Glosse

Mein erster Schultag als Helikopter-Mama

Yvonne Weiß

Yvonne Weiß

Foto: Frank Egel

Wie schön! Wie toll! Einschulung ist was Wunderbares. Aber Mama muss leider draußenbleiben.

Gestern war mein erster Schultag. Streng genommen der meines Sohnes, aber als Helikopter-Mama dreht man (ich) ja immer voll durch und bezieht alles auf sich, wenn wichtige Dinge im Leben des eigenen Kindes geschehen. Ich bin sicher, bei meiner eigenen Einschulung 1981 nicht annähernd so nervös gewesen zu sein wie bei der meines Sohnes, aber damals wusste ich ja auch noch nicht, wie wichtig lesen und schreiben lernen tatsächlich sind (beim Rechnen hege ich nach wie vor Zweifel).

Nachdem ich den Dienstag, den Tag der offiziellen Feier, mit Schultüte auspacken, Theaterstück angucken, irre stolz sein, viel Kuchen essen usw. äußerlich gelassen überstand, drehte ich gestern vollkommen durch, als ich zum ersten richtigen Schultag vor dem Klassenraum 1d stand. „Guck mal, wie schön!“, rief ich begeistert. „Was für ein toller Raum, alles so wunderbar renoviert, so viel Licht, und: wow! ein Whiteboard, eine Leseecke, toll, toll, toll.“

"Das kennst du doch aus der Kita, bla, bla, bla"

Mein Sohn hörte schnell weg und setzte sich die Schultüte verkehrt herum auf den Kopf, um eine ihm bislang unbekannte Mitschülerin zu unterhalten. Die verdrehte die Augen. „Und da kommt deine Lehrerin, wie nett sieht die denn aus! Oh! Ihr macht gleich einen Kreis, das kennst du doch aus der Kita, bla, bla, bla.“

Ich spürte, ich sollte den Raum jetzt langsam verlassen, aber in die Tafel schien ein Magnet eingebaut worden zu sein, wahrscheinlich ein Fehler bei der Renovierung der lobgepriesenen Schule. Jedenfalls taten meine Beine nicht das, was man von gelassenen, loslassenden, dem System und der Stärke des eigenen Kindes vertrauenden Eltern erwarten darf.

Ich plapperte weiterhin über die Vorzüge des Schulkind-Daseins, schlug Schlenker von meiner ersten Lehrerin Frau Hömmen bis zum Staffellauf bei den Bundesjugendspielen, begrüßte jedes neu eintreffende Kind mit einer La-Ola-Welle, versprach große Belohnung für den Fall (ja, egal, einfach so) und schwärmte vom Schulessen, welches ich keineswegs je probierte, bis mein Sohn sagte: „Mama, es tut mir leid, aber du warst schon in der Schule, du darfst leider nicht noch mal rein.“