Hamburg

Weltpremiere: "Der König der Möwen" holpert

Bemühte Ironie, zu wenig Pointen: "Der König der Möwen" enttäuschte bei seiner Premiere auf Kampnagel

Bemühte Ironie, zu wenig Pointen: "Der König der Möwen" enttäuschte bei seiner Premiere auf Kampnagel

Foto: Marcelo Hernandez

Doppelschlag beim Sommerfestival auf Kampnagel: Der „König der Möwen“ – nun ja. „The Mysterious Lai Teck“ – oh ja!

Hamburg.  Die Subkultur ist bekanntermaßen das – prekäre – Biotop, von dem auch die Hochkultur nicht zu knapp profitiert. Manch einer läuft deswegen Gefahr, seine Seele zu verkaufen. Musiker Andreas Dorau, Autor Gereon Klug und Regisseur Patrick Wengenroth wollen viel in „König der Möwen“, ihrem Stadtpanorama in Zeiten der Gentrifizierung, aufgehängt an einer Identitätssuche in der Hamburger Musik-Off-Kultur.

Allein der Titel versprüht Charme, Lokalkolorit und spielt auf eine Stadt an, die gern mit Unterhaltungskultur und poliertem Jungfernstieg für sich wirbt. Den von den Machern selbst ziemlich hoch gelegten Anspruch ihrer „Dramödie mit Musik“ löst die zweistündige Uraufführung beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel aber nur bedingt ein.

Der analoge Plattenladen Rillenreiter mit seinem Vinyl-Sortiment, seinem Backsteintresen und der zusammengewürfelten Kaffeeecke: Betreiber Hans Reiter, von Andreas Schröders als liebenswerter Loser gegeben, sucht, notorisch klamm, dringend nach neuen Verkaufsstrategien. Da stöckelt mit der patenten Katja (Eva Löbau) eine alte Liebe in seinen Laden und bietet ihm in ihrer Eigenschaft als Botschafterin von Hamburg Marketing einen teuflischen Deal an: Zwei Tage muss er in die HafenCity umziehen, weil ein kaufwilliger Präsident sich nicht in das „Gefahrengebiet“ Schanzenviertel traut. Das große Geld lockt. Die Haltung schwindet.

High-Society als Pappkameradenclub

Doch Hans hat das Kleingedruckte nicht gelesen und landet traurig und ohne seinen Laden in der Gosse. Vorher darf ihm aber Andreas Dorau als „König der Möwen“ im Federkostüm auf die Schulter klopfen und ihn im „Hamburger Keller“ in einer Video-Collage die Hamburger „High Society“ als Papp­kameradenclub vorführen. Alle sind sie da: Loki und Helmut Schmidt, Olaf Scholz und Jil Sander. Und Hans begreift, dass er nichts begreift. Schon gar nicht, was Marketing-Himmel und Subkultur-Erde zusammenhält.

Diese Art Handlung umkreisen allerlei Anspielungen auf eine Stadt und ihre Herausforderungen: Aktivismus, Buchläden, Urban Gardening, alteingesessenen Eisenwarenläden, die Coffee-to-go-Ketten weichen müssen. Und dann ist da auch eine Band, die sich an diesem Abend mehrfach häutet, von der Popgruppe zur ganzkörperkostümierten Wave-Formation, zur Rentnerband und schließlich zur Öko-Kapelle. Sie liefert noch den heitersten Nebenschauplatz.

Ebenso das schrille Personal, das den Rillenreiter regelmäßig heimsucht. Daniel Hoevels legt seinen Pop-Dandy Andre Winter als manierierten Schnösel an. Sebastian Suba gibt mit Stammkunde Zippel den guten, fürs Karma zuständigen Guru des Ladens. Es gibt ein paar hübsche Songs mit „Der momentane Moment“ oder „Wehr dich nicht“. Dazwischen aber schwächeln die Dialoge, die Dramaturgie holpert. Es gibt viel nervtötenden Szene-Sprech („Fresh“, „Tight“, „Alter“), bemühte Ironie und zu wenig Pointen.

Technisch aufwendige theatrale Installation

Die Suche nach Identität steht auch bei der zweiten Weltpremiere des Abends im Vordergrund, inhaltlich und formal allerdings ganz anders. Der derzeit global umworbene, in Singapur beheimatete Künstler Ho Tzu Nyen erforscht in einem Langzeitprojekt die Leerstellen in der Geschichtsschreibung Südostasiens. Zwei Kapitel von „The Critical Dictionary of Southeast Asia“ sind beim Festival zu sehen. Zum einen die theatrale Installation „The Mysterious Lai Teck“. Vor einem geschlossenen Vorhang sitzend lauschen die Besucher einem geisterhaft Chinesisch raunenden Off-Sprecher und erfreuen sich an den Übertiteln.

Ein Vorhang nach dem anderen öffnet sich, in Rot, Gelb, Weiß, doch darunter kommt in einer aufwendigen Projektion nur der nächste zum Vorschein. Auch dies ist eine Geschichte der Häutungen in Französisch-Indochina und den britisch kontrollierten „Kronkolonien“ Malakka, Dinding, Penang und Singapur.

Der Erzähler – oder sein Geist – genannt Lai Teck, ist Triple Agent, 1900 in Vietnam geboren und überzeugter Kommunist. Er flieht nach Singapur, gibt sich mehr als 30 Decknamen und wird Generalsekretär der Kommunistischen Partei Malaysias. Er arbeitet für die Franzosen, dann für die Briten, schließlich in den Jahren der malaysischen Besatzung von 1941 bis 1945 für die Japaner. 1957 endet sein bewegtes Leben im Chao Phraya Fluss in Bangkok. Es ist eine Geschichte von Verrat, Schatten und Licht, Neokonfuzianismus und davon, dass alle Flüsse in einen Ozean der Wahrheit führen. Die Installation ist technisch aufwendig und trotzdem sehr faszinierend. Denn irgendwann hebt sich der Vorhang und gibt eine am Tisch sitzende Figur frei, Projektionsfläche für die vielen Gesichter Lai Tecks, der auch einen hübsch feurig leuchtenden Rachen zeigt.

20-minütige Video-Collage im Kunstverein

Parallel ist Ho Tzu Nyens Beschäftigung mit diesem verschleierten Kapitel der Historie im Kunstverein zu sehen. Dort ist es Hongkongs Schauspiel-Star Tony Leung Chiu Wai, der dem mysteriösen Agenten Lai Teck in „The Nameless“, einer 20-minütigen Video-Collage aus Filmausschnitten, sein nachdenkliches Gesicht gibt. Der Besucher sieht ihn rauchend, schweigend, im Messer-Duell mit einem Gegenspieler.

Es sind Szenen aus Filmen wie „Cyclo“ oder „The Grandmaster“, die in der Montage eine neue Geschichte entwickeln. Wie Erzählschichten jenseits der offiziellen Geschichtsschreibung überlagern sich auch jene der Identität des Dreifach-Spions. Die Installation zieht ihre Bedeutung auch daraus, dass sie in Shanghai aufgrund der chinesischen Zensur nicht gezeigt werden durfte.

Eingerahmt wird sie von einer bebilderten Zusammenschau mit dem Titel „The Critical Dictionary of Southeast Asia“ und einer weiteren Projektion namens „The Name“. Hierfür folgt Ho Tzu Nyen dem im Halbdunkel operierenden Autor Gene Z. Hanrahan, der 1954 mit „The Communist Struggle in Malaya“ eine hellsichtige Abhandlung über den kommunistischen Kampf auf der Malaiischen Halbinsel während der Kolonialzeit herausbrachte.

Seine Identität ist ebenso ungeklärt und von Widersprüchen durchzogen wie jene des Dreifach-Agenten. In dem 16-minütigen Streifen „The Name“ hat Ho Tzu Nyen allerlei Schriftsteller-Szenen aus Beispielen der westlichen Filmgeschichte collagiert. Ho Tzu Nyen gelingt es, mit Methoden des Thrillers anhand gesampelter Bilder Historie so zu erzählen, dass sie zu einem packenden, vielschichtigen Abenteuer wird.

Internationales Sommerfestival bis 26.8., Kampnagel, Jarrestraße 20–24, Karten unter T. 27 09 49 49; www.kampnagel.de Ho Tzu Nyen: „The Critical Dictionary of Southeast Asia – Vol 3: N for Names bis 7.10., Kunstverein in Hamburg, Klosterwall 23, Di bis So 12.00 bis 18.00, www.kunstverein.de