Hamburg

In der Flüchtlingskrise haben wir einfach gehandelt

Die Abendblatt-Spendenaktion für Flüchtlinge im Juli 2015: Mit vielleicht 1000 Spendern hatte die Chefredaktion gerechnet – 10.000 Leserinnen und Leser brachten ihre Spenden.

Die Abendblatt-Spendenaktion für Flüchtlinge im Juli 2015: Mit vielleicht 1000 Spendern hatte die Chefredaktion gerechnet – 10.000 Leserinnen und Leser brachten ihre Spenden.

Foto: Michael Rauhe / HA

Was in einer Willkommenseuphorie begann, wendete sich bald zum Katzenjammer. Rückblick auf ein verflogenes Septembermärchen.

Hamburg. Vielleicht hätten die Deutschen vor drei Jahren auf die Briten hören sollen. Am 8. September 2015 meldete sich der britische Politologe Anthony Glees im Deutschlandfunk zu Wort. Deutschland benehme sich wie ein „Hippie-Staat, der sich nur von Gefühlen leiten lässt“, meckerte er in die wohlige Willkommenseuphorie hinein. Er warnte davor, „dass der Charakter von Europa sich jetzt grundsätzlich verändern wird durch die deutsche Haltung“, auch weil die Deutschen sich nicht mehr an „ihre eigenen Regeln von Schengen“ hielten. Viele Briten, so Glees weiter, meinten, die Deutschen hätten den Verstand verloren. Vielleicht hat er auch uns gemeint.

Damals gingen beeindruckende Bilder um die Welt, die man von uns Deutschen nicht kannte. Am Münchner Hauptbahnhof hießen Freiwillige Flüchtlinge mit Beifall und Geschenken willkommen. Eine wahre Volksbewegung engagierte sich für Schutzsuchende, eine Welle der Hilfsbereitschaft rollte durchs Land. Eine Aktion des Abendblatts vom 20. Juli 2015 zeigt, wie damals die Volksseele empfand. Angeregt von den Bildern mit verzweifelten Flüchtlingen und im Wissen um ihre unzureichende Versorgungslage entschied sich die Redaktion, nicht nur zu berichten, sondern zu handeln.

Es kamen 10.000 Hamburger

An der frisch eingeweihten Abendblatt-Zentrale am Großen Burstah stellten wir Tapeziertische auf, um Kleider, Fahrräder und Hygieneartikel einzusammeln. „Wenn 500 Leute kommen, können wir sehr zufrieden sein. 1000 wäre eine Sensation“, lautete die offizielle Prognose aus der Chefredaktion. Wie man sich irren kann: Es kamen 10.000 Hamburger, die Polizei musste die Straße sperren, ein Dienstleister stellte spontan mehrere Lkw zur Verfügung, um alle Spenden überhaupt abtransportieren zu können. Es sollte vier Monate dauern, bis alle Spenden verteilt waren – unter anderem an eine Initiative in den Messehallen, deren Kleiderkammer in kürzester Zeit zur größten der Republik wurde.

Es war eine beeindruckende Spendenaktion, die Großherzigkeit und Großmut verband. „Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“, hatte einst Che Guevara gedichtet. In diesen Momenten erspürte man, was er meinte. Es waren Aktionen wie diese, die Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Ende August zu ihrem folgenschweren Satz inspirierten­: „Deutschland ist ein starkes Land. (...) Wir haben so vieles geschafft, wir schaffen das. Wir schaffen das, und wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden.“

Irrationaler Überschwang

Heute treibt dieser Satz manchem die Zornesröte ins Gesicht, damals war er kaum umstritten. Auch das gehört zur Wahrheit: 59 Prozent der Deutschen sagten damals, das Land solle genauso viele oder gar mehr Flüchtlinge aufnehmen. 45 Prozent sahen in der Zuwanderung Vorteile, nur 33 Prozent Nachteile. Wie konnte die Stimmung so kippen? Was ist passiert, dass viele im „Septembermärchen“ von 2015 heute einen Sündenfall hineindeuten?

Auch da muss man tief in das Jahr 2015 eintauchen. Es gab in Deutschland nie eine rationale Debatte über Chancen und Grenzen der Einwanderung, sondern einen irrationalen Überschwang. Überdeutlich wird dies in einem törichten Satz des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck: „Es gibt ein helles Deutschland, das hier sich leuchtend darstellt gegenüber dem Dunkeldeutschland, das wir empfinden, wenn wir von den Attacken auf Asylbewerberunterkünfte oder gar fremdenfeindlichen Aktionen gegen Menschen hören.“

Auf welcher Seite wollte man da stehen? In dieser moralischen Aufladung drängte alles ins Licht – die im Dunkeln sah man nicht. Gleichsam wurden in diesem eindimensionalen Hell-dunkel-Schema alle Zwischentöne, Zweifel und Fragen in eine radikale Ecke befördert. Und das Unheil nahm seinen Lauf.

Streit um die „Lampedusa-Flüchtlinge“

Dabei hatte man hier in Hamburg zwei Jahre zuvor die große Zuwanderungsdebatte auf lokaler Ebene vorgeführt: Im Streit um die „Lampedusa-Flüchtlinge“, die sich illegal aus Italien nach Deutschland aufgemacht hatten und hier ein Bleiberecht forderten, brach sich die enorme Emotionalität der Debatte Bahn. Auf der einen Seite engagierten sich Aktivisten mit der Forderung nach Bleiberecht für Flüchtlinge und viel Moral, auf der anderen Seite stand ein vermeintlich engherzig-kleinkarierter Rechtsstaat, auf den der damalige SPD-Senat pochte.

Der Innensenator Michael Neumann kämpfte für die Einhaltung der Dublin-Regeln und sah sich erbitterten Hass und Beschimpfungen ausgesetzt. Welch Ironie der Geschichte: Die SPD kämpfte 2013 dort, wo Horst Seehofer 2015 weitermachte – beide auf verlorenem Posten. Man hätte gewarnt sein können. Und anders als heute Übelmeinende mit ihren „Lügen- oder Lückenpresse“-Sprüchen glauben machen, diskutierte das Abendblatt schon damals die Folgen einer Politik, die Gesinnungsethik zum Leitbild erklärt:

„Mehr und mehr drängt sich der Eindruck auf, dass es einigen Aktivisten längst um offene Grenzen geht ... Offene Grenzen werden diese Ungerechtigkeiten aber nicht beseitigen können – ganz im Gegenteil. Massive Einwanderung führt in Afrika wie in Europa zu Verwerfungen. Bei allem Beifall für Moralisten, es ist Aufgabe der Politik, hier ehrlich zu sein.“

Doch mahnende Stimmen haben es bei aufgeladenen Themen schwer. Gerade in der Zuwanderungsdebatte führen oft Radikale das Wort – auf der einen Seite Vertreter offener Grenzen mit einer Verklärung aller Fremden, auf der anderen Seite Ausländerfeinde, die bis heute leugnen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist.

Einfache Wahrheiten wollte niemand hören:

„Es gibt Grenzen der Aufnahmefähigkeit. Diese werden eben nicht nur von Wirtschaftsinteressen definiert, sondern auch von subjektiven Gefühlen der Mehrheitsgesellschaft. Man mag die weit verbreiteten Vorbehalte gegen Zuwanderer schlimm finden, ignorieren darf man sie nicht.“

Doch diese Stimmen drangen kaum durch.

Das Recht auf Asyl hatten die Verfassungsväter als Schutz vor politischer Verfolgung definiert. Es ist das falsche Tor für Menschen, die sich eine bessere Zukunft in Deutschland erhoffen. So verständlich die Rufe nach maximaler Hilfe sind, so unrealistisch bleiben sie. Einwanderungspolitik funktioniert dann am besten, wenn weder Traumtänzer noch Scharfmacher die Debatte anführen. Sondern Realisten mit Herz.

Diese Realisten suchte man damals vergeblich. Noch ein Zitat:

„Wer die Willkommenskultur, die beeindruckende Hilfsbereitschaft der Menschen und die Offenheit der Bürger erhalten will, muss sich der Realität stellen und auch unangenehme Wahrheiten aussprechen. Das dänische Beispiel ist Mahnung genug. Wer heute radikal offene Grenzen propagiert, wird morgen den Rechtsruck riskieren.“

Endlich auf der richtigen Seite der Geschichte

Das alles stand im Hamburger Abendblatt – und in manch anderen Zeitungen auch – wurde aber geflissentlich ignoriert. Eine ganz große Koalition ließ sich von der Willkommenskultur mitreißen – sicherlich auch im Gefühl, sieben Jahrzehnte nach der Hitler-Barbarei endlich auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Dass diese Haltung auch als Abgrenzung zu schlimmen Ausschreitungen gegenüber Flüchtlingen gemeint war, macht die Politik verständlicher, aber nicht besser. „Die Welt sieht Deutschland als Land der Hoffnung und der Chancen. Das war nicht immer so“, erklärte die Kanzlerin am 31.August 2015.

Der Blick von außen und oben auf Deutschland war wichtiger geworden als der Blick von unten oder aus der Mitte heraus. Im August 2015 lag die Union in Umfragen bei 43 Prozent, die SPD bei 24 und die AfD bei drei Prozent, heute sind es 28, 17 und 16. Seitdem erodiert das Parteiensystem.

Als der Bundestag am 9. September 2015 über die faktische Grenzöffnung wenige Tage zuvor debattierte, waren sich alle Parteien einig. Die grüne Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt sprach gerührt vom „Septembermärchen“, das sie zum ersten Mal stolz auf Deutschland mache. Vizekanzler Sigmar Gabriel trug einen großen Button der „Bild“-Aktion: Refugess welcome. Dass derselbe Slogan in diesen Wochen an der Roten Flora hing, fiel nicht groß auf. Nur Horst Seehofer grummelte im „Spiegel“: „Das war ein Fehler, der uns noch lange beschäftigen wird. Ich sehe keine Möglichkeit, den Stöpsel wieder auf die Flasche zu kriegen.“ Ist er deshalb „Crazy Horst“, weil er früher als andere warnte?

Mehr als 900.000 Flüchtlinge

Mehr als 900.000 Flüchtlinge kamen im Jahr 2015 nach Deutschland und führten das Land an seine Grenzen. Manchen Städten wie Hamburg gelang die Unterbringung, andere wie Berlin scheiterten auf groteske Weise. Der Unmut wuchs, aber es blieb ruhig.

„Weite Teile der Union verstehen die Kanzlerin zwar nicht mehr, nicken ihre Politik aber eilfertig ab, solange die Umfragen stimmen. Die Grünen sind ganz hin-, die Sozialdemokraten eher hin- und hergerissen. Sie trauen sich als Partei der Solidarität nicht, sich gegen die Kanzlerin zu positionieren. Die FDP wird als mahnende Stimme kaum wahrgenommen. So bekommt jede Kritik an der deutschen Flüchtlingspolitik, so fundiert sie auch klingt, den Hautgout der AfD. Weil die meisten sich aus guten Gründen nicht in deren Nähe begeben wollen, schweigen sie. Für das Funktionieren der Demokratie wird das zur schweren Hypothek.

Auch die meisten Medien, uns eingeschlossen, haben sich 2015 nicht mit Ruhm bekleckert. Eine Ursache der heute beklagten Medien- und Vertrauenskrise dürfte im Hurra-Journalismus jener Tage liegen.

Von ARD bis RTL, von der „Bild“ bis zur „Zeit“ bekommen die meisten Berichte etwas Appellatives, etwas Predigthaftes. Lauter frohe Botschaften, lauter Handlungsanweisungen. Das ist gut gemeint, aber ist es auch guter Journalismus? Sagen, was ist, lautete der Leitspruch von Rudolf Augstein. Nicht sagen, was sein sollte.

„Cool bleiben, ohne kalt zu sein“

Am 5. September erschien in dieser Zeitung, die sich als Sonderausgabe nur mit dem Thema Flucht befasste, ein Essay unter dem Titel „Große Chancen, große Risiken: Flüchtlinge dürfen träumen – wir nicht. Die Debatte um eine Willkommenskultur braucht mehr Ehrlichkeit“. Interessanter als der Text waren die Reaktionen darauf, sowohl in der Zahl als auch in der Vehemenz.

Ein Kollege aus dem Westen schrieb: „Nach Wochen stiller Verzweiflung lese ich heute endlich eine differenzierte Meinung zur Flüchtlingsbewegung. Ich kann Ihnen dafür nicht dankbar genug sein! Und beginne mit der Verbreitung Ihres, im besten Sinne, Leit-Artikels. Man sollte unseren in diesen Wochen gefühlsduseligen Kollegen die oft in Vergessenheit geratene Meinung von Hanns Joachim Friedrichs ans Herz legen: ,Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.‘“

Oder: „Seit vielen Jahren bin ich Abonnent des Abendblatts und habe mit dem 11. September 2001 angefangen, an weltbewegenden Tagen Ausgaben zurückzulegen. Auch die Ausgabe vom 5. September werde ich mir zurücklegen, um in einigen Jahren zu sehen, mit welchen Gefühlen ich auf diese historischen Tage zurückblicke. Der Leitartikel spricht mir aus vollem Herzen.“ Und ein Bundestagsabgeordneter schrieb: „Mir hat Ihr heutiger Leitartikel gut gefallen. Viele werden sich schon bald an Ihre Worte erinnern.“

Die rosarote Weichzeichnung der Lage 2015 verzerrt bis heute die Wahrnehmung – nun verdüstert sie unsere Sicht. Manche Erwartungen an ein „zweites Wirtschaftswunder“ wurden enttäuscht, manches Versprechen („Ein Glück für Deutschland“) war leer. Heute sehen viele nur noch Kosten und „Unglück“. Lobte man damals nur Chancen, überwiegen heute die Risiken. Egal ob 2015 oder 2018 aber gilt: Wir müssen beides sehen. Und mit heißem Herzen und kühlem Kopf handeln.