Rot an Ampeln vermeiden

Hamburg verspricht Autofahrern „grüne Welle“ dank App

Hamburgs Wirtschaftssenator Frank Horch testet einen Audi mit Ampel Connectivity

Hamburgs Wirtschaftssenator Frank Horch testet einen Audi mit Ampel Connectivity

Foto: Marcelo Hernandez

Wann wird’s grün? Von rund 1000 Anlagen im Hamburger Stadtgebiet sollen Daten über Rot- und Grün-Phasen an Pkw gesendet werden.

Hamburg.  Fußgänger in Hamburg kennen vergleichbare Informationen bereits von Fußgängerampeln an wichtigen Knotenpunkten wie am Hauptbahnhof: Sogenannte Countdown-Ampeln zeigen ihnen dort an, wie lange für sie noch Rot oder Grün aufleuchtet. Ein ähnliches Angebot – nur eben technisch viel ausgefeilter – könnten in den nächsten Jahren auch Autofahrer in Hamburg erhalten.

Von mehr als 1000 der insgesamt 1750 Hamburger Ampeln sollen künftig die Signale über das Internet in Echtzeit übertragen und von Smartphones mit spezieller App oder auch fest installierten Navigationsgeräten in Fahrzeugen empfangen werden. Einen Pilotversuch dazu mit zunächst 60 Ampeln hat die Stadt gerade zusammen mit der Audi AG und den auf Digitalisierung und Verkehrslenkung spezialisierten Unternehmen Swarco Traffic Holding sowie die Here Deutschland GmbH als Partner abgeschlossen.

„Der Test ist vorbei, jetzt wollen wir in die Umsetzung einsteigen, um weitere Erfahrung zu gewinnen“, sagte am Freitag Wirtschaftssenator Frank Horch (parteilos) bei der ersten öffentlichen Präsentation des Projekts, dessen Daten später auch anderen Anbietern von digitalen Navigations- und Infoprogrammen zur Verfügung gestellt werden sollen.

Das System arbeitet nahezu in Echtzeit

„Ich bin überzeugt, das wird zu einer erheblichen Entspannung im Verkehr beitragen“, sagte der Senator. Die Stadt verspreche sich davon aber auch eine Reduzierung von Lärm und Schadstoffen im Straßenverkehr, weil Autofahrer langsamer an Ampeln heranführen, wenn sie wissen, wann die Anlage umschaltet. Das Gasgeben und wieder abrupte Stoppen falle weg, zehn bis 15 Prozent Treibstoff könne man so sparen, sagten Vertreter der beteiligten Firmen am Freitag. Möglich sei auch, dass Autofahrern künftig im Nahbereich von Ampeln das ideale Tempo innerhalb der erlaubten Grenzen angezeigt wird, um möglichst eine „grüne Welle“ erhalten.

Noch aber zeigt das System nur die Ampelzeiten an – allerdings in erstaunlicher Echtzeit, wie sich am Freitag bei einer Probefahrt auf einer Teststrecke zwischen S-Bahnhof Stellingen und Hagenbeck erfahren ließ. In diesem Fall in einem VW-Bus mit einem Tablet-Computer: In Sekunden zeigt dort das Programm auf dem Bildschirm an, wie lange vor einem die Ampel noch auf Rot steht – oder eben auf Grün. Selbst als plötzlich ein Fußgänger auf die Grünanforderung drückte, brauchte das System nur kurze Zeit, um für die neue Situation eine neue Zeitprognose zu erstellen. „Das macht das Fahren tatsächlich sehr viel entspannter“, sagte Swarco-Projektleiter Michael Latzke, der den Test-Bus lenkte.

Daten werden an die Unternehmen gesendet

Mit dem Verkehr in Hamburg dürfte sich Latzke ziemlich gut auskennen, sein Unternehmen entwickelte auch die Technik für die neue Verkehrsleitzen­trale in Hamburg. Und so entstand dann auch die Zusammenarbeit bei diesem Projekt. Wobei Hamburg den großen Vorteil habe, dass nahezu alle Ampeln per Kabel mit insgesamt zehn Verkehrsrechnern bereits verbunden seien.

Um Informationen über Schaltung oder Anforderungen von Fußgängern oder Bussen zu bekommen, ist daher kein Umbau an den Ampeln selbst erforderlich. Die Daten werden künftig – so der Plan – von der Stadt an die Unternehmen gesendet. Dort werden dann mit sogenannten historischen Daten aus ähnlichen Verkehrssituationen in Sekundenschnelle Ampelzeit-Prognosen erstellt.

FDP bezweifelt positive Effekte auf Verkehr

Wie hoch die Investition für die Entwicklung solcher Programme war, wollten Firmenvertreter am Freitag nicht sagen. Kunden seien künftig Autohersteller wie jetzt schon Audi, die solche Ampel-Prognosen in ihre Bordinformationssysteme einbauen könnten. Ziel sei aber auch ein Programm für Smartphones und Tablets. Offen sei noch, ob die Stadt eine solche „App“ übernimmt und über ihre Internetseiten kostenfrei anbietet – oder ob es eine frei verkäufliche und also kostenpflichtige Version geben wird. In etwa zwei Jahren soll das System aber so weit sein, dass die Daten von den angepeilten rund 1000 Ampeln zur Verfügung stehen – rechtzeitig zum Weltkongress für intelligente Verkehrssysteme (ITS), den Hamburg 2021 ausrichtet wird.

Ob der Effekt aber so stark wird wie erhofft, bezweifelte der Hamburger FDP-Fraktionschef Michael Kruse. „Hamburg will zukünftig ausgewählten Autofahrern anzeigen, wie lange sie noch an der Ampel im Stau stehen“, sagte er. Die Verkehrsprobleme der Stadt bekomme man damit jedenfalls nicht in den Griff, kritisierte Kruse.