Wohnraum

Saga prüft Abriss von 161 Wohnungen auf der Veddel

| Lesedauer: 4 Minuten
Ulrich Gaßdorf
Die Bewohner des „Warmwasserblocks"

Die Bewohner des „Warmwasserblocks"

Foto: Roland Magunia

Mieter und Politiker wollen Denkmalschutz für den „Warmwasserblock“ des Architekten Fritz Schumacher auf der Veddel.

Hamburg.  Heimat. Das ist für Elisabeth Scharlipp der sogenannte Warmwasserblock auf der Veddel. „Ich habe hier mein gesamtes Leben verbracht und ich möchte nicht mehr weg“, sagt die 90-Jährige. Doch nach rund neun Jahrzehnten könnte für die rüstige alte Dame eine nicht gewollte Veränderung anstehen. Denn das städtische Wohnungsunternehmen Saga hat offensichtlich einen Plan für das in den 20er-Jahren errichtete Backsteinensemble mit 161 Wohnungen und einem großzügigen begrünten Innenhof – Abriss und Neubau.

Die Bewohner, viele leben hier schon ewig, sind verunsichert. „Wir haben im Stadtplanungsausschuss davon erfahren, dass die Saga den Gebäudekomplex abreißen will. Die Mieter wurden darüber nicht informiert, es gab aber bereits Gespräche zwischen dem Bezirksamt und den Behörden“, sagt Klaus Lübke, SPD-Vizefraktionschef in der Bezirksversammlung Mitte, dem Abendblatt.

Wird das Ensemble unter Denkmalschutz gestellt?

Einen Abriss des Gebäudekomplexes, der unter anderen an der Wilhelmsburger Straße liegt, lehnt der Politiker kategorisch ab. Seine Forderung: „Die Saga muss die Häuser modernisieren. Seit Jahren wird dort kaum noch etwas saniert, offensichtlich vernachlässigt die Saga die Gebäude bewusst.“

Bei einem Rundgang wird deutlich, was Lübke damit meint. Eine Mieterin führt in eines der Treppenhäuser. Kabel hängen – ohne Schutz – aus der aufgerissenen Wand. Es sieht aus wie auf einer Baustelle. Doch das sei ein Dauerzustand, berichten Bewohner. Die Mieter haben Angst. „Ich möchte nicht, dass mir mein Zuhause genommen wird. Es ist traurig, dass die Saga überhaupt nicht mit uns spricht, dabei sind wir doch die Leidtragenden“, sagt Elisabeth Scharlipp. Sie sei innerhalb des Blocks mehrfach umgezogen, erzählt sie. Seit Jahrzehnten lebt die Rentnerin nun auf 58 Quadratmetern: „Ich fühle mich hier sehr wohl, auch wenn die Saga in den vergangenen Jahren kaum was gemacht hat.“

Und was sagt die Saga?

Die Mieten sind günstig. Seit einem halben Jahrhundert ist der „Warmwasserblock“ auch das Zuhause von Brigitte Drast. In ihrem Fall sind es 440 Euro warm für 61 Quadratmeter. „Natürlich habe ich Sorge, dass wir bei einem Abriss danach deutlich höhere Mieten zahlen müssen, wenn wir in den Neubau ziehen“, sagt sie. „Ich möchte gerne, dass die Häuser stehen bleiben.“

Auf eine Mieterversammlung, die Klaus Lübke initiiert hatte, kamen mehr als 100 Menschen in die Immanuelkirche auf der Veddel. Dort sei deutlich geworden, dass eigentlich alle anwesenden Mieter für einen Erhalt und eine Sanierung der Gebäude seien, stellte Lübke fest.

Aber was sagt die Saga? „Bezüglich der nicht denkmalgeschützten Gebäude aus dem Jahr 1929 in der Wilhelmsburger Straße befindet sich die Saga Unternehmensgruppe derzeit in der Klärung, wie die nötige Bestandserneuerung durchgeführt werden kann, und führt dazu auch Gespräche mit dem Bezirksamt. Das heißt, es werden die Optionen Sanierung und Abriss geprüft“, sagte Sprecher Gunnar Gläser. Die Saga beruft sich demnach darauf, dass die Gebäude nicht unter Schutz stehen. Doch das könnte sich bald ändern. Denn nicht nur SPD-Politiker Lübke, der selbst auf der Veddel lebt, sagt: „Die Häuser müssen unter Denkmalschutz gestellt werden.“

Eine der wichtigsten Leistungen Schuhmachers

Auch Kristina Sassenscheidt, die Vorsitzende des Denkmalvereins Hamburg, bezieht eine klare Position in der Abrissfrage: „Wir gehen davon aus, dass der sogenannte Warmwasserblock als Teil der Schumacher-Siedlung denkmalwürdig ist und die Kulturbehörde ihn daher unter Schutz stellen wird.“

Die Wohnsiedlung auf der Veddel gehöre zu den wichtigsten Leistungen des bekannten Architekten Fritz Schumacher im Rahmen seines Wohnungsbaus in den 1920er-Jahren in Hamburg. Sie sei trotz einiger Kriegsschäden bis heute in ihrer architektonischen Einheitlichkeit erhalten und besitze eine „hohe geschichtliche und künstlerische Bedeutung“, so die Denkmalschutzexpertin weiter.

Die zuständige Kulturbehörde, zu der das Denkmalschutzamt gehört, ist ebenfalls bereits tätig geworden. Sprecher Enno Isermann bestätigte: „Wir prüfen derzeit eine Unterschutzstellung des sogenannten Warmwasserblocks als Bestandteil der Groß-Siedlung Veddel.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg