Raubtiertraining

Der, der bei Circus Krone mit dem Tiger tanzt

Dompteur Martin Lacey jr. hat Tigerdame Anara aufgefordert, auf die Hinterbeine zu gehen.

Dompteur Martin Lacey jr. hat Tigerdame Anara aufgefordert, auf die Hinterbeine zu gehen.

Foto: Michael Rauhe

Der Dompteur bei Circus Krone zeigt beim Raubtiertraining, wie er mit den Tieren arbeitet und erzählt vom Leben mit den Wildtieren.

St. Pauli.  Zwölf Löwen liegen Dompteur Martin Lacey jr. zu Füßen. Alle hören auf sein Kommando. Wenn der 41-Jährige seine Anweisungen gibt, folgen ihm die Raubtiere. Immer. Der Schauplatz ist die Manege vom Circus Krone auf dem Heiligengeistfeld. „Das Wichtigste ist es, zu den Tieren Vertrauen aufzubauen. Sie wollen gefordert werden, sonst wird es ihnen schnell langweilig“, sagt Lacey jr. Nur Löwin Clio ist auf ihrem silbernen Podest sitzen geblieben. Aber nicht weil sie nicht zu den anderen möchte, sondern weil es Teil des Programms ist.

Am Sonntag hatte der größte Zirkus der Welt zum Raubtiertraining in die Manege eingeladen. Es kamen rund 150 Zuschauer, die erlebten, wie Martin Lacey jr. mit seinen Schützlingen arbeitet. Angst kennt der Engländer, der auch der König der Löwen genannt wird, nicht. Seit Generationen ist seine Familie in diesem Metier tätig. Er ist in seiner Heimat Sunderland mit Löwen, Tigern, Elefanten, Lamas und Kamelen aufgewachsen. Zwölf Jahre war er alt, als seine Lieblingslöwin Flo zur Welt kam, sie lebte sogar mit der Familie im Wohnwagen.

Mange ist durch ein hohes Eisengitter gesichert

Die Löwen wirken in der Manege fast wie Kuscheltiere. Der Dompteur schmust jedenfalls mit ihnen. Wenn er seine Anweisungen gibt, geben sie Pfötchen: „Die Tiere sind wie meine Kinder, ich bin immer mit ihnen zusammen. Manche habe ich selber mit der Flasche aufgezogen. Ich bin ihre Bezugsperson“, sagt Lacey jr., der 2010 mit dem Goldenen Clown beim Circusfestival von Monte-Carlo ausgezeichnet wurde.

Die Löwen scheinen das Publikum gar nicht wahrzunehmen, sie sind nur fixiert auf ihren Trainer. Jedes Tier wird mit Namen angesprochen. Sie heißen zum Beispiel Nambia und Princess. Die Manege ist durch ein hohes Eisengitter gesichert. Wenn jetzt ein Fremder dort reingehen würde, würden die Kuschel- zu Raubtieren.

Beim Raubtiertraining dürfen die Zuschauer auch Fragen stellen. Eine Frau etwa möchte wissen, ab wann mit den Raubtieren gearbeitet wird. Wenn sie anderthalb Jahre alt sind, antwortet Lacey jr. Ein kleines Mädchen fragt, wie schnell die Tiger laufen können. Der Dompteur lächelt: „Sehr schnell.“ Doch an diesem Sonntagvormittag geht alles ganz gemächlich zu. Nach einer halben Stunde werden die Löwen entlassen.

Eigentlich mögen sich Löwe und Tiger nicht

Nun folgt ein Trio. Die Tiger India und Anara und der weiße Löwe Baluga kommen in die Manege. „Eigentlich mögen sich Tiger und Löwen nicht so gerne“, weiß Lacey jr. zu berichten. Aber Baluga, der mit seiner imposanten Mähne, einen majestätischen Eindruck vermittelt, sei mit den Tigern befreundet. Er springe sogar im Sommer zu ihnen ins Wasserbecken. Die Zuneigung wird deutlich, als die beiden Tiger ihre Pfoten auf den Rücken von Baluga legen. Zur Belohnung gibt es danach erst mal ein Stück Fleisch.

Wenn die Tiger sich auf ihre Hinterbeine stellen, sieht es aus, als wenn sie mit ihrem Dompteur tanzen. Derweil hat Baluga auf einem Podest weit oben Platz genommen und verfolgt das Geschehen entspannt aus der Höhe. Als die beiden Tiger die Manege verlassen haben, kommt sein großer Auftritt. Musik schallt aus den Lautsprechern, und Baluga liegt auf dem Rücken in der Manege. Martin Lacey jr. gesellt sich zu ihm. Das Publikum ist begeistert, es gibt Standing Ovations.

Seit dem 28. September gastiert der Circus Krone auf dem Heiligengeistfeld. Noch bis zum 22. Oktober wird das Programm namens Evolution gezeigt, danach zieht der Zirkus weiter nach Goslar. 54 Artisten aus zwölf Nationen sind dabei. Pferde, eine Papageienshow aus Italien und Seelöwen werden präsentiert. Und Nashornbulle Tsavo. Der ist bereits 42 Jahre alt und liegt am Sonntagvormittag entspannt in seinem eigenen Zelt im Stroh.

Bei Premiere protestierten Tierschützer gegen den Zirkus

Aber jeden Tag stehen zwei Auftritte auf dem Programm. Doch nicht alle Tiere sind noch aktiv dabei. Dazu gehört auch der 20 Jahre alte Löwe Kasanga. Der liegt entspannt in seinem Gehege und schläft: „Die Löwen werden in der Wildnis etwa zwölf Jahre alt, hier bei uns im Zirkus werden sie meist älter als 20“, sagt Lacey jr. der mit Zirkusdirektorin Jana Lacey-Krone verheiratet ist.

Doch der Circus mit Stammsitz in München ist nicht unumstritten. Bei der Premiere protestierten rund 300 Tierschützer verschiedener Organisationen gegen Wildtiere im Zirkus. Auch die Grünen und die SPD fordern ein Verbot: „Wir appellieren an die Bundesregierung, ein entsprechendes Gesetz zu erlassen“, sagte die Grünen-Bürgerschaftsabgeordnete Christiane Blömecke.

Bei der Raubtierprobe kommt Star-Dompteur Martin Lacey jr. auf das Thema zu sprechen und sagt: „Wir sind die größten Tierschützer, es gibt keinen Anlass zur Kritik.“ Auch Sandra Gulla, die erste Vorsitzende des Hamburger Tierschutzvereins (HTV), hatte angemahnt, dass die Tiere in der Manege ihre Würde verlieren würden.

Allerdings sagt Martin Lacey jr.: „Ich habe den Hamburger Tierschutzverein eingeladen, unsere Vorstellung zu besuchen und zu sehen, wie wir arbeiten. Aber dieses Angebot wurde bislang leider nicht angenommen.“