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Türken in Hamburg: Wo ist zu Hause – und wo ist Heimat?

Saide Atak (33) ist in Deutschland geboren

Saide Atak (33) ist in Deutschland geboren

Foto: Marcelo Hernandez

94.000 Hamburger haben türkische Wurzeln, die Hälfte hat sich einbürgern lassen. Doch längst nicht alle fühlen sich voll integriert.

Hamburg.  „Heimat gibt es auch im Plural“: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat das gerade gesagt. Und weiter: „Unser Land ist für viele neue Heimat geworden, doch deshalb muss niemand seine Wurzeln verleugnen.“ Ob das eine Forderung oder eine Feststellung war, blieb ein bisschen unklar. Tatsache ist wohl, dass sich Menschen mit mehr als einer Heimat zuletzt einem stärkeren Druck ausgesetzt sahen, sich zu Deutschland zu bekennen. Der Fall Mesut Özil ist nur ein Beispiel dafür. In Hamburg gibt es rund 94.000 Menschen mit türkischen Wurzeln. Wie halten sie es mit der Heimat? Wo ist ihr Zuhause? Wir haben nachgefragt.

"Stolz, hier zu leben"

Ümit Akbay: In Hamburg fühle ich mich zu Hause, weil alle meine Freunde hier sind. Ich kann sagen, Hamburg ist meine Heimatstadt. Wenn ich in die Türkei reise, kenne ich kaum jemanden. Natürlich fühle ich mich fremd dort. Ich arbeite seit Jahren in Hamburg, bis heute hatte ich keine Probleme. Ich habe nicht das Gefühl, dass wir diskriminiert werden. Wir sind auch ein Teil dieser Gesellschaft. Ich kann nicht sagen, dass ich ein Deutscher bin, aber ich habe mich integriert, und ich kann sehr gut mit Deutschen umgehen. Was in der Türkei passiert, interessiert mich eigentlich nicht mehr. Ich könnte für eine türkische politische Partei abstimmen, aber ich möchte nicht, weil ich in Deutschland lebe. Ich mache in der Türkei nur Urlaub, deswegen macht es keinen Sinn, dort bei einer Wahl abzustimmen.

Integration bedeutet für mich nicht nur, die deutsche Sprache zu lernen, sondern auch, die deutsche Kultur und Gesellschaft zu verstehen. Manchmal kommen Deutsche zu uns zum Essen und sie fragen mich, wie man Raki trinkt. Dann erzähle ich es ihnen, das macht auch sehr Spaß. Ich bin stolz, in Deutschland zu leben.

"Ich bin Hamburgerin!"

Saide Atak: Ich fühle mich wie eine Deutsche und bin ganz zufrieden, in Hamburg zu leben. Meine Familie und Freunde sind alle hier. Wenn ich in die Türkei reise, fühle ich mich dort nicht zu Hause. Hamburg ist meine Heimatstadt. Ich werde nicht diskriminiert. Ich bin hier in die Schule gegangen und arbeite seit Jahren in Hamburg und habe bis heute keine Probleme gehabt. Hamburg ist eine vielfältige Stadt, es gibt verschiedene Mentalitäten, jeder lebt, wie er möchte. Manchmal fragen mich Leute, woher ich komme, und dann sage ich: aus Hamburg. Manchmal fragen sie dann, woher ich ursprünglich komme, und ich sage wieder: aus Hamburg. Ich mag es sehr gerne, in Hamburg etwas mit meinen Freunden zu unternehmen.

"Wir bleiben in diesem Land immer Ausländer"

Mehmet Erdogan: Nein, ich fühle mich nicht wohl in Hamburg. Die Türkei ist meine Heimat. Wir gelten hier als Ausländer. Wenn Deutsche in die Türkei reisen, haben sie keine Probleme, sie sind entweder Tourist oder Gast. Aber wir bleiben in diesem Land immer Ausländer.

Man sieht das auch am Fall Mesut Özil. Er hatte Probleme mit dem DFB. Viele Medien haben ihn dann zum Sündenbock gemacht und wegen des Fotos mit Erdogan beleidigt. Wir sollten einfach akzeptieren, was Menschen glauben und denken. Deutschland ist ein demokratisches Land, und jeder sollte hier die Freiheit genießen. Als die türkischen Politiker nicht nach Deutschland reisen konnten, hatten wir das Gefühl, dass die Türken nicht das gleiche Recht wie alle anderen haben.

Wenn in der Türkei gewählt wird, mischen sich immer viele deutsche Politiker ein, zum Beispiel Cem Özdemir von den Grünen, und machen quasi Werbung für bestimmte Parteien in der Türkei. Das ärgert mich. Natürlich kann Özdemir machen, was er will. Aber die Rechte, die er hat, sollten alle anderen auch haben. Wenn man das sieht, hört man auf, sich zu integrieren.

"Einige Medien in Deutschland sind einseitig"

Yilmaz Cifci: Meine Heimat ist die Türkei, weil ich da geboren bin. Ich bin stolz auf die Türkei. Wenn ich dorthin reise, bekomme ich bereits an der Grenze Gänsehaut. Ich fühle mich auch in Hamburg wohl. Ich habe mich integriert und habe keine Probleme. Aber ich mag es nicht, wenn die Leute mir politische Fragen über die Türkei stellen. Zum Beispiel fragen sie mich häufig, warum ich bei Wahlen mitmache. Und ob Erdogan ein Diktator ist. Ich habe einen türkisches Pass und viele Verwandte leben in der Türkei, deswegen ist mir wichtig, wer in der Türkei regiert. Wenn die Deutschen die Türkei verstehen möchten, können sie einfach dorthin reisen. Das wäre eine gute Gelegenheit, uns und die Türkei besser kennenzulernen.

Im Süden der Türkei leben Tausende Deutsche, und die haben überhaupt keine Probleme und wurden nie diskriminiert. Es spielt manchmal keine Rolle, ob du richtig integriert bist oder nicht, weil du immer Ausländer bist. Über Mesut Özil kann ich sagen: Deutschland hat sich viel Mühe gegeben, solche Fußballspieler zu gewinnen. Aber wegen der Medien hat Deutschland ihn nun verloren – die nächsten Generationen auch. Viele junge Profis fragen sich jetzt, ob sie für Deutschland spielen sollen. Ich finde, einige Medien in Deutschland sind einseitig.

"Keine politischen Fragen"

Saban Demirbas: Ich fühle mich hier ganz wohl und zu Hause. Die Türkei ist meine zweite Heimat, aber ich mache dort nur Urlaub. Ich habe mich hier gut sozialisiert und auch integriert. Aber ich mag es nicht, wenn die Leute sich in die türkische Politik einmischen.

Wenn ich zum Arzt gehe, dann fragt mich der Arzt, warum der Diktator wieder die Wahl gewonnen hat. Ich habe keinen türkischen Pass, ich kann nicht abstimmen, aber trotzdem muss ich öfter diese Frage beantworten. Wir fragen doch auch nicht, warum dieser oder jener in Deutschland die Wahl gewonnen hat und wer dabei für wen gestimmt hat. Also bitte keine politische Fragen.

"Özil verdient Dank"

Ferhat Akin: Ich fühle mich zu Hause in Hamburg. Ich gehe hier sehr gerne mit Freunden aus. Ich bin noch nicht diskriminiert worden. Aber manchmal nehmen mich die Behörden nicht ernst. Das finde ich nicht gut. Sonst ist Hamburg eine sehr schöne Stadt, und die Deutschen sind sehr freundlich.

Zu Mesut Özil kann ich sagen, dass es einfach schade ist, dass Deutschland einen solchen Spieler verloren hat. Es hätte vor der Weltmeisterschaft alles geklärt werden müssen. Was Uli Hoeneß über Mesut Özil gesagt hat, hat mich geärgert. Man sollte sich eigentlich für das bedanken, was Mesut Özil bisher für den deutschen Fußball getan hat.

Drei Millionen Türken leben in Deutschland

Die Geschichte der türkischen Bevölkerung in Deutschland beginnt vor etwa einem halben Jahrhundert. Aktuell leben in der Bundesrepublik über drei Millionen Menschen mit türkischem Hintergrund.

Nach Angaben des Statistischen Amtes für Hamburg und Schleswig-Holstein liegt die Zahl der Menschen mit türkischen Wurzeln in der Hansestadt Hamburg bei rund 94.000. Das entspricht etwa fünf Prozent der Bevölkerung. Viele von ihnen – 52,3 Prozent – haben sich einbürgern lassen.

Insgesamt haben 653.000 Hamburger Migrationshintergrund, die Türken sind die größte Gruppe, gefolgt von Polen (76.000), Afghanen (43.000), Russen (34.000), Iranern (23.000), Kasachen (20.000), Syrern (16.000) und Rumänen (14.000) .