel. So wie es eben gute Sitte ist bei den Schües. Engagiert waren und sind beide auch außerhalb des Laeiszhofs. Senior Nik wirkte die maximale Amtszeit von sechs Jahren als Präses der Handelskammer und zudem von 1997 bis 2005 als Vizepräsident des Deutschen Industrieund Handelskammertages DIHK.

Er kümmert sich um mehrere Stiftungen in den Bereichen Kunst und Kultur. Traditionell betätigt sich die Familie Schües außerdem in der Niederländischen Armen-Casse von 1585, eine der ältesten privat initiierten Wohltätigkeitseinrichtungen der Hansestadt.

Doch dieses vielfältige Engagement für gute Zwecke soll nicht an die große Glocke gehängt werden. Siehe oben. Und wie sieht es mit der andauernden Schifffahrtskrise und den Auswirkungen für die eigene Firma aus? „Bei uns gibt es nicht nur Sonne und nicht ausschließlich Regen, sondern norddeutsches Wechselwetter“, antwortet Niko Schües. Sprich: In fetten Jahren nicht himmelhoch jauchzen, in miesen Zeiten nicht wehklagen, sondern den wirtschaftlich gesunden Mittelweg finden. So hielten es schon seine Vorfahren.

„Laeisz ist eine stabile Reederei“, stellt der Junior klar. Dazu habe der Wandel der Flotte von Container- zu Spezialschiffen beigetragen. Bei der Frage nach derzeit weniger gut beleumundeten Reederkollegen herrscht betretenes Schweigen.

Letzte Frage an diesem unterhaltsamen, spannenden Nachmittag: Wie eng sind die familiären Bande? „Sehr eng“, entgegnen die Herren unisono. Nik Schües freut sich über vier Kinder, neben Niko drei Töchter, und 17 Enkel. Unter dem Strich gibt es gut 30 Familienmitglieder, davon zwei in Japan und zehn in Brasilien. Der Kontakt ist intensiv. Und Weihnachten pflegen Nik Schües und die ihm seit mehr als 55 Jahren angetraute Christa in ihr Haus nach Blankenese einzuladen. Dann gibt es in großer Runde Fondue. Schließlich stammen die Urahnen aus der Schweiz.

Wo der Name heute noch zu finden ist

Das Wappen der Familie Schües ist im Alt Hamburger Bürgerhaus an der Deichstraße zu sehen – inklusive Helm, Mühlrad und Armbrust. Weitere Erinnerungsstücke wie uralte Verträge, Gemälde und Urkunden befinden sich im Privatarchiv. Erhalten blieben eine Briefmarkensammlung, Porzellan und ein Schreibtisch, an dem einst Walter Georg Schües saß. Unübersehbar präsent ist der Name Laeisz, deren Inhaber heute Schües heißen. Die Laeiszhalle wurde dank einer testamentarischen Verfügung von Carl und Sophie Laeisz zwischen 1904 und 1908 erbaut und in der NS­-Zeit in Musikhalle umbenannt. Seit 2004 trägt sie wieder den traditionsreichen Namen. Es gibt den Laeiszhof am Nikolaifleet sowie eine Laeiszstraße auf St. Pauli. Und der Viermaster „Peking“ fuhr früher unter der Laeisz­-Flagge.