Großstadtrevier

Jan Fedder: "Ich will Hamburger Ehrenbürger werden"

Der Schauspieler arbeitet an neuen Folgen seiner Leibserie. Im Abendblatt spricht er über den Krebs, die Liebe und einen Traum.

Hamburg. Das Gebäude in der Mendelssohnstraße in Bahrenfeld ist freundlich gesagt etwas in die Jahre gekommen. Ein lang gezogener Rotklinker mit großen Fenstern, vor dem jede Menge Streifenwagen stehen. Über dem Eingang ein Schild: Polizei. Manchmal kommen tatsächlich Menschen herein, um eine Straftat zu melden oder eine Anzeige aufzugeben. Und um sich dann wie in einem (falschen) Film vorzukommen. Denn die Polizeiwache in Bahrenfeld gibt es in Wirklichkeit nicht. Das unspektakuläre Haus ist noch für rund vier Wochen Drehort der Hamburger Kultserie „Großstadtrevier“. Dann wird es in die Luft gesprengt. Natürlich nur im Fernsehen.

Hinter der großen Eingangstür herrscht an diesem Donnerstagmorgen auch großer Betrieb. Männer und Frauen laufen mit schnellem Schritt durch die Räume, rufen sich etwas zu, sprechen Kommandos in Funkgeräte.

Auf Jan Fedder scheint sich alles zuzubewegen

Nur einer sitzt wie unbeteiligt mitten im Raum, die Ruhe selbst. Alle Bewegungen, alle Bemerkungen, ach was, einfach alles scheint sich auf ihn zuzubewegen. Auf Polizeioberkommissar Dirk Matthies, die Ikone des „Großstadtreviers“, gespielt von, immer noch und immer wieder, Jan Fedder. „Ich bin das ,Großstadtrevier‘“, wird er später im Gespräch sagen. „Und ich kann ihnen sagen, das wird auch so bleiben.“

Hoch konzentriert arbeitet sich der 63-Jährige an diesem Morgen durch die Szenen. Seine Mimik, seine Gestik und Sprache lassen Regisseur Tom Zenker und dessen Kollegen hinter der Kamera immer wieder bewundernd lächeln. Fedders Einsätze passen genau. Nichts muss wiederholt werden, alles wirkt selbstverständlich – als hätte der Schauspieler nicht das hinter sich, was er hinter sich hat.

Seine Krankengeschichte kennt fast jeder in Hamburg, die Fans waren lange in großer Sorge um ihren Star: Nach einer Krebsdiagnose und einer Strahlenbehandlung im Jahr 2012 begann für ihn ein medizinisches Martyrium. Jan Fedder musste ein Drittel seiner Zunge entfernt werden. Ausgerechnet ihm, dem Mann, der wie wenige andere von seiner Sprache und Aussprache lebt, diesem unverwechselbaren Hamburger Slang. „Man kann sich seine Gesundheit ja nicht so aussuchen“, sagt er. „Aber die Zeit war echt scheiße.“

Für lange Strecken braucht er einen Rollstuhl

Noch immer kämpft er mit den Folgen der Erkrankung. Wenn Fedder den Raum wechseln muss, ist er auf Hilfe angewiesen. Allein schafft er das im Moment nicht. Noch nicht, sagt er, kommt alles wieder. Für längere Strecken braucht er einen Rollstuhl, die Kollegen helfen ihm geduldig hinein. „Bei mir war einfach alles gebrochen. Die Hüfte, die Knie, die Beine.“ Zehn Monate Reha liegen hinter ihm. „Danach ging es wirklich besser. Aber damit das so bleibt, muss man auch üben.“ Doch dafür habe er immer so wenig Zeit, man wisse schon, die Arbeit, das „Großstadtrevier“, seine große Liebe.

„Das ist mein Jungbrunnen. Das ist wie Urlaub hier. Wenn ich nicht mehr drehen kann, falle ich tot um“, sagt Fedder. Er brauche diese Stimmung, diese Atmosphäre am Drehort. „Ich bin einfach ein Zirkuspferd. Ich muss das haben.“ Sicher, das Zirkuspferd laufe nicht mehr ganz so schnell wie früher, aber immerhin, es laufe noch. Muss es eben von der Erfahrung zehren, wenn der Körper nicht mehr so mitmacht.

Denn: „Wenn es einen Profi gibt, dann mich.“ In der vergangenen Woche hat Fedder eine Sendung zu seinem 50. Bühnen- und Fernsehjubiläum aufgezeichnet, man merkt ihm an, wie viel Spaß es ihm macht, sein jüngeres, gesundes Ich in den Filmen zu sehen, die er gemacht hat. Es sind erstaunliche 650.

Projekt Nummer 651 soll eine Show zu seinem 65. Geburtstag werden. „Zu meinem 60. konnten wir nichts machen, das ging gesundheitlich nicht“, sagt er. „Also möchte ich das nachholen.“ Sein Traum: Deep Purple soll für ihn auftreten. „Diesen Wunsch muss ich mir einfach erfüllen.“

"Dann lasse ich Deep Purple auf meine Kosten einfliegen"

Überhaupt spricht er auffällig viel davon, dass er nach all den Rückschlägen nur das mache, was er immer schon gewollt habe. Dazu gehört eben auch ein Auftritt seiner Lieblingsband. „Wenn wir es nicht schaffen, die so in eine Show zu bekommen, dann lasse ich Deep Purple auf meine eigenen Kosten einfliegen. Das bin ich mir schuldig. Das muss ich einfach bringen.“ Klar, das werde ordentlich teuer. Aber das sei ihm egal.

Was ist schon Geld? Vor Kurzem habe er die „Cap San Diego“ gechartert. Sei mit ein paar Freunden mit dem Schiff den ganzen Tag die Elbe rauf und runter gefahren. „War nicht ganz billig, aber auch das musste mal sein.“

Fedder sitzt jetzt im Sessel seines Büros in der Polizeiwache. Es ist Mittagspause. Die Kollegen essen Schweinshaxe mit Sauerkraut. Fedder will nicht. Jetzt nicht. Er möchte noch eine Geschichte erzählen. Vor sich auf dem Tisch hat er eine Tasche. Darin befinden sich eine Mütze und ein gefüllter Aschenbecher. Beides gehörte bis vor einigen Jahren Helmut Schmidt. Und Jan Fedder erzählt zu gern, wie er an diese Erinnerungsstücke gekommen ist. Und selbst wenn man die Geschichte kennt, ist es immer wieder amüsant, sie sich anzuhören.

Zwischenfall bei Helmut Schmidt

Sie beginnt damit, dass Jan Fedder seit Langem Dinge sammelt, die großen Persönlichkeiten gehörten. „Ich habe zu Hause auch eine Unterhose von Idi Amin“, sagt er. „Oder den Schreibtisch von Hans Albers.“ An Helmut Schmidts Mütze sei er auf dem 75. Geburtstag des Schriftstellers und Hamburger Ehrenbürgers Siegfried Lenz gekommen, bei dem auch der Altkanzler zugegen war. „Meine Frau und ich waren mit einer kleinen Gruppe, vielleicht 15 Leuten, eingeladen.“ Einen Platz neben Schmidt habe er zwar nicht ergattern können, aber weit weg saß der halt auch nicht.

Um den Politiker auf sich aufmerksam zu machen, begann Fedder, mit lauter Stimme Ringelnatz zu zitieren. Anscheinend so laut, dass irgendwann Schmidts Sicherheitsleute den Raum betraten. „Sie wollten sich vergewissern, ob auch alles in Ordnung ist“, sagt Fedder und lacht. Kurz darauf habe er dann einfach Schmidt angesprochen, nutzt ja alles nichts: „Herr Schmidt, darf ich auf eine Zigarette zu Ihnen kommen?“, habe er gefragt. Und sich neben ihn gesetzt. „Darf ich Sie fragen, was Sie beruflich machen?“, habe Schmidt in seiner trockenen Art gefragt. „Das haben Sie doch eben gerade gesehen“, antwortete Fedder. Schmidt: „Und davon kann man leben?“

„So war er halt“, sagt Fedder. „Geknackt habe ich ihn erst, als ich erzählt habe, wie wir mit unserer Kneipe bei der großen Sturmflut 1962 beinahe abgesoffen sind.“ Das habe Schmidt interessiert, und so seien sie endlich ins Gespräch gekommen.

Ruth Loah verhalf Jan Fedder zu einer Mütze von Schmidt

Was am Ende deutlich länger als eine Zigarettenlänge gedauert zu haben scheint. In dem Aschenbecher nämlich, den Fedder jetzt in die Höhe hält, liegen bestimmt zehn Zigaretten. „Die habe ich hinterher beschlagnahmt“, sagt er und lässt die Kippen vorsichtig wieder in der Tasche verschwinden, als seien sie wertvoller Schmuck. Doch allein die Zigaretten hätten dem Sammler Fedder nicht gereicht. „Ich wollte unbedingt eine seiner Mützen. Aber mir war klar: So einfach geht das nicht.“ Also habe er eine seiner alten Lebensweisheiten beherzigt: „Wenn du von großen Männern etwas willst, dann musst du über ihre Frauen gehen.“

Fedder wandte sich also an Schmidts Lebensgefährtin Ruth Loah. Ob die vielleicht was machen könnte, er sei doch so ein großer Helmut-Schmidt-Fan und leidenschaftlicher Sammler, und da wäre eine Mütze … „Herr Fedder, rufen Sie morgen mal im Büro an. Ich werde das in die Wege leiten“, sagte Ruth Loah. Denn dort würde eine Ersatzmütze hängen, die Helmut Schmidt sowieso nicht mehr bräuchte. Die Mütze aus der Tasche. „Schöne Geschichte, oder?“ sagt Fedder.

Die Geschichte zweier Hamburger Originale. Helmut Schmidt wäre in diesem Jahr, am 23. Dezember, 100 Jahre alt geworden. Er war ein starker Raucher, er hat dem Leben alles abverlangt, ist als Kanzler oft einfach so im Büro zusammengebrochen. Am Ende seines Lebens saß er im Rollstuhl, der Körper schwach, der Geist stark wie immer. Das sind nicht wenige Parallelen zu Jan Fedders Leben, aber erzählt hat er die Geschichte mit Schmidt vielleicht auch aus einem anderen Grund.

"Ich möchte Hamburger Ehrenbürger werden"

Der hatte nämlich etwas, was der Schauspieler unbedingt noch haben will: „Ich möchte so gern Ehrenbürger Hamburgs werden. Und weil man das nur lebend werden kann ...“ Er weiß, dass im Rathaus überlegt wird, Udo Lindenberg zum Ehrenbürger zu machen, und sagt, natürlich mit einem Lachen: „Udo ist ja schon Ehrenbürger von Gronau. Otto in Emden. Aber Hamburg ist doch meine Stadt.“ Das musste mal gesagt werden, „bitte schreiben Sie das auch“.

Und dann stehen da wieder zwei seiner Kollegen im Raum, um ihn abzuholen. Die Mittagspause ist vorbei, das Leben von Dirk Matthies geht weiter. Und das von Jan Fedder sowieso. Ohne Pause. Als wäre nichts geschehen.