Orchestra of the Americas

Besonderer Zauber in der Elbphilharmonie beim Comeback

Die Musiker des Orchestra of the Americas schwenken die Flaggen ihres jeweiligen Herkunftslands – ein buntes Spektakel der Völkerverständigung

Die Musiker des Orchestra of the Americas schwenken die Flaggen ihres jeweiligen Herkunftslands – ein buntes Spektakel der Völkerverständigung

Foto: Daniel Dittus

Das Konzerthaus meldet sich aus der Sommerpause zurück – mit einem fulminanten Abend und dem Orchestra of the Americas.

Hamburg.  In seiner rund 570 Tage währenden Geschichte hat der Große Saal der Elbphilharmonie ja schon so einiges gesehen und gehört. Außergewöhnliches. Höhepunkte. Großartige und mitunter auch unvergessliche Momente. Aber eine so bunte Vielfalt wie beim Gastspiel des Orchestra of the Americas am Sonntag? Eine so ausgelassene Stimmung, die von der Bühne ins Publikum und wieder zurück schwappt? Nee, das hat nicht mal Simone Kermes geschafft, als sie den Saal im vergangenen Jahr mit Helene Fischers größtem Hit atemlos machte. Der Begriff „Konzert“ reicht deshalb nicht ganz aus, um vom besonderen Zauber des Abends und seinem fulminanten Finale zu erzählen.

Künstlerisch lässt sich das, was die Besucher beim Auftakt zum Elbphilharmonie Sommer erlebten, am besten als Entdeckungsreise beschreiben. Das Orchestra of the Americas – eine exzellent ausgebildete und vor Spielfreude strotzende Nachwuchstruppe mit Musikern aus 26 amerikanischen Ländern – hatte Werke aus seinem Heimatkontinent im Gepäck. Und der ist in der Klassik noch immer ein weitgehend unbekanntes Terrain.

Ein Meisterwerk von majestätischer Blechbläserpracht

Der Zuhörer von heute staunt wie Christoph Kolumbus vor 525 Jahren, wenn er einem Werk wie Carlos Chávez’ Sinfonia india begegnet und damit komplettes Neuland betritt. Chávez, Enkel eines mexikanisch-indianischen Großvaters, hat in seinem Stück Melodien des Huichol-Volkes und der Yaqui aufgegriffen und in den Stil der europäischen Kunstmusik einverleibt. Ein spannender Mix, voller flirrender (Piccolo)-Flötenfarben und hitziger Rhythmen, die Carlos Miguel Prieto mit der Coolness des erfahrenen Dirigenten sortierte und zu einem mitreißenden Ganzen formte.

Noch beeindruckender: Die dritte, 1946 vollendete Sinfonie von Aaron Cop­land. Ein Meisterwerk, von majestätischer Blechbläserpracht und einer monumentalen Größe, in der auch das patriotische Pathos der Nachkriegszeit nachhallt. Dort demonstrierte Prieto das professionelle Niveau seines aus hochbegabten Stipendiaten rekrutierten Jugendorchesters. Gerade die Bläsersolisten, etwa in der Posaune, an der Klarinette oder am Fagott, spielten die lyrischen Themen der Sinfonie hinreißend schön.

Von der Klangkultur der Orchesters, seiner Wachsamkeit und Musizierlust, profitierte auch das Mittelstück des Programms, Gabriela Monteros „Latin Concerto“, mit dem Tastenstar selbst am Flügel. Wie kaum eine andere Interpretin der Gegenwart, vereint die Pianistin Spontaneität, Leidenschaft und Disziplin; diese spezielle Mischung spiegelt sich auch in ihrem 2016 entstandenen Konzert, das feurige Passagen und innige Zartheit kontrastiert und ihr Gelegenheit gibt, virtuos über das Instrument zu rauschen.

Nationen-Party in der Elbphilharmonie

Natürlich wurde die sympathische Venezolanerin dafür ausgiebig bejubelt. Aber das war nur die erste Stufe der nach oben offenen Beifallsskala. Wie in ihren Konzerten üblich, improvisierte Montero im Anschluss auf Zuruf des Publikums. Nachdem sie zunächst das Thema von „Happy Birthday“ in einen Schnelldurchlauf vom Barock bis zur Romantik gejagt und dann mit drei Kollegen aus dem Orchester „Summertime“ verjammt hatte, tobte der Saal schon ganz ordentlich.

Doch das entpuppte sich im Nachhinein bloß als weitere Vorstufe der ­finalen Ekstase. Als letzte Zugabe, nach der fulminanten Copland-Sinfonie, kündigte Carlos Miguel Prieto breit grinsend eine Improvisation des ganzen Orchesters an. Und die verwandelte den Auftritt endgültig in eine fröhliche Völkerverständigungsparty, wie sie die Elbphilharmonie wohl noch nicht erlebt hat.

Nach und nach stehen Musiker aus dem Orchester von ihren Plätzen auf und melden sich mit kurzen Soli zu Wort. Der Klarinettist klezmert, was das Zeug hält. Ein Trompeter groovt mit dem Kontrabasskumpel. Dazu schwenken die Kollegen die Flaggen ihres jeweiligen Herkunftslands und bilden so die kulturelle Vielfalt des Orchesters in seiner ganzen Buntheit ab.

Orchester wird zur multinationalen Sambacombo

Miteinander statt Gegeneinander, Verbinden statt Spalten: Diese Botschaft hat sich der 2002 gegründete Klangkörper auf die Fahnen geschrieben. Dass einen Tag nach dem undurchsichtigen Sprengstoff-Vorfall während einer Rede von Nicolas Maduro in Caracas ausgerechnet die Schlagwerker aus den vermeintlich verfeindeten Staaten Venezuela und Kolumbien gemeinsam und freundschaftlich die Improvisationssause eröffnen, zeigt auch ohne Worte die politische Dimension dieses wunderbaren Orchesters.

Hier bekennen junge, in „ihre“ Farben gehüllte Menschen den Stolz auf die eigene Nation, ohne den Nachbarn dafür klein machen zu müssen; die Begegnung mit anderen Sprachen, Sitten und Traditionen wird zur Bereicherung, vermittelt durch die friedliche Kommunikation über Musik.

Angestiftet vom Hüftschwung der brasilianischen Fraktion, verwandelt sich das Orchester in eine Art multinationale Sambacombo, die sich den Großen Saal und die Herzen des Publikums im Tanz erobert. Die Musiker feiern sich selbst und ihre Stimmung, schießen Selfies auf der Bühne und treiben nicht wenigen Zuhörern Tränen der Rührung und Begeisterung in die Augen. Ja, mit solchen Menschen und diesem Spirit ist Amerika – das so viel mehr umfasst als die USA – wirklich „great“.