Abendblatt-Interview

„Die Callas hat recht: Oper ist ein Schlachtfeld“

| Lesedauer: 8 Minuten
Miriam N. Reinhard
Maria Callas mit dem Pianisten Ivor Newton 1973 auf der Bühne des Hamburger CCH. Den aktuellen Film über sie findet Spingler „unverschämt“

Maria Callas mit dem Pianisten Ivor Newton 1973 auf der Bühne des Hamburger CCH. Den aktuellen Film über sie findet Spingler „unverschämt“

Foto: picture alliance / dpa

Mit Bühnenkunst zu überwältigen sei nicht nur Hochleistungssport, sondern „Krieg“, findet die Mezzosopranistin Renate Spingler.

Hamburg.  Anders als oft behauptet, bedeuten die Bühnenbretter nicht die Welt, meint die Hamburger ­Kammersängerin Renate Spingler. Ein schonungsloses Gespräch über die Oper, die Callas und all die leidenden Frauenfiguren auf der Bühne.

Derzeit läuft ein Film über Maria Callas in den Kinos. In der Vorstellung, die ich gesehen habe, applaudierte das Publikum. Hat es Sie überrascht, dass es heute noch mal einen Film über die Callas gibt und dass er diese positiven Reaktionen auslöst?

Renate Spingler: Nein, das überrascht mich nicht. Die Callas ist sowohl als Sängerin als auch als Bühnenkünstlerin ein Dauerbrenner, ein Klassiker, ein Vorbild für anrührenden Gesang. Dazu kommt ihr persönliches Schicksal, ihr Unglücklichsein, die unglückliche Liebe zu Aristoteles Onassis. Das wird die Leute auch noch in 50 Jahren rühren. Ich habe mir diesen Film auch angesehen, allerdings habe ich nicht applaudiert. Für mich ist das überhaupt nicht nachvollziehbar.

An vielen Stellen sehen wir eine beinah religiöse Verehrung, die Callas zuteil wurde. Hat Sie der Film auch verärgert?

Spingler: Ja, der ganze Film ist eine Unverschämtheit. Aber zuerst zu der Verehrung: Es heißt ja nicht umsonst „La Diva“, die Göttin. Das ist eine manische Verehrung, wie wir sie auch bei Rockidolen oder Schauspielern immer wieder erleben. Verärgert hat mich, dass mir der Film das alles als „neu“ oder „authentisch“ verkaufen will. Es ist unbestritten, dass die Callas eine Stimme hat, die direkt in die Seele dringt, gerade durch ihre, ich will nicht sagen: „Hässlichkeit“, aber die Brüchigkeit dieser Stimme. Das ist einzigartig. Aber dieses ganze Getue um die Diven ist eine einzige Inszenierung. Ich sehe immer wieder Kolleginnen, die sich als solche Diven inszenieren, ihren Applaus genießen – und danach gehen sie zurück ins Hotel und umarmen den Kühlschrank. Arme Leute. Es sind nicht die Bühnenbretter, die die Welt bedeuten.

In ihren autobiografischen Aufzeichnungen spricht die Callas von der Oper als „Schlachtfeld“.

Spingler: Die Oper ist Krieg. Jede Vorstellung ist die Walstatt. Du lässt dort die Hosen runter, und die Fehler machst du vor Tausenden von Leuten. Wenn du die Fehler zwei-, dreimal machst, bist du weg. Dort rauszugehen und diese Leistung zu bringen, und zwar auf den Punkt – nämlich wenn der Herr/die Dame unten den Dirigentenstab hebt –, das ist eine Jagd. Stammhirnlich ist es wirklich so: Du sitzt auf den Punkt bereit, und wenn einer einen Fehler macht, dann erlegen wir dieses Mammut nicht, und dann hungert die Horde wieder ein halbes Jahr. Ja, es ist ein Schlachtfeld. Da hat die Callas recht.

Bis zum Ende ihres Lebens hat Callas noch täglich viele Stunden geübt. Kann man nur mit einer solchen Härte gegen sich selbst auf diesem Schlachtfeld existieren?

Spingler: Quatsch. Natürlich muss man üben. Die Oper ist Hochleistungssport. Aber man muss vor allem technisch richtig singen. Das hat Frau Callas leider nicht getan. Und deswegen hörte es bei ihr mit Anfang 40 auch auf; das ist genau die Zeit, wo die jugendliche Kraft schwindet. Dass sie jeden Tag übte, ist rührend, aber wenn ich für einen Marathon trainiere, laufe ich auch nicht jeden Tag einen Marathon; und wenn ich nur fünf hohe Töne am Abend habe, dann verpulvere ich sie nicht durch Üben. Dann bewahre ich sie für die Vorstellung auf.

War der Übungsmarathon vielleicht auch einer Angst geschuldet – Angst vor einem endgültigen Abschied von der Bühne?

Spingler: Ja, ein Verhalten wie auch bei den vielen arbeitslosen Schauspielern, die immer noch ein Arbeitszimmer haben, in dem sie ihre Rollen üben, weil Hollywood sie ja anrufen könnte – oder wie bei Callas „die Met“. Das passiert natürlich nicht. Das ist auch eine Form der Wirklichkeitsverleugnung.

Die Callas sang Partien von Frauenfiguren, die zwar eindrucksvoll sind, „Tosca“ oder „Norma“, aber sie sind alle leidend und am Ende tot. Ist es möglich, Distanz zu haben, wenn man so etwas singt?

Spingler: Alles andere ist meines Erachtens unprofessionell. Das Publikum soll weinen, nicht der Künstler. Ich weiß nicht, was Frau Callas wirklich gefühlt hat und was sie dann auch über diese Partien und sich selbst erzählte, um damit auch den Mythos um ihre Person zu bedienen. Doch den Profi vom Laien unterscheidet: Wenn ich die größte Schlampe oder Hure der Welt spiele, bin ich sie nicht. Es macht mir aber wahnsinnig Spaß, mich bis zum Anschlag zu exhibitionieren, wenn ich sie spiele. Trotzdem hat man als Profi Distanz.

Man selbst ist nicht ergriffen von dem, was man gerade singt?

Spingler: Als junge Frau sah und hörte ich, wie „The Dame“, Gwyneth Jones, „Elektra“ sang. Ich stand hinter der Bühne und war völlig ergriffen von diesem Schluss, dem ekstatischen Todestanz. Dann geht der Vorhang zu und „The Dame“ rappelt sich auf, streicht sich kurz übers Haar und sagt zu ihrer Kollegin: „And by the way, you know, we bought this house at the coast. You remember? I talked about it.“ Der Vorhang geht wieder auf, sie verbeugt sich theatralisch, der Vorhang geht wieder zu – und sie quatscht weiter über ihr Wochenendhaus an der Küste, das sie sich gekauft hatte. Ich fragte mich: Wie geht das? Sie hat gerade eine der schwierigsten Partien der Opern­literatur gesungen, nebst dem, was das verkörpert … Da merkt man: alles nicht echt. Alles Bühne. Alles Show. Wir leisten harte Arbeit.

Sie selbst singen nicht diese Opferrollen …

Spingler: Nein, denn Gott ist vielleicht doch eine Frau, denn sie hat mich zum Mezzo werden lassen. Ich darf immer die Bösen singen, die mir viel mehr liegen, die renitenten Frauen, die sich wehren. Mit dieser ganzen Opfernummer, die durch jede romantische Oper geht, hätte ich ein großes Problem. Schlimmstes Beispiel ist, wie Wagner uns Brünnhilde am Schluss von „Götterdämmerung“ präsentiert: Endlich hält Brünnhilde die Macht in der Hand, diesen Ring. Und dann schwingt sie sich auf ihren Gaul, springt mit ihm auf den Scheiterhaufen, den sie auch noch selbst angezündet hat, wirft sich also mit Gaul und Ring ins Feuer – diesem bescheuerten Kerl hinterher! Da fällt einem doch nichts mehr zu ein!

Ist die Oper nicht immer der Bremsklotz von Emanzipation und Fortschritt? Kann es eine feministische Oper geben?

Spingler: Nein, es gibt keine feministische Oper. Vielleicht könnte es sie geben, aber dann müsste sie sich anderer Vorlagen bedienen. In jedem Drama gibt es im Schnitt zwei Frauen und ansonsten nur Kerle. Wenn es nach dem emanzipatorischen Gedanken ginge, dürfte ich keine Oper singen.

Wie können Sie es dann dennoch tun?

Spingler: Das kann ich nur durch die Musik. Man wird süchtig nach diesen wunderschönen Melodien. Deswegen kann man das alles ertragen. Die Musik ist eine Macht, die die Menschen direkt erreicht. Geht in die Oper!

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