Hamburg

„Bauen für 8 Euro Miete – das geht nicht“

Bauen in Hamburg (Symbol)

Bauen in Hamburg (Symbol)

Foto: imago/Christian Ohde

Investor Dieter Becken hält nichts vom Pilotprojekt des Senats, um günstigen Wohnraum zu schaffen. Er spricht von einer "Illusion".

Hamburg.  Als klassischer Selfmademan, der es vom Maurer zum Multimillionär und wohl bekanntesten Bauherrn der Hansestadt brachte, ist Dieter Becken dafür bekannt, dass er in Diskussionen Klartext redet. Beim Hamburger Immobilienkongress am Mittwoch in der HafenCity schaltete Becken auch gegenüber Senatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) in den Angriffsmodus. Die Kontroverse entbrannte beim Thema Acht-Euro-Wohnungsbau.

Wie das Abendblatt berichtete, setzt der Senat auf ein bundesweit einmaliges Pilotprojekt. In Bramfeld und in Neugraben sollen insgesamt 196 Wohnungen gebaut werden, die zumindest in den ersten fünf Jahren nicht mehr als 8 Euro Nettomiete pro Qua­dratmeter kosten dürfen – wohlgemerkt ohne einen Cent öffentlicher Förderung. „Die normalen Angebotsmieten in Hamburg für Neubauwohnungen liegen weit darüber. Wir wollen signalisieren, dass es auch anders geht“, sagte Dorothee Stapelfeldt, im Senat verantwortlich für Stadtentwicklung und Wohnen.

Nur "eine Illusion"

Becken („Ich möchte die Diskussion ein klein wenig befeuern“) machte auf dem Podium sofort deutlich, was er von diesem Projekt hält: „Es ist für mich eine Illusion, eine romantische Vorstellung, Wohnungen für 8 Euro Miete pro Quadratmeter zu bauen. Ich schließe das schlicht aus.“ Zwar habe er vor vier Jahren der Stadt ein ganz ähnliches Modell vorgeschlagen, jedoch zu ganz anderen Rahmenbedingungen. So hätte der Anteil der Grundstückskosten pro Wohnung nur bei 100 Euro pro Quadratmeter liegen dürfen: „Inzwischen sind wir eher bei 600 bis 700 Euro.“ Auch die Baukosten seien massiv gestiegen, daher könne die Kalkulation nicht aufgehen.

Dietmar Walberg, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen (Arge), der das jüngste Baukostengutachten für Hamburg erstellte, verteidigte dagegen die Pläne des Senats. Das Konzept Acht-Euro-Bau könne sehr wohl funktionieren – etwa durch einheitliche Fenster, Türen und Bäder und den weitgehenden Verzicht auf Keller und Tiefgaragenstellplätze. Zudem gehöre auch eine Versicherung zu den Bauherren: „Und die kann bestimmt rechnen.“

Weitere Skeptiker

Die scharfe Diskussion zeigt, wie aufmerksam derzeit die Wohnungswirtschaft das Projekt verfolgt. Andreas Breitner, Direktor des Verbands norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW), zählt zu den Skeptikern. „Eine Anfangsmiete von 8 Euro netto kalt ist angesichts der schwierigen Lage in der Bauwirtschaft derzeit kaum zu erreichen. Kostentreiber sind vor allem die hohen energetischen Anforderungen an Neubauten und die fehlenden Kapazitäten in der Bauwirtschaft.“

Auch Unternehmer Sönke Struck, Vorstandschef der Nord-Vertretung des Bundesverbands Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW), hält das Projekt „wirtschaftlich für nicht darstellbar“ und moniert den Verzicht auf Aufzüge, um die Kosten zu senken: „Damit wird eine ganz wesentliche Klientel ausgeschlossen. Bei unserer demografischen Entwicklung hätte ich mir das für unseren Bestand nicht getraut, denn in 20 Jahren werden die Mieter im Schnitt noch einmal deutlich älter sein als jetzt.“ Der Wohnungsverein Hamburg von 1902, mitverantwortlich für das Projekt in Bramfeld, verweist dagegen auf die Möglichkeit, in eine Wohnung im Erdgeschoss oder mit Lift wechseln zu können, wenn man gehbehindert werde.

Neues Kapitel im Bauen

Wie günstig geht Bauen? Von der Antwort auf diese Frage wird entscheidend abhängen, ob der Senat sein Ziel erreichen wird, Hamburg für Normalverdiener erschwinglich zu halten. „Wir legen hier den Grundstein für ein neues Kapitel im Wohnungsbau, das nicht nur hier, auf der grünen Wiese, etabliert werden soll, sondern später auch überall in der Stadt“, hatte Dorothee Stapelfeldt im August beim Baustart im Wohnquartier Vogelkamp in Neugraben versprochen.

Entsprechend groß ist der Druck bei den Investoren und Bauherren. Zumal sie am Ende offenlegen müssen, ob ihre Rechnung aufgegangen ist. Auch das gehört zum Vertrag.