Wilhelmsburg

Mehr Erlebnis als schlafen: Übernachten auf dem Bunker

Wie schläft es sich in einem Sleeperoo und was macht es so besonders? Ein paar Eindrücke konnten am Energiebunker in Wilhelmsburg gesammelt werden,

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Das Abendblatt hat eine Nacht im zwölf Quadratmeter großen „Sleeperoo“-Würfel auf dem Hochbunker verbracht. Ein neuer Trend.

Wilhelmsburg.  Alle anderen sind weg: Die Besucher des Energiebunkers in Wilhelmsburg müssen das Gebäude verlassen. Wir sind allein oben auf der Terrasse, 30 Meter über dem Boden, und stehen mit unserem Schlafwürfel, dem Sleeperoo, endlich nicht mehr im Mittelpunkt. Wie Tiere im Zoo wurden wir in unserem Domizil begafft. Endlich Ruhe. Sturmfreie Bude.

Nur der Verkehr von unten und das Lachen und Schreien der Kinder vom Spielplatz sind überraschenderweise noch deutlich zu hören, dazu Grillenzirpen, Möwen. Die Aussicht: hervorragend. Das ganz große Hamburg-Panorama in 360 Grad – Michel, Elbphilharmonie, das Rathaus, der Fernsehturm auf der einen, der Hamburger Süden auf der anderen Seite, breiten sich unter uns aus. Vor mir und meiner Tochter, zwölf, liegt offensichtlich eine besondere Nacht.

Und die ist dann um fünf Uhr vorbei. Daran hat niemand Schuld, außer die eigene Aufregung vielleicht. Okay, so still wie gedacht, ist es hier oben nicht. Aber das Verkehrsdröhnen verwandelt sich mit etwas Fantasie in Meeresrauschen, und auch die Geräusche vom Hafen werden erst später am Morgen zu hören sein. Es ist eine innere Unruhe, etwas zu verpassen, die mich nicht weiterschlafen lässt, das Kind aber schon.

An Aussicht kann man sich nicht sattsehen

Durch das große Panoramadach ist blauer Himmel zu erahnen, die Sonne ist noch nicht aufgegangen, aber sie ist kurz davor. Erst einmal die Verdunkelungsrollos an den drei großen Fenstern aufrollen, um herauszuschauen. Hamburg wacht gerade auf, über der Stadt liegt der Schleier eines nahenden Sommertages. In der Ferne sind alle Wahrzeichen nebeneinander aufgereiht, ganz links liegen die Köhlbrandbrücke und der Hafen. An dieser Aussicht kann man sich nicht sattsehen. Und wir haben sie exklusiv. Ich lehne mich zurück, stecke das Kopfkissen in den Nacken und genieße den Sonnenaufgang.

Genau wie am Abend zuvor schon das Untergehen der Sonne. In diesen Tagen muss sich Hamburg nicht verstecken. Karibik? Mallorca? Sonnenuntergänge kann die Hansestadt auch. Doch statt am Strand liegen wir in unserem zwölf Quadratmeter großen Kubus auf Rädern aus glasfaserverstärktem Kunststoff mit abgerundeten Ecken. Der Schlafwürfel hat ein Panoramadach, drei Seitenfenster und, ganz wichtig: eine 1,60 Meter breite Doppelmatratze, ausgestattet mit Bettdecken und Kissen in Grau. Urgemütlich und mit hohem Wohlfühlfaktor ist unser kleines Zuhause auf dem ansonsten etwas bedrohlich wirkenden Riesenbetonklotz.

Was ist bei Gewitter? „Keine Sorge, euch passiert hier nichts“, hat man uns noch mit auf den Weg gegeben. Im Jahr 1943 nach einem Jahr Bauzeit fertiggestellt, hat der als Flakturm VI geführte Bunker im Zweiten Weltkrieg 10.000 Menschen Schutz gegeben. Selbst der Versuch der Briten, das Gebäude 1947 zu sprengen, misslang. Tatsächlich bietet der graue Klotz nach etwas Eingewöhnung Geborgenheit. Niemand kann zu uns in den achten Stock, die Tür ist verschlossen, aber wir könnten jederzeit durch das Treppenhaus hinaus. Wollen wir natürlich gar nicht. Bis zum nächsten Morgen um 9.30 Uhr sind wir die Hausherren, dieser Betonriese gehört uns.

Für manche mehr Erlebnis als schlafen

Trotzdem: Zum Glück blieb der Toilettengang in der Nacht erspart. Denn die sanitären Anlagen sind im Innern des Bunkers und führen über einen Nebeneingang. Tagsüber ist das kein Problem, aber in der Nacht ist dieser einsame Gang verzichtbar.

Erlebnisschlafen? Vielleicht für manche mehr Erlebnis als Schlaf. Aber genau das wollen die Menschen offenbar. „Wir spüren, dass wir damit absolut im Trend der Zeit sind: dem Wunsch der Menschen nach kleinen besonderen Erlebnissen, den sogenannten Micro-Adventures oder Micro-Retreats“, sagt Schlafwürfel-Erfinderin Karen Löhnert. Die Hamburgerin hatte die Idee zum mobilen Hotelzimmer vor zwei Jahren. Es gehe um Erlebnisse an besonderen Orten, an denen man üblicherweise nicht übernachten kann oder darf.

So stand der Schlafwürfel auch schon in der Handelskammer, es gibt ihn unter Bäumen im Alten Land, am Nordseestrand oder auch auf der Seebrücke Sellin auf Rügen und bald auf Fehmarn. Und immer geht es darum, die jeweiligen Orte mit allen Sinnen wahrzunehmen, so die Macherin – Möwengeschrei, Meeresrauschen, der Wind in den Baumwipfeln oder eben Sonnenauf- und untergang. Dabei ist man geschützt und ohne andere Gäste nebenan.

Immer mehr Erlebnisübernachtungen

Die Sehnsucht nach solchen kleinen Abenteuern im Alltag ist groß, und das Angebot an Erlebnisübernachtungen in Hamburg und im Norden wird größer: Man kann mittlerweile im Strandkorb schlafen, im Holzfass, auf Bäumen, im Hafenkran, auf Schiffen, in Wassertürmen. Schließlich, so Michael Otremba, Geschäftsführer der Hamburg Tourismus GmbH, ist der Ursprung des Reisens das Abenteuer: „Neues entdecken und besondere Erfahrungen erleben: Mit solchen speziellen Übernachtungskonzepten wird diese Sehnsucht bedient.“

Die Touristiker freuen sich natürlich über diese Entwicklung: „Individuelle und kreative Konzepte sind eine Bereicherung für das Hamburg-Erlebnis. Und schaffen besondere Erinnerungen“, so Otremba. Abseits der üblichen Hotelbetten, von denen es in Hamburg derzeit 66.000 gibt.

Der Abschied von „unserem“ Bunker fällt schwer. Aber der Magen knurrt, und unten im wahren Leben frühstücken wir in einem Café an der Fährstraße in Wilhelmsburg – so kosten wir das Urlaubsgefühl noch ein wenig aus. Es wird nicht die einzige Erlebnis-Übernachtung bleiben.

Die Übernachtung im Sleeperoo auf dem Energiebunker ist nicht ganz günstig und kostet 200 Euro. Weitere Infos und Buchung: www.sleeperoo.de

Noch mehr Erlebnisübernachtungen:

Schlafen an ungewöhnlichen Orten oder in extravaganten Betten kann man nicht nur auf dem Energiebunker in Wilhelmsburg, sondern im ganzen Norden.

In Hamburg gibt es weitere Erlebnisübernachtungsmöglichkeiten, zum Beispiel auf dem Feuerschiff oder der „Cap San Diego“ mit Blick auf Elbphilharmonie und Hafen. Infos: www.das-feuerschiff.de und www.capsandiego.de. Und im Hafenkran im Sandtorhafen, Infos: www.myfloatel.de.

In Stove an der Elbe geht es ein paar Jahre zurück in der Zeit: Schlafen in liebevoll renovierten Retro-Wohnwagen von Elbeglamping. www.elbeglamping.de. Im ehemaligen Wasserturm mit direktem Eisenbahnanschluss in Niebüll ist das Übernachten ebenfalls möglich. Infos: www.inselpension.de

Seit zwei Jahren ist Strandschlafen in überdimensionierten Strandkörben möglich. An acht Orten entlang der Ostseeküste Schleswig-Holsteins geht das in 18 Körben. Infos: www.ostsee-schleswig-holstein.de/strandschlafen-ostsee.html

Schlummern im Schlaffass, das ist an der Mecklenburgischen Seenplatte bei Rostock möglich. Das Fass hat Licht, Heizung und eine Holzterrasse und ein Doppelbett mit Kaltschaummatratzen. Infos: www.schlaffass-am-see.de.

Im Wolfsrevier stehen im Tree Inn in Dörverden luxuriös ausgestattete Holzhäuser (Infrarotheizung, Flachbildfernseher, Whirlpool), die einen Blick aus fünf Metern Höhe in das Wolfsgehege ermöglichen, mit etwas Glück das Geheul von Hudson-Bay-Wölfen oder europäischen Grauwölfen inbegriffen. Infos: www.tree-inn.de.

Im Safaripark Hodenhagen schläft man in beheizten Zelt-Lodges oder mobilen Ranger-Lodges: Pickups mit ausgestatteten Wohnkabinen. Infos: www.serengetipark.de