Hamburg

200 Euro Miete für den Schlafplatz in einer Lagerhalle

Bei einer Razzia gegen illegale Vermietung in Bramfeld, Lurup und Wilhelmsburg deckten die Behörden unhaltbare Zustände auf.

Hamburg. Geld mit der Not anderer Menschen zu machen: diesem Verdacht sieht sich der Eigentümer einer ehemaligen Teppichlagerhalle in Bramfeld ausgesetzt. Am Mittwoch um sechs Uhr früh rückten Vertreter gleich mehrerer Behörden an, um einen Blick in das Gebäude zu werfen. Ergebnis: Die Gewerbeimmobilie wird illegal zu Wohnzwecken vermietet. Jemand hatte den Innenraum mit Rigipsplatten in kleine Zimmer unterteilt und Doppelstockbetten aufgestellt.

Drei Häuser hatten die Ermittler am Mittwoch ins Visier genommen, insgesamt 41 Menschen mussten von den Behörden in Ersatzunterkünfte gebracht werden. Neben der Halle im Bauernrosenweg ging es um zwei Wohngebäude in Wilhelmsburg und in Lurup. Auch dort gab es offenbar Gesetzesverstöße, aber in geringerem Ausmaß als in Bramfeld.

Winzige Verschläge ohne Fenster – für 200 Euro pro Monat

In der Bramfelder Gewerbeimmobilie hatte bis vor nicht allzu langer Zeit die Firma „Bodenleger Nord“ residiert, nun beherrschen Betten die Szenerie. Die winzigen, teils fensterlosen Verschläge waren mit einem, mal auch mit zwei Doppelstockbetten vollgestellt. Sie wurden offenbar mal tageweise, mal aber auch wochen- und monatsweise vermietet. „Das hatte den Charakter einer Herberge“, sagte Marcel Schweitzer, Sprecher der Sozialbehörde. Bis zu 200 Euro pro Monat und Schlafplatz seien verlangt worden.

Den Bewohnern standen eine verdreckte Küche, eine verdreckte Toilette und wohl auch ein modern ausgestattetes Bad zur Verfügung. Welchem Zweck die angrenzende Garage diente, war nicht genau zu entschlüsseln. Hier bot sich den Ermittlern ein ganz anderes Bild. Großer Flachbildschirm an der Wand, Ledercouch, gläserner Couchtisch, Teppich: möglicherweise das Wohnzimmer des „Heimleiters“?

30 Menschen, die größtenteils aus Afrika stammen, fanden die Behördenmitarbeiter bei ihrem morgendlichen Einsatz in der Immobilie. Einige hätten sich dort gar nicht aufhalten dürfen – Asylbewerber bekommen eine Aufenthaltsgenehmigung, die an einen Ort oder eine Region gebunden ist. Andere hatten offenbar gar keine gültigen Papiere dabei. In insgesamt zwölf Fällen wurde Strafanzeige erstattet. Die Nutzung des Gebäudes auch zu Gewerbezwecken wurde vorläufig untersagt – aus Brandschutzgründen.

Illegale Vermietung auch in Wilhelmsburg und Lurup

An der Luruper Hauptstraße bestätigte sich der behördliche Verdacht der Überbelegung nicht. „Allerdings fanden wir im Keller und auf dem Dachboden Wohnungen, die es dort nicht hätte geben dürfen“, sagte Marcel Schweitzer. Fünf Menschen wohnten dort. Außerdem wurde festgestellt, dass die Elek-trik in Badezimmern und Küchen nicht in Ordnung war. Das Bezirksamt Altona ordnete deshalb die Räumung der Bereiche an, in denen das Wohnen nicht erlaubt ist.

Auch in Wilhelmsburg wurden Kellerräume illegal vermietet. Sechs Menschen waren dort untergebracht. Insgesamt wohnten in dem Haus mit acht Wohnungen und drei Wohnbüros im Hinterhof 50 Mieter. Offiziell gemeldet waren dort allerdings nur 43 Personen.

200 Mitarbeiter beim fünften "Aktionstag" gegen Missbrauch

200 Behördenmitarbeiter waren an dem Einsatz beteiligt. Es war der fünfte dieser Art. Beteiligt waren neben Mitarbeitern der Bezirksämter das Jobcenter, die Regionalkasse Nord der Bundesagentur für Arbeit, Steuerfahndung, Zoll, Landeskriminalamt und Polizei. Ziel dieser sogenannten Aktionstage ist es, Missstände aufzudecken und Missbrauch zu stoppen. Im Mittelpunkt solcher Aktionstage stehen Vermieter oder Eigentümer von Häusern, die die Situation von Menschen in Notlagen ausnutzen.

Begonnen hatte alles vor gut einem Jahr in Harburg. Im September 2017 waren zwei Häuser in der Seehafenstraße durchsucht worden. Ergebnis: In drei Fällen waren die Wohnungen mehr als zehn Prozent kleiner als im Mietvertrag angegeben. In neun weiteren Fällen lag die Miete mehr als die Hälfte über den ortsüblichen Preisen – ein möglicher strafbarer Mietwucher.

Bergedorfer "Horrorhaus" steht weiterhin leer

Nach Auskunft des Behördensprechers Marcel Schweitzer haben die Aktionstage Wirkung gezeigt. „Die meisten Vermieter haben die Mängel beseitigt und halten sich jetzt an die Spielregeln.“ Es gebe allerdings eine Ausnahme – der Vermieter des Bergedorfer „Horrorhauses“. Das mit 160 Bewohnern völlig überfüllte Haus war im Frühjahr 2018 geräumt worden. Seitdem steht es leer, weil sich der Besitzer weigert, die Wohnungen in einen ordnungsgemäßen Zustand zu versetzen. Die Unterbringungskosten für die Altmieter gehen auf sein Konto.

Der Mieterverein begrüßte den aktuellen Behördeneinsatz. „Das koordinierte Vorgehen zum Schutz der auf Unterkunft angewiesenen Menschen wird von uns ausdrücklich begrüßt und unterstützt“, sagte Siegmund Chychla, der Vorsitzende des Mietervereins zu Hamburg. „Die generalpräventive Wirkung dieser Maßnahme wird dazu führen, dass unseriöse Vermieter in der Zukunft davon Abstand nehmen werden, aus Profiterwägungen Menschen in prekären Wohnverhältnissen unterzubringen.“