Fotografie

Buch mit Fotos von Günter Zint zeigt Hamburgs wilde Zeiten

Hafenstraße und Hendrix, Demos und Domenica: Das Werk dokumentiert Hamburg zwischen den Jahren 1965 und 1989.

Hamburg. Wenn sich ein damals unbekannter Musiker wie Jimi Hendrix 1967 auf der Bühne des Star-Clubs die Gitarre zum Spielen auf den Rücken schnallte, wenn ein Jahr später im voll besetzten Audimax nach dem Attentat auf Rudi Dutschke ein Hearing stattfand, wenn Anfang der 80er-Jahre ein Leichenwagen in der Herbertstraße vorfuhr, um einen beim Sex verstorbenen Freier abzuholen, und wenn der Elbfischer Heinz Oestmann 1982 für die Grünen in der Bürgerschaft am Rednerpult pöbelte, weil ihn die SPD mit ihren Zwischenrufen in Rage gebracht hatte, dann war Günter Zint hautnah dabei.

Zwei, vielleicht auch drei Millionen Fotos hat er gemacht. Seit mehr als fünf Jahrzehnten dokumentiert der 77 Jahre alte Hamburger das politische und kulturelle Zeitgeschehen in dieser Stadt. mehr als 1500 Bücher hat er mit illus­triert. Jetzt erscheint sein 80. Buch: „Wilde Zeiten“ mit Hamburg-Fotografien aus den Jahren 1965–1989.

„Mein Vater war ein krankhafter Fotoamateur“, erzählt Günter Zint beim Kaffee im St. Pauli Museum an der Davidstraße, das er einst gegründet hat. Genau wie die „St. Pauli Nachrichten“ („Seid nett aufeinander“), die in ihren besten Zeiten 1,2 Millionen Mal verkauft wurden. „Damit ich die Finger von seinen Kameras lasse, hat er mir 1959 eine Agfa Isola gekauft.“ Es war der Beginn einer lebenslangen Leidenschaft. „Ich fotografiere immer und alles, was mir vor die Linse läuft.“

Hausfotograf im Star-Club

Günter Zint hat bei der Deutschen Presseagentur volontiert, er war quasi Hausfotograf im Star-Club und für den „Spiegel“ fünf Jahre lang als Berichterstatter auch weltweit unterwegs, etwa beim Sechstagekrieg in Israel oder in Nordirland. Ein objektiver Pressefotograf war er nie.

Wenn Günter Zint Momente festhält, ist das immer auch ein Einmischen. Wenn er auf den Auslöser drückt, legt er liebend gerne den Finger in die Wunden. Wenn er sich mit seiner Kamera ins Getümmel stürzt, dann am liebsten da, wo die gesellschaftlichen Widersprüche aufeinanderprallen. Bei den Protesten in Brokdorf gegen die Atomenergie, bei den Kämpfen um die besetzten Häuser in der Hafenstraße, wo er über die Genossenschaft auch Miteigentümer ist. „Mir gehören ein Fenster und eine Tür, die Mieter sind nette Leute, und wenn wir nicht gekämpft hätten, würde die Hafenstraße heute von Millionären mit Elbblick bewohnt.“

In seinem neuen Buch erinnern seine Bilder an die Zeiten der Kommunen an der Annenstraße oder in der „Haschkommune am Berliner Tor“, in denen Bad, Küche, Partner, Weltanschauungen und bewusstseinserweiternde Substanzen miteinander geteilt wurden. Und an die Zeiten der fantasievollen Proteste gegen die Notstandsgesetze. Die im Juni 1968 in Kraft getretenen Änderungen des Grundgesetzes sahen für den Fall des „inneren Notstands oder der Katastrophe“

Für die „Bravo“ fotografierte er John Lennon

Einschränkungen von Grundrechten wie Brief- und Postgeheimnis oder den Einsatz der Bundeswehr im Innern vor. Einzig die FDP stimmte damals übrigens im Bundestag geschlossen gegen die Grundrechtseinschränkungen. Die Zint-Fotos zeigen simulierte Notstandsübungen von Studenten mit Spielzeuggewehren vor der Staatsoper oder bei Schnellgerichten vor dem Audimax auf dem Uni-Campus.

Günter Zint rückt mit seiner Kamera oft ganz nahe an die Menschen ran, ohne aufdringlich zu sein. So entstehen Fotos eines völlig übermüdeten John Lennon auf einer Blitztournee 1966. „Mein absolutes Lieblingsfoto von ihm. Ich habe damals für die ,Bravo‘ fotografiert.“ Bilder von Domenica in ihrer Wohnung. „Als sie einmal gefragt wurde, wie sie sich selbst am liebsten sehen würde, hat sie geantwortet: ,Hochgeschlossen und im Rathaus‘“, sagt Zint. Und ein Foto von Thomas Ebermann in der Badewanne. Nach einer verlorenen Wette musste der GAL-Politiker in der eisigen Elbe baden und wärmte sich anschließend bei Heinz Oestmann in Altenwerder auf.

Die Fotos von Günter Zint erzählen immer auch Geschichten, die sonst vielleicht in Vergessenheit geraten würden. Und sie erzählen viel über ihn selbst, diesen streitbaren Dokumentaristen. „Nennt mich ruhig Triebtäter“, sagt er. „Oder Sponti. Weil ich immer spontan entscheide.“

Er war immer unbeugsam

Das macht ihn unberechenbar. Unbeugsam war er immer. Wegen seiner Antiatomkraftwerk-Haltung hat er die SPD verlassen und ist aus der IG Metall geflogen. „Geh doch rüber“, haben sie ihm oft zugerufen. Für die ehemalige DDR taugte Zint aber auch nicht. „Er ist ein sensibler, unausgereifter junger Mann, der für sein Alter doch noch sehr viele, wie man sagt, Flausen im Kopf hat“, steht in seiner umfangreichen Stasi-Akte. Einen Sozialisten könne man wohl nicht aus ihm machen. „Vom Charakter her wird der Zint als typischer Spinner und Miesmacher bezeichnet.“

Auf jeden Fall ist er stolzer Vater von fünf Kindern, „vier Töchtern, einem Sohn, zwischen 27 und 39 Jahre alt“, der von seinen Bildern und Büchern mittlerweile gut leben kann. Überschüsse aus seinem neuen Buch will er an soziale Projekte wie das „CafFée mit Herz“ oder die „Kältehilfe“ um­leiten.

Etwas ruhiger ist er auch geworden. Seine Kommune befindet sich jetzt an der Oste hinter Stade, den Kiez meidet er freitags und sonnabends „wegen der furchtbaren Ballermannisierung“. Und über allem steht sein Lebensmotto: „Der Zoo vom lieben Gott ist groß und hat viele bunte Tierchen. Ich bin ja auch eins.“