Harburg-Hamburg

Chaos im Hauptbahnhof: SPD kündigt Konsequenzen für HVV an

Alltägliche Szene an Gleis 11 im Hauptbahnhof. „Die Nerven liegen blank“, räumt eine Bahnsprecherin ein

Alltägliche Szene an Gleis 11 im Hauptbahnhof. „Die Nerven liegen blank“, räumt eine Bahnsprecherin ein

Foto: Andreas Laible / HA

Wegen zahlreicher Bauarbeiten drängen sich die Massen vor den Zügen – SPD-Fraktionschef bestellt HVV und S-Bahn zum Rapport.

Hamburg/Harburg.  Die Sperrungen wegen der Gleiserneuerungsarbeiten an der S-Bahn-Verbindung Hamburg–Harburg sorgen weiter für Chaos im Hauptbahnhof. Weil die S 3/S 31 auf der Strecke bis zum 15. August nicht fährt, steigen täglich Tausende Pendler aus Hamburg und dem Umland auf Me­tronom-Züge und die Fernbahn um. Die Folge: hoffnungslos überfüllte Züge, Verspätungen und bedrückende Enge auf den Bahnsteigen.

Reisende werfen der DB Netz Fehlplanung vor und sehen ein Sicherheitsrisiko. Jetzt schaltet sich auch die Hamburger Politik ein: SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf fordert Konsequenzen und will die Verantwortlichen an einen Tisch bringen.

Bahnchaos sorgt für Gefahren am Gleis

Ratlos steht Frank Müller-Penzlin, Familienvater aus Brackel, auf dem Hauptbahnhof und schaut auf die Gleise. Der IT-Mitarbeiter bei einer Hamburger Bank pendelt zweimal pro Woche von Stelle aus mit dem Metronom zum Hauptbahnhof. Das, was er und Tausende Pendler dort täglich erleben, sprengt für ihn den Rahmen.

„Mir ist es wichtig, dass die für alle sichtbare Gefahrenquelle beim Einfahren und Abfahren des Metronoms an Gleis 12 beseitigt wird“, sagt der Bahnkunde. Was er bemängelt, ist die drangvolle Enge, die herrscht, wenn 1000 bis 1200 Fahrgäste auf einmal aus einem Metronom auf Bahnsteig 12 aussteigen, während ebenso viele Menschen versuchen, vom Bahnsteig in den Zug zu gelangen.

Im Gedränge stützen sich Fahrgäste mit den Händen am Zug ab, um nicht im Gleisbett zu landen. Ausweichmöglichkeiten gibt es nicht. Weil die DB Netz an Gleis 11 Erneuerungsarbeiten durchführt, hat sie es am 6. Juli gesperrt und mit einem Bauzaun von Gleis 12 getrennt. Damit halbiert sich die Fläche für Aussteigende und Wartende im Bereich A–C. Die Aufgänge dort waren bis Ende voriger Woche ebenfalls dicht.

Brandbrief eines Bahnkunden findet Gehör

„Ich habe im Gedränge beim Aussteigen aus dem voll besetzten Metronom aus Lüneburg meine Lesebrille verloren“, sagt Müller-Prenzlin. „Es ging weder vor noch zurück. Was hätte hier im Falle einer Panik alles passieren können? Ich hatte ein mulmiges Gefühl.“ In einem Brief, der dem Abendblatt vorliegt, wandte sich Müller-Penzlin an die Bundespolizei und die Eisenbahngesellschaft Metronom.

„Der Hinweis des Reisenden war goldrichtig. Wir nehmen ihn sehr ernst“, sagte am Montag Bundespolizeisprecher Rüdiger Carstens. Die Polizei habe den Brief an die Deutsche Bahn und die Metronom-Eisenbahngesellschaft weitergeleitet und die Präsenzstreifen am Bahnsteig zu Gleis 11 und 12 umgehend erhöht. Aufgrund der bekannten Problematik und der An- und Abreise der Reisenden zu den Großveranstaltungen am vorigen Wochenende habe man zusätzlich Kräfte der Bundesbereitschaftspolizei im Hauptbahnhof mit eingesetzt.

Leitartikel: HVV braucht massive Investitionen

Für die Lenkung der Fahrgastströme auf dem Bahnhof und die Belegung der Gleise ist die DB Netz zuständig. Berufspendler wie Christoph Hagedorn aus Buchholz kritisieren die Baustellenkoordination. „Ich habe von Buchholz nach Hamburg zweieinhalb Stunden gebraucht. Es ist ein Skandal, wie die Bahn mit den Kunden umgeht.“

Hauptbahnhof ist am Limit

Warum lässt die Bahn den Metronom nicht auf einem Gleis mit mehr Platz einfahren? „Wir befördern täglich 550.000 Menschen auf dem Hauptbahnhof. Wir sind am Limit“, sagt Bahnsprecherin Sabine Brunkhorst. „Das Problem ist, dass sie nicht von jedem Gleis an jeden Bahnsteig kommen. Den Metronom kann man nicht quer über alle Weichen schicken. Das würde den Fernverkehrsplan durcheinanderwirbeln.“

Die DB Netz habe Arbeiten in die Sommerferien gelegt, weil da weniger Verkehr sei. Möglicherweise hat sich die Bahn bei ihrer Planung diesmal verschätzt. „Ja, es ist eng. Es ist unglücklich. Die Nerven der Fahrgäste liegen blank“, gibt die Sprecherin zu.

Zu wenig Informationen für Fahrgäste

Der SPD-Fraktionschef in der Bürgerschaft, Dirk Kienscherf, hat Konsequenzen angekündigt. „Gleich am ersten Tag war die Situation katastrophal“, sagt er und bittet zum Rapport: „Ich werde die Verantwortlichen von HVV und S-Bahn fragen, woran es aus ihrer Sicht lag und was man künftig besser machen kann“, sagte Kienscherf.

Er geht davon aus, dass im Schienenersatzverkehr zunächst zu wenige Busse eingesetzt wurden. Dann habe es an Informationen für die Fahrgäste gemangelt. „Es wäre schon klug, an den Bushaltestellen dranzuschreiben, welcher Bus wohin fährt.“ So hätte man Verwirrung vermeiden können. Schließlich wäre es seiner Ansicht nach sinnvoll gewesen, den Metronom gleich einzubeziehen.

Gleis 11 wird wieder freigegeben

„Es muss gebaut werden, um die Versäumnisse aus 30 Jahren zu beseitigen“, betont Metronomsprecher Björn Pamperin. Das Problem sei, dass DB Netz an vier Baustellen gleichzeitig arbeite – auf der Strecke Lüneburg–Harburg, vor dem Hauptbahnhof, bei der S-Bahn-Erneuerung und an Bahnsteig 11. „Dass das ausgerechnet jetzt passiert, wo Tausende Urlauber und Tagesausflügler zu den Pendlern hinzukommen, passt nicht.“ Um die Lage zu entspannen, müsse ein drittes Gleis von Hamburg nach Hannover her.

Für Pendler aus dem Süden gibt es nun eine gute Nachricht: Das Sicherheits- und Servicepersonal an Gleis 12 wird aufgestockt, und Bahnsteig 11 soll am morgigen Mittwoch wieder freigegeben werden.