Blankenese

Zu Besuch im Hamburger Haus der Träumer

Ein Blick in das Arbeitszimmer von Richard Dehmel. Die meisten Möbel wurden von dem Künstler selbst entworfen

Ein Blick in das Arbeitszimmer von Richard Dehmel. Die meisten Möbel wurden von dem Künstler selbst entworfen

Foto: Klaus Bodig / HA

Die mehr als 100 Jahre alte Dehmel-Villa in Blankenese bietet einzigartige Einblicke in das Leben zweier Künstler.

Hamburg.  Hochbetrieb auf der Elbe, Hochbetrieb auf der Blankeneser Landstraße. Zwischen dem kaum abreißenden Strom der Autos und dem der Schiffe liegen im Osten Blankeneses ein paar ruhige Seitenstraßen. Noch viel ruhiger geht es in der hell gestrichenen Villa ganz vorne an der Richard-Dehmel-Straße zu. Wenn sich hier die Tür hinter dem Besucher schließt, bleibt nicht nur das Großstadtgewusel draußen, sondern gleich das ganze 21. Jahrhundert.

Die Villa, einst Wohnsitz des Künstlerehepaares Richard (1863 bis 1920) und Ida Dehmel (1870 bis 1942), bietet eine Reise zurück in die Zeit, als Künstlersalons en vogue waren, als man sich geistreiche Briefe schrieb und nächtelang über Stil und Form diskutierte. Das mehr als 100 Jahre alte Dehmelhaus ist damit ein einzigartiges Kulturdenkmal – eines, das den Vergleich mit der Villa Stuck in München, den Künsterwohnungen in Weimar oder dem Berliner Literaturhaus nicht scheuen muss.

Fotos berühmter Zeitgenossen im Souterrain

Wer das Haus durch das Untergeschoss betritt, ist sofort gefangen von seiner besonderen Aura. Im kühlen Ambiente der ehemaligen Wirtschaftsräume bietet das Souterrain Fotos und Infos zu berühmten Zeitgenossen, die hier einst Gäste waren oder mit dem Paar korrespondierten. Die beiden Dehmels, gut aussehend, charismatisch und auch exzentrisch, hielten Kontakt zu Max Liebermann, Karl Schmidt-Rottluff, Gerhart Hauptmann und Thomas Mann und Walther Rathenau.

Seit 1901 war der erfolgreiche Dichter Richard in zweiter Ehe mit der ebenfalls geschiedenen Ida Auerbach verheiratet, die kunstvolle Perlenarbeiten schuf und sich als Kunstförderin und Frauenrechtlerin einen Namen machte. Gleich am Anfang ihrer Ehe zogen beide in eine Wohnung auf dem Süllberg – zunächst zur Miete.

Das Haus ist ein Mix verschiedener Stilrichtungen

Für den Bau einer standesgemäßen Künstlervilla spannte Richard Dehmel den Architekten Walther Baedeker ein, der auf eigene Kosten arbeitete, um Dehmels angedrohten Wegzug zu verhindern. So groß war der Wirkungskreis des damals eher linken, freigeistigen Dichters, dass Freunde und Verehrer ihm 1913 das zunächst zur Miete bewohnte Haus anlässlich seines 50. Geburtstags zum Geschenk machten. Dehmel nahm an, nicht einmal übermäßig verblüfft, wie Aufzeichnungen zeigen. „Unter den geheim gehaltenen Gönnern waren zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten. Bis nach Mailand und Königsberg berichtete die Presse damals von diesem denkwürdigen Ereignis“, heißt es auf der gut gemachten Homepage der Stiftung Dehmelhaus.

Es ist ein eigenwilliges Dichterdomizil, das Baedeker unter Dehmels Vorgaben erschaffen hat – das fällt auch von außen auf: Etwas fremdelnd steht da ein hoher, winkelförmiger Bau mit steilem Dach und erhöhter Terrasse, an dessen Südseite eine Mädchenskulptur des Wiener Bildhauers Richard Luksch die Blicke auf sich zieht. Ein moderner Reformgarten umschloss einst das unter hohen Kiefern und Fichten errichtete Künstlerhaus, das heute weitgehend frei steht. Kein Wunder, dass das Ensemble schon bald zum überregionalen Anziehungspunkt wurde.

Die Kunsthistorikerin Dr. Kerstin Petermann führt durch die faszinierenden Räume, verweist auf Details und Besonderheiten, die man als Besucher leicht übersehen könnte. „Das Ganze ist ein Gesamtkunstwerk aus Haus, Garten, Interieur, Sammlung und Archiv“, sagt Petermann, „und es bildet einen Teil der deutschen Kulturgeschichte ab.“

Kunstvolle Lampen und farbenfrohe Textilien

Während sein hoher, „klassizistischer“ Sockel (wohl nicht ganz zufällig) an Goethes Gartenhaus in Weimar erinnert, wirken andere Teile des Hauses fast schon wie Art-Déco-Architektur. „Es lässt sich in keine Stilschublade stecken“, erläutert Petermann, „aber warum auch?“

In den hohen Räumen fanden die von Richard Dehmel bereits 1901 entworfenen und nun leicht modernisierten Möbel Platz. Inspiration hatte er unter anderem bei Künstlern wie Henry van de Velde gefunden. Kunstvolle Lampen, Tapeten von Emil Orlik und farbenfrohe Textilien verliehen den Räumen eine besondere Wirkung. „Die schönen Räume riefen das Verlangen nach Gastlichkeit hervor. Wen alles hat das Dehmelhaus beherbergt“, schrieb Ida Dehmel 1929.

Eindrucksvoll sind die vielen Regalfächer im Erdgeschoss, in denen jahrzehntelang Richard Dehmels Korrespondenz mit Gott und der Welt archiviert wurde: rund 40.000 (!) Briefe von und an den Dichter, die mittlerweile im Staatsarchiv verwahrt sind.

Das Haus wurde von 2014 bis 2016 renoviert

Auch die Schatten sind nicht ausgespart, die später auf das schöne Haus fielen. Als der Erste Weltkrieg begann, gerieten die Dehmels in den Sog des nationalistischen Taumels. Richard, obwohl eigentlich zu alt, meldete sich freiwillig an die Front und forderte von den Deutschen noch 1918, durchzuhalten. Schon 1920 starb er an einer Venenentzündung, die er sich „im Felde“ zugezogen hatte. Ida pflegte das Werk des Toten und unterhielt das große Haus nur mühsam. Nach der Diktion der Nazis Jüdin, vergiftete sie sich kurz vor der bevorstehenden Deportation.

Vera Tügel, Dehmels Tochter aus erster Ehe, und ihre Nachfahren konnten die Villa nur unter größten Anstrengungen erhalten. Das zunehmend verfallende Haus wurde erst von 2014 bis 2016 mithilfe der Hermann Reemtsma Stiftung aufwendig und stilsicher renoviert. Heute ist es Zentrum der Dehmelhaus Stiftung Hamburg. Das Haus ist alles andere als ein Museum. Es bewahrt die Erinnerung an ein faszinierendes Künstlerpaar – und bleibt damit so lebendig wie in seinen Glanzzeiten.