Altmodische Begriffe

Von Luftikussen, Blaustrümpfen und Tausendsassas

Illustratorin Dawn Parisi
hat passende Zeichnungen
zu dem Buch Luftikus und
Tausendsassa geliefert.

Illustratorin Dawn Parisi hat passende Zeichnungen zu dem Buch Luftikus und Tausendsassa geliefert.

Foto: Mahrenholtz&Parisi / Duden

Eine Hamburger Autorin hat ein interessantes Buch über altmodische Begriffe und deren Bedeutung geschrieben.

Hamburg. Literatur ist ohnehin ihr Thema. Da lag es nahe, fast vergessenen Wörtern ein ganzes Buch zu widmen. Das heißt „Luftikus und Tausendsassa“ und erzählt die Geschichte von 100 altmodischen und skurrilen Wörtern. „Wörter, die viel zu schön sind, um nur noch alte Texte zu bevölkern“, steht dort auf dem Buchcover. Also hat Katharina Mahrenholtz die Rettung von Wörtern wie Schindluder oder zappenduster postwendend in die Hand genommen.

Als NDR-Redakteurin, Spezialgebiet Kinder- und Jugendliteratur und Kultur, liebt Mahrenholtz Wörter. Warum heißt etwas, wie es heißt – dieser Frage ist sie schon als Kind nachgegangen. „Hausaufgaben wie Wortfelder suchen fand ich super, ich habe auch gern mal Wörter im etymologischen Wörterbuch meiner Eltern nachgeschlagen und hatte Listen mit Lieblingswörtern“, sagt die Mutter von drei Kindern. Ist das nicht ein bisschen verschroben? Na und? Nerds gibt es nicht nur in den Naturwissenschaften, und Katharina Mahrenholtz lebt sehr gut mit dieser Neigung. Neun Monate lang hat sie an dem Buch geschrieben, die Illustratorin Dawn Parisi hat passende Zeichnungen dazu geliefert.

Es sollten keine Wörter sein, die mit der Sache ausgestorben sind, wie zum Beispiel Grammophon oder Begriffe, die nicht mehr gebräuchlich sind, weil sie rassistisch und politisch unkorrekt sind, wie Zigeuner. Katharina Mahrenholtz hat dann die Herkunftsgeschichten recherchiert. „Ins Buch kamen Begriffe, zu denen es etwas Interessantes zu erzählen gab.“ Das Abendblatt druckt einige Wörter und ihre Geschichte in Auszügen ab:

bärbeißig

Zeit: 18. Jahrhundert, als die Jagd zum Freizeitvergnügen der Upperclass wurde.

Ursprung: Bärenbeißer, ein doggenartiger Hund, der zur Bären- und Büffeljagd eingesetzt wurde, verwandt mit Englischer Bulldogge. Bärenbeißer waren Hunde mit dicken, gedrungenen Köpfen, stämmiger Brust, gepaart mit extremer Beißlust. So entstand der Begriff bärbeißig als Beschreibung für einen missgelaunten Menschen.

Gewusst? Bei den Griechen hießt der Bär àrktos, bei den Römern ursus. Die Germanen benutzten aus Furcht einen anderen Namen: beron, der Braune. Die Slawen sprechen nur vom Honigesser (medved), um kein Unheil heraufzubeschwören.

Blaustrumpf

Zeit : In Deutschland kam das Wort 1830 auf, in England war es seit Mitte des 18. Jahrhunderts in Gebrauch.

Ursprung : Die „Bluestocking Society“ war eine Art Salon in London: Gelehrte Frauen sprachen über Politik und Literatur. Eines Tages kreuzte dort ein Mann in blauen Strümpfen (statt der feinen schwarzen Strümpfe) auf. Danach wurden die blauen Strümpfe zum Symbol der Bewegung. Intellektuelle Frauen und Männer galten von da an als bluestockings. Als sich Frauen für eine besser Bildung ihresgleichen einsetzten, wurde Blaustrumpf zum Spottnamen für intellektuelle Frauen, denen man alle sonstigen weiblichen Attribute absprach.

Synonyme: Amazone, Suffragette, Emanze, Feministin.

frohlocken

Zeit: Mittelalter.

Ursprung: Auf Spätmittelhochdeutsch hieß es vrolocken. Aus vro wurde froh, die Locken blieben. Das Verb locken kommt von lecken oder löcken, was so viel heißt wie springen oder hüpfen. Wer fröhlich ist, der springt vor Freude herum, der frohlockt.

Anderswo: Auf Englisch sagt man to frolick, stammt auch von vro ab. Synonyme: jubeln, jubilieren, jauchzen.

Tausendsassa

Zeit: Mitte des 18. Jahrhunderts.

Ursprung: „Ca! ça!“, riefen französische Jäger, um ihre Hunde anzufeuern. Sie meinten damit hier, hier. So hieß das ça im Altfranzösischen. Die deutschen Jäger machten daraus sa! sa! Und statt mit dem doppelten „hierher!“ riefen sie ihre Hunde mit tausend sa sa! Daraus wurde Tausendsassa.

Verwandt: Auch das Wort hopsasa stammt von jenem Jägerruf ab, genau wie der dazugehörige Jägerruf heißa!

Synonyme: Multitalent, Alleskönner, Universalgenie, Wonderwoman, Draufgänger, Wunderwuzzi (für die Österreicher).

Flausen

Zeit: um 1595.

Ursprung: In Siebenbürgen tauchte das Wort Flause zum ersten Mal auf: ein fusseliges Stück Wolle oder ein loser Faden. Flausen sind lockere, luftige Gebilde ohne Nutzen. Später als Metapher für unstrukturierte Gedanken, kurz: Unsinn. Netter Unsinn.

Synonyme: Schnapsidee, Blödsinn, Unsinn.

Luftikus

Zeit: 19. Jahrhundert.

Ursprung: Luftikus stammt von luftig, also voller Luft, also leichtsinnig. Das Adjektiv machten die Studenten zum Substantiv, indem sie es mit einer lateinischen Endung versahen – ein gern genommener Wortwitz in damaligen Unikreisen.

Plädoyer: Ein Wort wie Zuckerwatte, leicht und verheißungsvoll, mit einer gewissen Übermütigkeit.

Synonyme: Träumer, Knallcharge, Hallodri, Windbeutel, lockerer Vogel.