Oevelgönne

Elbgeschichte(n) zum Anfassen in Oevelgönne

Uschi Lührs vor dem Museum "Die Seekiste"

Uschi Lührs vor dem Museum "Die Seekiste"

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Die Oevelgönner Seekiste ist viel mehr als ein kurioses Museum. Ein Besuch bei Chefin Uschi Lührs – immer mit Mütze.

Hamburg.  Tausende spazieren hier regelmäßig vorbei – und doch kennen viele das gut gepflegte Haus in einem Hinterhof in Oevelgönnne gar nicht. Dabei bietet es nicht nur jede Menge spektakuläre Schauobjekte, sondern auch Geschichtsunterricht zum Anfassen. Über das Leben an der Elbe – und vieles mehr.

Freundlich mit einem Schuss Coolness schließt Uschi Lührs das „Herbert Lührs Museum“ auf – ein perfekt instand gesetztes uraltes Kapitänshaus, wie es auch heute noch mancher gerne als Wohnsitz hätte. Bekannt ist es unter dem Namen, der viel eher zu den stilvoll präsentierten Schätzen im Inneren passt: „Oevelgönner Seekiste“.

Mütze als Markenzeichen

Der weiße Sommer-Elbsegler ist mittlerweile Lührs’ Markenzeichen, ursprünglich trug sie ihn vor allem, um bei Führungen als Ansprechpartnerin erkennbar zu sein. Mit rauchiger Stimme spult Uschi unzählige Informationen ab, ohne dabei je gelangweilt zu wirken. Vor 20 Jahren hatte sie Hannes Lührs, Sohn des an der Oevelgönne ziemlich legendären „Käppen“ (Kapitän sagt hier niemand) kennen- und lieben gelernt, und man merkt: Nach der Verehelichung wuchs die innere Verbundenheit mit der Familiengeschichte, und das Museum ist „ihr Ding“. Mädchen für alles sei sie hier mittlerweile, berichtet die aparte Blondine – „Managerin, Führerin, Buchhalterin und Putzfrau“.

Die erste überraschende Info gibt’s schon auf der Treppe: Einst hatte das Häuschen viel weiter vorne am Weg gestanden, dann wurde es vor 170 Jahren Stein für Stein abgetragen und im Hinterhof wieder aufgerichtet, damit am alten Platz neu gebaut werden konnte. Im Hof steht ein kleiner Brunnen – das war mal Oevelgönnes Wasserstelle. Und auch das dürfte für viele neu sein: Efeu, wie er auch hier an einer Wand wächst, wurde vor Urzeiten mal als (biologisches) Waschmittel benutzt.

Mix aus Geschichte und Naturkunde

Drinnen bietet das Haus mehr Platz, als es von außen den Anschein hat – und der wird gebraucht. Der Blick fällt auf eine Vitrine voller Versteinerungen, Bücher, Postkarten, und auch an den Wänden ist kaum ein freier Platz. Doch was Uschi hier präsentiert ist kein Krimskrams, sondern ein Mix aus Geschichte und Naturkunde zum Anfassen. Ein kostbarer Spazierstock, geschnitzt aus der Wirbelsäule eines Hais steht da, ein Walauge, ein riesiger Zahn.

Kinder fasziniert unter anderem der kleineste Kompass der Welt, ein Taucherschuh und die Schuppe einer Meerjungfrau. An der Wand steht eine Seekiste – genau so einer verdankt das Haus seinen Namen. Mit viel didaktischem Geschick geling es Uschi Lührs, Wissenswertes über allerlei Kurioses zu vermitteln, sodass man sich beim Rundgang mit ihr keine Sekunde langweilt. Die alte Kiste, so ist zu erfahren, war unterwegs Tisch der Seeleute – und bei einem Untergang nicht selten ihr Rettungsboot. Darüber hängt ein riesiger Pottwalpenis, den die legendäre Hafenwirtin Tante Hermine dem Museum einst vermachte. „Den staub ich immer mal ab“, sagt Uschi lässig, „na und?“

Die Lührs’: mehr als 300 Jahre Familiengeschichte

Ein kurzer Blick auf ein fürchterliches Haigebiss, dann geht es schon weiter mit den Leimsiedereien, die einst am anderen Elbufer Luft und Boden verpesteten. Uschi erläutert, was es mit dem angebrannten Kautschukballen auf sich hat, zeigt das älteste Kopfsteinpflaster Hamburgs und erläutert sachkundig, wie der alte Dechsel eingesetzt wurde. Geschichte zum Anfassen auch das: Zig verschiedene Mützen hängen an der Wand, die der Käppen allesamt einst aus der Elbe geborgen hatte.

In einem anderen Raum hatte sich Herbert Lührs eine komplette Kapitänskajüte aus der Zeit um 1860 nachbauen lassen – viele Stunden wird er hier gesessen und von den sieben Weltmeeren geträumt haben.

Auf mehr als 300 Jahre dokumentierte Familiengeschichte können die Lührs‘ schon zurückblicken. Dass sie einst Strandpiraten auf Helgoland waren, verschweigt Uschi nicht, sondern erzählt gelassen davon. „Schließlich ist auf diese Weise die Sammelleidenschaft zustande gekommen.“

Uschi Lührs hat ihren Schwiegervater nicht mehr kennengelernt. „Vielleicht war das nicht das Schlechteste“, sinniert sie. „Denn was ich so höre, waren und sind wir beide ziemliche Sturköppe.“

Auf dem Sterbebett 1989 nahm der Käppen seinem Sohn das Versprechen ab, die Seekiste zehn Jahre abzuschließen, um in dieser Zeit einen würdigen Nachfolger zu finden. Von dem hatte er eine ziemlich genaue Vorstellung: Geschichten, Mitmenschen und vor allen Dingen Kinder sollte er lieben, ungefähr des Käppens Alter haben und vor allem: ein Mann sein, berichtet Uschi Lührs. „Die ersten drei Kriterien erfülle ich“, sagt Uschi selbstbewusst, „und das mit dem Alter kommt von alleine.“ Nur „das mit dem Mann“ mache sie manchmal nachdenklich. Gelegentlich stellt sie sich vor, dass Käppen Lührs „von oben“ auf sein Lebenswerk hinunter schaut. Dann fragt sie sich immer mal, ob er wohl mit allem so weit zufrieden sei. Als Besucher dieses liebevoll gestalteten Museums kann man da nur entgegnen: Mit Sicherheit ist er das.

Weitere Infos gibt es unter www.museum-seekiste.de. Die Führungen sind – je nach Gruppengröße – in einfach, mittel und groß unterteilt.
Anmeldung unter: info@museum-seekiste.de oder Telefon: 040/85 35 88 25. Die
Oevelgönner Seekiste kann für private und geschäftliche Feiern gemietet werden.