Hamburg

Kampnagel-Sommerfestival: So lauschig kann Avantgarde sein

Tatsächlich ein Sommerfestival: Kampnagel-Besucher im Avantgarten

Tatsächlich ein Sommerfestival: Kampnagel-Besucher im Avantgarten

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Schwungvoller Auftakt auf Kampnagel – mit tanzenden Kubanern und einem Bürgermeister aus der Nachbarschaft.

Hamburg.  Manchmal sind es die kleinen Ideen, die am Ende entscheidend sind. Weil man sich ohne sie gar nicht auf die großen Würfe konzentrieren könnte. Der Star des Kampnagel-Sommerfestivals ist zur Eröffnung jedenfalls angemessen grell und schmal und wird großzügig verteilt. Eine gute Gabe an all jene, die sich nicht nur für die offiziellen Reden unter freiem Himmel, sondern vor allem für die Eröffnungspremiere in der großen Halle k6 ein Lüftchen der Erleichterung wünschen: pinkfarbene Plastikfächer.

Als das Internationale Sommerfestival vor elf Jahren zum ersten Mal eröffnet wurde, da lautete das ironische Motto (eigentlich war es wohl eher eine Beschwörung): „Sommer – in diesem Jahr auch in Hamburg“. Und dann regnete es andauernd. In ihrer diesjährigen Begrüßungsrede erinnert Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard an solche Anfänge, in einem Sommer wie diesem ist das natürlich eine Pointe.

Stetig wachsender Erfolg

Dem stetig wachsenden Erfolg des Festivals haben die paar Zwischendurch-Tröpfchen eh nie etwas ausgemacht. Wobei das fantasievoll gestaltete Festivalgelände hinter den Kampnagel-Hallen an warmen Sommerabenden kaum zu schlagen ist, wenn Hamburgs Stadtgesellschaft sich fröhlich auf dem Rindenmulch tummelt. Künstler, Macher und Studenten, Kulturvolk und Politik, Bürgertum und Mäzenaten. Zwischen lauschigen Labyrinthen aus bepflanzten Holzpaletten, auf hobbitthaften Grashügeln und unter der ein oder anderen Discokugel sind auch in diesem Jahr wieder Gespräche und Begegnungen vielerlei Art möglich.

Tradition hat die große Schaukel, die seitwärts in der Industriekulisse schwingt, neu ist das bunt bemalte „Betrunkene Karussell“. Es heißt wirklich so. Vielleicht lassen sich hier Gleichgewichts-schwankungen angeheiterter Fahrgäste regulieren. Das Festival selbst sei „alles andere als ein Nummer-sicher-Konstrukt“, gesteht Direktor András Siebold, der nun in seinem sechsten Jahr verlässlich für eine Popularisierung der Avantgarde sorgt und charmant wie sonst kaum einer Komplizen und Geldgebern für das Ermöglichen des Programms dankt.

Einer davon ist erstmals Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher. Der outet sich in seinem Grußwort als Kampnagel-Nachbar, lobt das Festival als „Höhepunkt des Hamburger Kulturjahres“ und schickt direkt eine kleine Spitze in die Hauptstadt, wo nun bekanntermaßen sein Vorgänger wirkt: „Anders als das Sommertheater in Berlin, versucht das Sommerfestival keine neuen Grenzen zu ziehen.“

Siebold indes freut sich über „unsere kleinen Nebenspielstätte am Hafen“ (vier Festival-Abende finden in der Elbphilharmonie statt), stellt dem Bürgermeister Karten auch für ausverkaufte Inszenierungen in Aussicht („Wir kriegen Sie irgendwie rein!“) und macht pragmatisch Lust auf die Europapremiere der Malpaso Dance Company aus Havanna: „Das erspart Ihnen einen ganzen Kuba-Urlaub.“

Tatsächlich. Bei gefühlten 40 Grad Celsius schwitzenden kubanischen Tänzern zuzusehen, das hat ja was. Die Fächer wedeln pink und elegant bis in die vorderen Reihen. Die Malpaso Dance Company ist in Nord- und Südamerika schon lange ein Begriff, in Europa gastiert sie an diesem Abend zum ersten Mal. „Triple Bill“ ist ein von drei Choreografen gestaltetes getanztes Triptychon, weshalb die Einzelteile auch sehr unterschiedlich ausfallen.

Fließende Bewegungen

Es beginnt zurückhaltend mit „Indomitable Waltz“ von Aszure Barton. Zu den klassischen Klängen von Alexander Balanescu greifen auf leerer Bühne fließende Bewegungen der perfekt auftretenden acht Tänzerinnen und Tänzer ineinander. Vor allem der athletische Osnel Delgado, Gründer und künstlerischer Leiter der Kompanie, begeistert mit perfekter Körperbeherrschung und Grazilität. Gestreckte Beine aus der Balletttradition werden hier sanft mit Elementen des Modern Dance veredelt.

Die Kubaner haben einen wohltuend eigenen Stil kreiert, der mit den konfektionierten Kuba-Shows nichts gemein hat, sich aber auch nicht allzu grenzensprengend auf neues Terrain hinauswagt. Manchmal möchte man ihnen da mehr Mut wünschen.

In „24 Hours and A Dog (Suite)“ erleben die Besucher einen von Delgado choreografierten Tag in Havanna. Das Intro liefert der eindrucksvolle, grammygekrönte Pianist und Komponist Arturo O’Farrill, der mit Mitgliedern des Afro Latin Jazz Ensembles live auf der Bühne aufspielt. Delgado selbst übernimmt hier erneut die Hauptrolle und findet sich in allerlei Begegnungen wieder: Boy meets Girl. Individuum trifft Kollektiv. Gang trifft Gang.

Es ist ein wenig, als würde man zwei Versionen der West Side Story auf einmal sehen. Manchmal leidet die Choreografie an einem Zuviel an Ideen und auch an der Simultaneität von dominanter Band und Tanz-Ensemble. Dann wieder gibt es ästhetische Gruppenta­bleaus, intensive Pas de deux, Yoga-Dehnungen und Sprünge von beachtlicher Eleganz – nur der titelgebende Hund tritt nicht auf.

Futuristische Weltmusik-Klänge

Um andere Tiere geht es in der Weltpremiere „Liquidotopie“ von Cecilia Bengolea, in der sich sechs Performer in weißen Ganzkörperanzügen krakenartig über einen Klangteppich aus elek­tronischem Blubbern bewegen. Bengolea verbindet rituelle Tänze mit Dancehall, ohne zu sehr ins Mimetische zu verfallen.

Wer danach noch so richtig motiviert war, selbst zu tanzen, konnte das im Kampnagel-Club zu den futuristischen Weltmusik-Klängen des Electro-Pioniers The Egyptian Lover bis in den Morgen tun. Dem Meister beim Vinyldrehen und Scratchen an drei Turntables zuzuschauen ist die reine Freude. Es ist eindeutig Sommer in Hamburg.

Internationales Sommerfestival bis 26.8., Kampnagel, Jarrestr. 20–24, Karten unter T. 27 09 49 49; www.kampnagel.de