70 Jahre Abendblatt

Sie bringt das Abendblatt: Auf Tour mit der Zustellerin

Mit der Abendblatt Zustellerin Christa Knolinski morgens unterwegs in Niendorf

Mit der Abendblatt Zustellerin Christa Knolinski morgens unterwegs in Niendorf

Foto: Michael Rauhe

Um 3.30 Uhr steht Christa Knolinski (75) auf. Sie bringt Lesern in Niendorf ihr Abendblatt. Mit dem Fahrrad – und mit Leidenschaft.

Sie braucht ihn nicht, trotzdem stellt sie jeden Abend den Wecker. Dabei wacht Christa Knolinski schon immer vor dem ersten Klingeln auf. Ihr Körper ist darauf trainiert, seit mehr als 30 Jahren schon. Auch am Sonntag und im Urlaub. „Ja, leider“, sagt die 75-Jährige und lacht aber dabei. Aber dann könne sie sich ja einfach wieder umdrehen und weiterschlafen.

Von Montag bis Sonnabend macht sie frühmorgens ihre Tour mit dem Fahrrad – mit zwei dicken Packen Zeitungen in gigantischen Packtaschen. Eigentlich ist es noch nachts, wenn sie startet, und trotzdem werde sie von ein paar Menschen im Viertel schon sehnsüchtig erwartet, sagt Christa Knolinski. Bis 6.30 Uhr müsse sie durch sein mit ihrer Runde, das erwarten die Kunden.

Alle ihre acht Kinder haben das Abendblatt ausgetragen

Oft treten Kinder beruflich in die Fußstapfen ihrer Eltern. Bei Christa Knolinski war es umgekehrt. Alle ihre acht Kinder haben das Wochenblatt und das Abendblatt ausgetragen. 1986, als sie nacheinander damit aufhörten, stieg die gelernte Floristin ein. Um Blumen kümmert sie sich nur noch in ihrem eigenen Garten. Als ihre ersten Kinder zur Welt gekommen waren, hatte sie aufgehört zu arbeiten. „Wir Frauen brauchten damals nicht zu arbeiten“, sagt sie, ihr Mann Eugen verdiente als Maschinenbauer genug Geld für die Familie. Doch er starb früh, Christa Knolinski stand allein da mit ihren Kindern.

Das Zeitung-Austragen war ihr zu Beginn äußerst peinlich. „Ich dachte, jeder guckt“, erinnert sich die Niendorferin. „Ein Nachbar war Zahnarzt. Die Kinder durften nicht mit unseren spielen.“ Inzwischen, sagt Christa Knolinski, nehme sie die grünen Satteltaschen nie mehr ab. Sie fahre jetzt sogar damit einkaufen. Selbstbewusst.

Auto brennt, Auto gestohlen – was Abendblatt-Zusteller erleben

Auch wenn das frühe Aufstehen gegen 3.30 Uhr für sie kein Problem sei, wie sie sagt, für ein Ritual muss Zeit sein: „Ich muss einen Kaffee haben. Schwarz.“ Wenn sie dann in die Halle in einem Niendorfer Gewerbegebiet kommt, ist dort bereits Betrieb. Die Tür steht offen, helles Licht fällt auf den dunklen Weg. Dicke Zeitungsstapel liegen für die Zusteller bereit. Dazu gibt es Listen, auf denen vermerkt ist, wer neu bestellt hat, wer die Zeitung im Urlaub abbestellt hat und ja, auch wer sein Abo gekündigt hat. „Ich könnte ja nicht ohne. Mir fällt es ja schon schwer, wenn Feiertag ist und es mal keine Zeitung gibt“, sagt Christa Knolinski.

Sie ist mit ihrem eigenen Fahrrad unterwegs, das Licht macht sie auf ihrer Tour immer aus. Sicherheitshalber fährt sie immer auf dem Fußweg. In Niendorf trifft man um diese Zeit ohnehin noch keinen Menschen. Aber es ist ihr lieber, nicht so sichtbar zu sein. Angst hat die achtfache Mutter und 15-fache Großmutter nicht, aber sie hat schon manches Mal die Polizei gerufen. Mal brannten Autos, mal erschien ihr ein Mann sehr seltsam („den haben die Beamten mitgenommen“), mal wurde vor ihren Augen ein Auto geklaut, mal warfen Randalierer reihenweise Heckscheiben ein.

"Früher haben wir noch kassiert"

Geld hat sie nicht dabei, da sei nichts zu rauben. „Früher haben wir noch kassiert“, erinnert sich die Zustellerin, die froh ist, dass heutzutage abgebucht wird. Mal traf sie die Abonnenten nicht an oder diese hatten das Geld nicht passend.

Christa Knolinski hat ihre Tour fest im Kopf abgespeichert. Geschickt fährt sie die Einfamilienhäuser in dem Niendorfer Viertel ab, deren Straßen alle Namen aus dem Harz haben, und schlängelt sich durch die Zuwegungen der Mehrfamilienhäuser. Manchmal springt ein Licht über der Eingangstür an, viele Türen bleiben dunkel. Manchmal, sagt sie, könne sie sich nicht erinnern, ob sie tatsächlich eine Zeitung in den Briefkasten geworfen habe, so sehr seien ihr die Abläufe in Fleisch und Blut übergegangen: „Das läuft ganz automatisch ab.“ Genauso, wie sie jede Stufe verinnerlicht hat und jede Unebenheit auf den Wegen zu den Briefkästen.

Ihr Fahrrad mit den Packtaschen lehnt sie meist nur schnell an die Hecke, das funktioniert besser als der Ständer und geht auch noch schneller.

Der Leser steht im Morgenmantel da

An manchen Häusern dagegen stellt sich keine Routine ein. Bei dem Mann etwa, dessen Wohnung genau neben dem Eingang liegt. Er kommt dann oft im Morgenmantel raus und nimmt die Zeitung persönlich entgegen. Und bitte nicht später als fünf Uhr. An diesem Morgen ist zwar schon ein Fenster geöffnet, aber der Abonnent lässt sich nicht blicken.

In einem Mehrfamilienhaus wohnt es eine ältere Dame, die ebenfalls großen Wert darauf legt, dass ihre Zeitung nicht später als fünf Uhr an ihrer Tür hängt. In einigen Mehrfamilienhäusern bringt Knolinksi den Lesern die Zeitung bis vor die Wohnungstür. Ein Exemplar auf den Fenstersims am Laubengang, das andere in der zweiten Etage in einer Tüte an den Türknauf („weil sich die Dame nicht mehr so gut bücken kann“), das dritte auf die Fußmatte. Die flotte 75-Jährige, die in Jogginghose und Turnschuhen unterwegs ist, läuft flink zu Fuß hoch, denn „ich fahre nicht gern Fahrstuhl“, gesteht sie.

Inzwischen sind schon mehrere Lichter in den Häusern angegangen, vereinzelt verlassen Bewohner mit ihren Autos die Ausfahrten. Als die Zustellerin – eine von etwa 2000, die das Abendblatt austragen – wieder losradelt, macht sich in der Stille der Nacht wieder dieses Geräusch an ihren Rad bemerkbar. Da seien nur ein paar Speichen lose, sagt sie, „am Sonnabend kommt es wieder in die Inspektion“.

Ihr Lebensgefährte Gunnar unterzieht ihre Fahrräder alle acht Wochen einer gründlichen Revision. Mit Gunnar hat sie nach dem Tod ihres Mannes noch zwei gemeinsame Kinder bekommen. Er hilft ihr oft beim Zeitung austragen. Gunnar sei der Bruder ihres verstorbenen Mannes, erklärt Christa Knolinski. Geheiratet haben sie nie. Wozu auch. „Er hat denselben Namen wie ich und unsere Kinder“, sagt sie und lächelt.

"Ja, ich bin fit"

Und obwohl sie bereits kurz vor halb sieben Uhr früh einen Teil ihres Tagewerks erledigt hat, geht es nun für sie richtig los. Nach Dusche, Frühstück mit einer weiteren Tasse Kaffee und der Abendblatt-Lektüre fährt sie zu ihrer jüngsten Tochter Andrea (34) und holt dort ihre Enkelin ab. Wenn diese noch schläft, wartet sie eben. Sie würde sie doch nicht ohne Not aus dem Schlaf reißen. Hanna wird demnächst zwei, und ihre Mutter hat für sie bislang keinen Kitaplatz gefunden. „Ich habe doch schon viele meiner Enkel betreut“, sagt Großmutter Christa. Hanna sei so ein fröhliches Kind, nicht besonders anstrengend. Bleibt da mal Zeit für ein Nickerchen tagsüber? Das brauche sie nicht, sagt sie.

Ans Aufhören mit der Zustellerei hat sie noch nie gedacht, auch wenn immer mal eines der Kinder die Rede darauf bringe, sagt sie. Da hört sie schon lieber auf ihre Schwiegertochter, eine Lungenfachärztin. Die halte sie älteren Menschen öfter als Vorbild vor. Ja, sie sei fit, bestätigt Christa Knolinski: „Toi, toi, toi. Ich war noch nie krank. So habe ich auch meine Kinder erzogen. Wegen kleiner Wehwehchen bleibt man nicht zu Hause.“

Sie ist bei Wind und Wetter unterwegs. Auch Regen mache ihr selbst nichts aus, sagt sie, „ich muss ja nachher nicht ins Theater oder in die Oper, sondern fahre nach Hause“. Nur die Zeitungen seien eben schwer trocken zu halten. Wäre sie nicht Zustellerin, dann würde sie vermutlich bei Schietwetter auch im Haus bleiben, sagt sie. Das sei doch auch nicht gesund. Und sich einen Hund anzuschaffen, um regelmäßig an die frische Luft zu kommen, das sei doch keine Alternative zum Zeitungaustragen.

Wie das Abendblatt zum Kunden kommt

Drei Fragen an den Chef-Logistiker der Funke Mediengruppe, Bernd Rademann. Er ist Geschäftsführer der Funke Logistik Hamburg GmbH. Er arbeitet seit Februar 2018 beim Abendblatt/der Funke Mediengruppe.

Wie viele Zusteller arbeiten für das Abendblatt?

Im Großraum Hamburg arbeiten frühmorgens an sechs Tagen in der Woche zwischen 2 Uhr und 6.30 Uhr mehr als 1300 Zusteller, um das Abendblatt pünktlich an alle Abonnenten zu verteilen. Und die allermeisten machen diesen Job in hervorragender Qualität.

Was sind die größten Schwierigkeiten?

Die größte Herausforderung ist sicher das Wetter. Egal, ob Wind, Regen, Schnee oder Blitzeis: Der Zusteller muss die Zeitung trocken und unbeschadet in den Briefkasten unserer Abonnenten bringen. Auch die Sonderwünsche einiger Abonnenten sind teilweise anspruchsvoll, und diese Informationen auch im Urlaubs- und Krankheitsfall an den Ersatzzusteller zu übergeben, ist nicht immer einfach. Bei der Vielzahl an täglichen Veränderungsmeldungen (neue Abonnenten, Urlaubsunterbrechungen, Sonderwünsche) diese immer zu 100 Prozent am ersten Tag zu berücksichtigen, erfordert mitten in der Nacht eine ausgesprochen gewissenhafte Vorbereitung des Zustellers.

Und da sprechen wir noch nicht von den ungeplanten Verzögerungen in den vorgelagerten Prozessen, zum Beispiel von einem Papierreißer in der Druckerei oder einem Elfmeterschießen nach Verlängerung in der Champions League, die zu erheblichem Aufwand in der Zustellung führen. Diese Verzögerungen versuchen wir abzufangen oder zumindest abzumildern. Generell ist es bei dem derzeitigen Arbeitsmarkt schwierig, zuverlässige Zusteller für die Tätigkeit in der Nacht zu gewinnen, wobei wir alles unternehmen, um sämtliche mögliche Wege auszuschöpfen.

Wenn meine Zeitung morgens nicht im Briefkasten ist – an wen kann ich mich wenden?

Einfach beim Kundenservice unter 040–554 47 17 00 anrufen. Die Daten werden dann in unserem System erfasst, und der Zusteller wird darüber informiert. In aller Regel erfolgt die Nachlieferung am Nachmittag, und die Belieferung klappt am Folgetag wieder.