Hamburg

Manchmal spielte Bob Dylan einfach Schach

Bob Dylan beim Schach

Bob Dylan beim Schach

Foto: Daniel Kramer/courtesy of TASCHEN

Ein opulenter Bildband zeigt den Musiker in den entscheidenden Karrierejahren 1964/65, in denen er die Popwelt aus den Angeln hob.

Hamburg.  Als Daniel Kramer, ein junger Fotograf aus Brooklyn, New York, 1964 erstmals Bob Dylan fotografierte, war der schon eine prominente Person der Folk-Bewegung. Viele kannten und schätzten seine Protestsongs. Und doch war er noch ein Künstler auf dem Sprung, er war noch nicht der Songwriter mit der E-Gitarre, noch nicht der Pionier und, was seine Songtext-Poesie angeht, noch nicht ganz (wenn auch schon nahezu!) auf der Höhe seiner Schaffenskraft angekommen. Er war noch nicht der Dylan von „Bring­ing It All Back Home“ und „Highway 61 Revisited“.

Kramer sah und hörte Dylan, damals knapp 23, im Fernsehen – und war, wie bereits viele vor ihm, elektrisiert. Er brauchte mehrere Anläufe, um der Dylan-Crew erfolgreich sein Ansinnen vorzutragen: Er wollte den Meister fotografieren. Und das begann dann, wie Kramer in der Vorbemerkung eines nun erschienenen üppigen Bildbandes schreibt, an einem Nachmittag in Woodstock, New York. Kramer wartete erstmal eine Weile auf dem Grundstück von Dylans Manager Albert Grossman auf den Künstler, der dann irgendwann auf einem Motorrad angefahren kam und wenig später dünn und in Jeans seinen Weg kreuzte. Man schüttelte sich die Hände, und Dylan, der vom Kommen des Fotografen wusste, sagte dabei ganz lapidar, Kramer solle nun seine Arbeit verrichten, und zwar so, wie er das für nötig hielte.

Die Aura des Stars macht banale Dinge weniger banal

Und dann kümmerte sich Dylan nicht weiter um den Fotografen, der fortan und zu verschiedenen Gelegenheiten Zugang zu Dylan und seiner jeweiligen Entourage bekam. 1967 erschien erstmals eine Edition der 1964 und 1965 aufgenommenen Bilder, deren bekanntesten die ikonisch geworden Coverfotos von „Bringing It All Back Home“ und „Highway 61 Revisited“ sind.

Die für Dylan-Fans und Pop-Historiker wichtigeren und interessanteren Aufnahmen sind derweil die im Plattenstudio. Sind die von Dylan auf der Bühne und die um die Auftritte herum, sind vor allem die intim wirkenden Fotos von einem Bob Dylan, der in seinem Rückzugsort in Woodstock oder vor einem Konzert banal wirkende Dinge tut wie Telefonieren, Zeitung lesen oder Auf-dem-Beifahrersitz-Sitzen. Weil es Dylan ist, der diese Dinge tut, sind sie der Gruppe der banalen Tätigkeiten enthoben. Der Alltag der Stars ist so profan wie der aller anderen auch, aber er hat eben doch eine Aura.

„A Year and a Day“ hieß die superteure (500 Euro!) Sammler-Neuausgabe mit etlichen bislang unveröffentlichten Fotos, die 2016 anlässlich von Dylans 75. Geburtstag erschien. Jetzt liegt die mit 50 Euro erschwingliche Standardausgabe vor. Die Fotos von Kramer, der auch heute noch in New York lebt, sind natürlich auch deswegen so wirkmächtig und eindrücklich, weil sie in klassischem Schwarzweiß den Künstler als jungen Mann zeigen. Das Genie der frühen Jahre.

Das Geheimnisvolle um Dylan ist oft spürbar

Der Bilderstürmer Dylan schnallte sich genau in dem Jahr die Elektrische um, in dem Kramer ihn begleitete. Das ist der pophistorische Rahmen, den „A Year and a Day“ hat. Dennoch muss man schon sehr über das Talent der historischen Einfühlung verfügen, um Kramers Aufnahmen vom legendär gewordenen ersten Solokonzert mit elektrischer Gitarre in Forest Hills ganz ohne dazugehörigen Sound die Bedeutung des Augenblicks anzumerken. Aber ein Mythos ist eine Geschichte, die so oder so immer wieder erzählt wird – was gut ist.

Und tolle Fotos sind es trotzdem, das gilt auch für die Konzerttouraufnahmen des Duos Bob Dylan/Joan Baez. Gleichviel, ob Dylan für Kramer posierte oder ob der jenen un- oder nur halbbemerkt ablichtete: Das Unnahbare und Geheimnisvolle, das Dylan schon immer begleitet, ist oft spürbar.

Für Daniel Kramer war die Arbeit mit Bob Dylan der Start seiner Karriere; seine Fotos erschienen in „Life“, „Rolling Stone“ und „Time“. Dass er das Vertrauen des enigmatischen Songwriters, der von Beginn seiner Karriere zu Journalisten ein distanziertes Verhältnis hatte, gewinnen konnte, war wohl sein größter Erfolg.