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Warum auf Hamburger Baustellen so wenige Deutsche arbeiten

Die türkischstämmigen Göksel Beycet und Vorarbeiter Sükrü Cal von der Firma Quick-Estrich auf einer Baustelle am
Tarpenbeker Ufer. Hier entstehen 750 neue Wohnungen.

Die türkischstämmigen Göksel Beycet und Vorarbeiter Sükrü Cal von der Firma Quick-Estrich auf einer Baustelle am Tarpenbeker Ufer. Hier entstehen 750 neue Wohnungen.

Foto: Mark Sandten / HA

Die heimischen Firmen leiden unter Nachwuchsmangel. Ausländische Subunternehmen arbeiten für weniger Geld.

Hamburg.  Deutsch wird auf Baustellen in Hamburg zunehmend zur Randsprache. Grund ist, dass immer mehr inländische Baufirmen auf ausländische Subunternehmer zurückgreifen. Diese können ihre Leistungen günstiger anbieten als ihre deutsche Konkurrenz. Zudem stellen hiesige Firmen zunehmend Migranten ein.

„Der Trend geht seit 15 Jahren dahin, immer mehr Bauleistungen an ausländische Firmen abzugeben, weil es teurer und umständlicher ist, mit eigenem Personal dagegenzuhalten“, sagt Stefan Wulff, Geschäftsführender Gesellschafter der bekannten Hamburger Baufirma Otto Wulff. Im Gespräch mit dem Abendblatt kritisiert er einen ungerechten Wettbewerb, der sich aus der Dienstleistungsfreiheit des europäischen Binnenmarktes ergibt. „Ein deutscher Facharbeiter auf dem Bau kostet mitsamt Lohnnebenkosten rund 45 Euro pro Stunde, ein polnischer 25 bis 30 Euro“, sagt Wulff.

EU ist in der Pflicht

Für den Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, Henning Vöpel, liegen die Gründe für diese Entwicklung in der Uneinheitlichkeit der EU. „Wir haben einen freizügigen europäischen Binnenmarkt im Warenverkehr und bei den Dienstleistungen. Löhne und soziale Standards werden aber immer noch von den Nationalstaaten gebildet.“ Solange man sich in der EU nicht auf eine weitergehende Angleichung einige, werde sich diese Problematik nicht auflösen.

Leitartikel: Multikulti unterm Kran

Den Vorstoß des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters und Vizekanzlers Olaf Scholz (SPD), eine europäische Arbeitslosenversicherung einzuführen, unterstützt der Volkswirtschaftsprofessor: „Das könnte ein Schritt in die richtige Richtung sein, um das Dilemma zu lösen“, sagte er.

Nicht genügend deutscher Nachwuchs

Ein weiteres Problem ist, dass die Baufirmen nicht genügend deutschen Nachwuchs finden. Unternehmen des heimischen Hoch- und Tiefbaus haben allein im September 250 offene Stellen bei der Hamburger Agentur für Arbeit gemeldet. Die Zahl der aktuellen Stellenangebote weiterer Gewerke wie Ausbau, Bodenverleger und Maler beläuft sich auf mehr als 1250. „Über ­laufende Kompetenzfeststellungen möchten wir deshalb Geflüchteten einen Berufseinstieg ermöglichen“, sagt Agenturchef Sönke Fock.

Das ist sicher im Sinne vieler Hamburger Unternehmen, denn wer mit einem Wiadro voll Beton und einer Lopata mit Sand eine Stena errichtet, baut nicht unbedingt in Osteuropa, sondern möglicherweise mitten in Hamburg. Auf den Baustellen der Hansestadt – und davon gibt es derzeit viele – hört man zahlreiche unterschiedliche Sprachen, aber kaum noch Deutsch. So heißt der Bau einer Mauer mit einem Eimer voll Beton und einer Schaufel gleich ganz anders, wenn polnische, rumänische oder bulgarische Gewerke die Arbeit übernehmen. Und das ist inzwischen die Regel. Kaum ein Hamburger Bauunternehmen verzichtet auf den Einsatz von ausländischen Firmen, um den Wohnungsbau in der Stadt voranzutreiben. Denn Ausländer sind preiswerter und deutsche Arbeitskräfte finden sich kaum.

Fremdfirmen müssen weniger abführen

„Vor allem im Hochbau werden aufgrund der Dienstleistungsfreiheit des europäischen Binnenmarkts zunehmend Firmen aus Osteuropa als Nachunternehmer eingesetzt“, sagt Michael Seitz, Geschäftsführer der Bau-Innung Hamburg und Sprecher der Hamburger Bau- und Ausbauwirtschaft. Zwar seien auch diese an den deutschen Mindestlohn im Bau gebunden. Sie müssten ebenso in die Urlaubs- und Lohnausgleichskasse der Bauwirtschaft einzahlen wie die deutschen Unternehmer. „Dennoch können sie ihre Dienste günstiger anbieten, da sie die Krankenkassen-, Renten- und andere Sozialbeiträge für ihre Mitarbeiter in ihren Heimatländern abführen.“

Dieses richtet sich wie die Besteuerung nach der 183-Tage-Regel. So darf der deutsche Fiskus die Vergütung eines ausländischen Arbeitnehmers nicht besteuern, wenn er sich innerhalb eines Zeitraums von zwölf Monaten weniger als 183 Tage in Deutschland aufhält und der Lohn von einem Arbeitgeber gezahlt wird, der nicht in Deutschland ansässig ist. In der Regel müssen Fremdfirmen im Ausland für ihre Mitarbeiter weniger abführen als deutsche Firmen“, sagt Seitz.

Wulff geht mit Branche hart ins Gericht

Sogar deutlich weniger, meint Stefan Wulff. Er ist Geschäftsführender Gesellschafter der Otto Wulff GmbH, einem der größten und angesehensten Bauunternehmen in der Stadt. „Ein deutscher Facharbeiter auf dem Bau kostet mitsamt Lohnnebenkosten rund 45 Euro pro Stunde, ein polnischer 25 bis 30 Euro“, sagt er.

Wulff ist einer der wenigen führenden Bauunternehmer der Stadt, der noch einen eigenen großen Stamm von gewerblichen Mitarbeitern hat. Und er geht mit seiner Branche hart ins Gericht: „Der Trend geht seit 15 Jahren dahin, immer mehr Bauleistungen an ausländische Fremdfirmen abzugeben, weil es teurer und umständlicher ist mit eigenem Personal dagegenzuhalten.“

Auch Wulff kann sich diesem Trend nicht völlig entziehen: „Würde ich nur auf meine eigenen Mitarbeiter zurückgreifen, könnte ich viele Aufträge gar nicht ausführen.“ 200 Bauarbeiter hat er noch. Sie werden nach dem Tarif für Facharbeiter bezahlt, der fünf Euro pro Stunde über dem deutschen Mindestlohn von 14,45 Euro liegt. Damit er gegen die ausländische Konkurrenz bestehen kann, hat er die Akkordarbeit eingeführt. Nicht der Stundenlohn steht dabei im Mittelpunkt, sondern Leistungsvorgaben. Wer diese in seiner Arbeitszeit übererfüllt, bekommt auch mehr Geld. Anders wären wir nicht wettbewerbsfähig“, sagt Wulff.

Akkordsystem ist sehr aufwendig

Zugleich sei das Akkordsystem sehr aufwendig. „Bezüglich der Leistungsziele müssen sich unsere Bauleiter mit den Kolonnen auseinandersetzen. Punkt für Punkt muss geschaut werden, welche Ziele erfüllt wurden und welche nicht. Viele andere Baufirmen scheuen diesen Aufwand“. Allerdings sieht Bauunternehmer Wulff in den firmeneigenen Baukolonnen auch einen Vorteil: „Wir sind bei Aufträgen schneller, können sofort anfangen, weil unsere Leute nicht erst anreisen müssen.“

Der zunehmende Einsatz ausländischer Kräfte hängt aber nicht nur mit den Kosten zusammen. Ein anderer Grund ist, dass frische Kräfte wegen des Baubooms stark nachgefragt sind. „Im deutschen Bau waren zur Wendezeit etwa 1,5 Millionen Menschen beschäftigt. Nach den schwachen Jahren, die folgten, war der Bestand auf 680.000 zurückgegangen. Jetzt wächst er wieder an“, sagt Innungschef Seitz. Die hohe Nachfrage könne nicht allein aus dem deutschen Nachwuchs gedeckt werden.

Jeder fünfte Lehrling ist ein Flüchtling

Der Bundesagentur für Arbeit zufolge betrug der Ausländeranteil bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Hochbau vor zehn Jahren acht Prozent. Heute hat er sich mehr als verdoppelt und liegt bei 17,7 Prozent. Im Ausbaugewerbe hat sich der Anteil auf 14,7 Prozent fast verdreifacht. Eingerechnet sind nur die Bauarbeiter deutscher Firmen mit ausländischem Pass. Migranten mit deutschem Pass und ausländische Subunternehmen werden von der Statistik nicht erfasst. Tatsächlich ist also der Anteil wesentlich höher. Das gilt übrigens nicht für den Tiefbau, wo höher qualifizierte Kräfte benötigt werden. Dort arbeiten mehr deutsche Fachkräfte. Laut Statistik ist der Anteil ausländischer Beschäftigte im Tiefbau in den vergangenen zehn Jahren zwar auch gewachsen, aber nur moderat.

Ein anderes Bild zeigt die Ausbildung: Das Ausbildungszentrum Bau in Steilshoop verzeichnet Rekordzugänge bei Migranten. Auffallend ist dabei: Jeder fünfte Lehrling ist inzwischen ein Flüchtling. Und diese werden von den deutschen Baufirmen gerne genommen: „Sie haben großes Potenzial und können die benötigten Fachkräfte für morgen sein“, sagt Thomas Rendtel, Geschäftsführer des Ausbildungszentrums Bau. Firmen, die Flüchtlinge ausbilden, seien mit ihrem neuen Nachwuchs durchweg zufrieden. „Manche Firmen wollen anstatt einem sogar zwei Flüchtlinge haben, weil sie oft reifer sind als mancher deutsche Azubi.“