UKE-Gesundheitsakademie

Mehr Krebskranke – aber neue Therapien machen Hoffnung

Prof. Carsten Bokemeyer bei seinem Vortrag an der UKE-Gesundheitsakademie über neue Krebstherapien und Vorsorge

Prof. Carsten Bokemeyer bei seinem Vortrag an der UKE-Gesundheitsakademie über neue Krebstherapien und Vorsorge

Foto: Roland Magunia/HA

Ein Hamburger Professor erklärt an der UKE-Gesundheitsakademie, wie das Immunsystem gegen Tumore vorgehen kann.

Hamburg.  Eine schlechte Nachricht zuerst: Sehr wahrscheinlich werden in Deutschland künftig immer mehr Menschen mit Krebs zu kämpfen haben – 540.000 Neuerkrankungen könnte es im Jahr 2025 hierzulande geben, aktuell sind es etwa 480.000 Fälle. Nun eine Mut machende Prognose: „Die Heilungschancen bei Krebs verbessern sich immer weiter, durch Früherkennung und neue Therapien“, sagte Prof. Carsten Bokemeyer am Montagabend an der Gesundheitsakademie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Wenn keine Heilung möglich sei, könnte sich künftig bei vielen Betroffenen die Überlebenszeit von wenigen Monaten auf einige Jahre verlängern.

Mit der Gesundheitsakademie will das UKE den jüngsten Stand des medizinischen Wissens vermitteln. Nach Bokemeyer werden in den kommenden Wochen noch sechs weitere Wissenschaftler der Klinik 45-minütige Vorträge zu wichtigen Gesundheitsthemen halten, etwa zum Erhalt starker Knochen, zu Maßnahmen gegen juckende Haut und Ursachen und Anzeichen von Demenz. Nach ihren Vorträgen werden die Experten auf dem „Markt der Gesundheit“ Rede und Antwort stehen. Partner der Gesundheitsakademie ist das Abendblatt.

Die Zunahme von Krebserkrankungen hat damit zu tun, dass die Menschen immer älter werden, erläuterte Bokemeyer, Direktor des Universitären Cancer Centrums. Mit zunehmendem Alter verlängert sich der Zeitraum, in dem es in jeder Zelle des Körpers zu genetischen Veränderungen (Mutationen) kommen kann, die eine Entstehung von Krebs begünstigen. „Die Wahrscheinlichkeit für solche Ereignisse nimmt also schlicht zu“, sagte Bokemeyer.

Übergewicht gilt als Risikofaktor

Mutationen sind der Ausgangspunkt für die Umwandlung normaler Zellen in bösartige Tumore. Diese vermehren sich dann selbstständig, verdrängen andere Gewebe und bilden im ganzen Körper sogenannte Metastasen, die Organe wie Gehirn, Lunge, Magen, Darm und Leben zerstören. Das Immunsystem geht zwar prinzipiell gegen bösartige Zellen vor, nur funktioniert dies mit zunehmendem Alter weniger effektiv – auch das sei ein Grund, warum die alternde Gesellschaft anfälliger für Krebs sein werde, sagte Bokemeyer.

Dabei müsse es in vielen Fällen schon heute nicht zu einer Erkrankung kommen. „38 Prozent der Krebs-Fälle lassen sich Risikofaktoren zuweisen, die vermeidbar sind“, sagte Bokemeyer. Ihm zufolge haben etwa Raucher ein 20-fach höheres Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, als Nichtraucher. 89 Prozent der Lungenkrebsfälle bei Männern und 83 Prozent bei Frauen seien auf das Rauchen zurückzuführen.

Weitere große Risikofaktoren seien mangelnde Bewegung, Übergewicht und ungesunde Ernährung mit zu wenig Ballaststoffen und zu wenig Obst und Gemüse. Wie Bokemeyer sagte, kommen Brustkrebs, Nierentumore und Magenkarzinome bei Übergewichtigen drei bis fünf Mal häufiger vor als bei normalgewichtigen Menschen. Das sei wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass Fettzellen bestimmte Stoffe enthalten, die Wachstumsprozesse im Körper – auch die Vermehrung von Krebsvorstufen und Tumoren – begünstigen können.

Hodenkrebs wird zu 90 Prozent geheilt

Etwa fünf bis zehn Prozent aller Krebs-Fälle seien erblich bedingt. „Bewegungsmangel und Übergewicht sind viel problematischer“, sagte der Mediziner. Ein weiterer vermeidbarer Risikofaktor insbesondere für Krebs im Kopf-Hals-Bereich, in der Speiseröhre, im Magen und der Bauchspeicheldrüse sei Alkohol.

Etwa 65 Prozent aller Krebspatienten in Deutschland werden dauerhaft geheilt. Bei Brustkrebs liegt die Heilungsrate laut Bokemeyer bei 85 Prozent, bei Hodenkrebs sogar bei 90 Prozent. Aber noch immer sterben jedes Jahr etwa 220.000 Menschen hierzulande an Krebs. „Es ist trotz aller Fortschritte in vielen Fällen immer noch eine schreckliche Erkrankung“, sagte der UKE-Mediziner.

Fortschritte sehe er etwa darin, dass für immer mehr Patienten eine individuelle Therapie zusammengestellt werde, die nicht mehr nur auf Operationen, auf Chemo- und Strahlentherapie setze. Aus jahrelanger molekularbiologischer Forschung sei inzwischen schon viel bekannt etwa über den Stoffwechsel bestimmter Tumore. Dieser lasse sich mit Medikamenten unterbrechen. Zudem könnten Antikörper, künstlich erzeugte Moleküle, das Wachstum bestimmter Tumore stoppen oder verzögern, sagte Bokemeyer.

Erste Erfolge bei Leukämie

Ermutigend seien auch die Ergebnisse von Immuntherapien. Dabei werden Immunzellen wieder aktiviert, die zwar schon einmal Tumore erkannt haben, den Krebs dann aber dulden, weil die Tumorzellen Signale des Immunsystems nachahmen und sich dadurch schützen. Inzwischen lassen sich einige dieser Signale durch Medikamente blockieren – und die Immunzellen gehen wieder gegen die Tumorzellen vor.

Der jüngste Ansatz besteht darin, Immunzellen des Patienten herauszufiltern und genetisch so zu verändern, dass sie den Krebs bekämpfen. Bei bestimmten Formen der Leukämie (Blutkrebs) und bei Lymphdrüsenkrebs zeigten sich hier erste Erfolge, sagte Bokemeyer. Für weitere Krebsarten liefen schon Studien mit sogenannten Designer-CAR-T-Zellen. Das UKE werde solche Therapien wahrscheinlich als eines der ersten Zentren in Deutschland in den kommenden Jahren anbieten.

Der nächste Vortrag an der Gesundheitsakademie UKE findet am 12. November um 18.30 Uhr statt und widmet sich diesem Thema: „Damit die Augen gesund bleiben – Schwächen rechtzeitig erkennen und behandeln.“ Ticketpreis pro Veranstaltung: 10 Euro (zzgl. Gebühren). Erhältlich sind Karten in der Abendblatt-Geschäftsstelle, Großer Burstah 18–32 (Montag bis Freitag 9 bis 19 Uhr, Sa 10 bis 16 Uhr) sowie unter www.abendblatt.de/leserevents und an der Abendblatt-Ticket-Hotline: 040/303098 98. Veranstaltungsort: Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, Campus Lehre, Gebäude N55, Martinistr. 52.