Kultur

Bildband zur Abkühlung: „Der Swimmingpool in der Fotografie“

Entspannung in den
1950er-Jahren: Eine
Frau genießt auf einer
Matte die Sonne am
Rand des Beckens –
nur eines von 200
Motiven im Band
„Der Swimmingpool
in der Fotografie“

Entspannung in den 1950er-Jahren: Eine Frau genießt auf einer Matte die Sonne am Rand des Beckens – nur eines von 200 Motiven im Band „Der Swimmingpool in der Fotografie“

Foto: H. Armstrong Roberts / Getty Images

Das luxuriöse Buch zeigt den Sehnsuchtsort aller Schwitzenden – dabei ist es so originell wie auch ästhetisch.

Hamburg. Künstlichkeit ist eine ­Charaktereigenschaft des Sommers, so natürlich uns Neu-Mediterranen das gegenwärtige Dauer-Hoch auch vorkommen mag mittlerweile: Sommer muss genau so sein, dass Abkühlung das Gebot der Stunde ist. Aber, ach, wäre sie doch immer in Reichweite. Als Nasszelle neben dem Büroarbeitsplatz am besten. Memo an alle Großraumarchitekten: Macht endlich mal etwas Sinnvolles, denkt an den Klimawandel, baut Duschen! So lange es die nicht gibt, bleibt der Swimmingpool der Sehnsuchtsort besonders aller berufstätig Schwitzenden. Er ist die künstlich-imaginäre Nachbildung des Meeres, das auch in Hamburg noch ziemlich weit weg ist.

Das Meer ist gerade jetzt der seligmachende Ort Nummer eins, danach kommt aber schon der Pool. In Japan gibt es einen vollendet künstlichen Indoor-Strand, im „Ocean Dome“ in Miyazaki. Der englische Fotograf Martin Parr hat dieses spezielle Schwimmbad 1996 fotografiert: ein Meer-Fantasma, bei dem alles so ist wie in echt, die Sardinenbüchsigkeit auf Sand, das Schwarmhafte im Wasser, die Palmen, und doch gerade gar nichts. Alles fake.

Kuriose Mischung

Die Aufnahme entstammt dem Bildband der Stunde, die in diesem herrlich-verrückt-zu-krassem Endlos-Sommer eine Dehnung bis zum Geht-nicht-mehr erfährt: dem Buch „Der Swimmingpool in der Fotografie“. In diesem ist eine kuriose Mischung von Fotos versammelt, sie wurden vorwiegend in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgenommen, den 30ern, 40ern und so fort bis heute.

Bei der Auswahl wurde Wert auf Originalität gelegt und auch auf den Namen des jeweiligen Fotografen (Henri Cartier-Bresson, Gigi Cifali, Stuart Franklin, Harry Gruyaert, Emma Hartvig, Jacques Henri Lartigue, Joel Meyerowitz, Paolo Pelligrin, Larry Sultan, Alex Webb und viele andere) – aber eines ist meistens gleich. Die Farbe des Wassers, blau oder türkis.

Der Band ist der Beweis für die Ausbreitung der Schwimmbecken-Idee, für die Variabilität eines Konzepts. Pools gibt es in den Alpen, in Flüssen, an Seen, am Flughafen (!), im Garten und vor allem und immer wieder: in Hotels. Es gibt Schwimmbäder und Wasserheilanstalten, und selbst die Nasa hat einen Pool: 1966 übten die Astronauten der „Apollo“ in Houston den Ausstieg im Wasser. Es ist eines der wenigen Fotos, auf denen die Pool-Inanspruchnahme nach Arbeit aussieht, neben den Sport-Impressionen und den Mode-Shootings, versteht sich.

Die Schönen bleiben trocken

Ein Foto ist beinah zu toll, um wahr zu sein. Es zeigt den Moment, in dem ein Fotograf nach hinten wegkippt, die Schönen bleiben trocken und amüsiert auf dem Sprungbrett, aber ist es nicht das Nasse, in das hier alle streben? Sofern er seine Ausrüstung über Wasser halten kann, ist der Fotograf immer derjenige, mit dem man gern tauschen möchte.

Wenn der Swimmingpool die Ankunft des Sommermenschen im Paradies darstellt und das grandiose ­Geschenk der Architekten und Designer an die Menschheit, dann ist das ­Mienenspiel mit entblößten Zähnen und Mundwinkeln, die nach oben zeigen, die allgemeine Gefühlssignatur der Pool-Besucher. Das Schwimmbecken ist der Wellnessort schlechthin, egal ob man sich in ihm befindet oder diesseits des Beckenrands bleibt. Strahlende Gesichter am Pool gehorchen dem Gesetz des Wohlbefindens. Wer am Pool nicht entspannen kann, der hat das Prinzip nicht ver­standen.

Dokumentarischer Charakter

„Der Swimmingpool in der Fotografie“ also, in diesem Falle ist er auch eine ästhetische Angelegenheit, und auch wenn die Fotos eher dokumentarischen Charakter haben, ist im einen ­wie im ­anderen Fall viel über die Wahrhaftigkeit gesagt. Der stilisierte Moment ist genauso nass wie der alltägliche. Der Pool ist, nach dem Meer, vielleicht der meistfotografierte Ort in diesen Tagen, und all den Handy- und Timeline- Gegenwärtigkeiten sind die historischen Aufnahmen hier ein Gegen­gewicht.

Für Stil-Forscher und Design-Historiker ist der Band eine Fundgrube. Nackte Haut bleibt nackte Haut, aber der Grad der Bedeckung und die Gestaltung des Textils sind fest in der Zeit verhaftet. Am fernsten erscheint, wenig überraschend, die Badetracht auf den Schwarz-Weiß-Fotos. Es gibt trotz großer Konkurrenz kein schöneres Licht in der Sommerzeit als das Licht, das auf Wasser trifft. Und auch deswegen bleibt festzuhalten: schade, dass die Wenigsten von uns selbst einen Pool besitzen.m In diesem Sommer des ewigen Vergnügens wäre er der zauberhafteste Luxus, in diesem Sommer der strapaziösen Hitze die dringlichste Linderung.