Fritz Schumacher

Der Hamburger Stadtteil Dulsberg als Modell

Dieses Luftbild zeigt das junge Quartier am Dulsberg wahrscheinlich im Jahr 1929. Die Gestaltung des Quartiers war (und bleibt) hochmodern

Dieses Luftbild zeigt das junge Quartier am Dulsberg wahrscheinlich im Jahr 1929. Die Gestaltung des Quartiers war (und bleibt) hochmodern

Foto: StaHH

Neues Buch zeigt Ideen des Oberbaudirektors Fritz Schumacher für den Dulsberg – und was man aus ihnen lernen kann.

Hamburg.  Die Stadt hat Fritz Schumacher, dem legendären Oberbaudirektor, manches Denkmal gesetzt. Nun kommt ein weiteres in Buchform dazu: Der Dölling und Galitz Verlag widmet sich in einem neuen Werk einem oft übersehenen und im Krieg schwer zerstörten Vorzeigestadtteil: Dulsberg. Besonders interessant an dem Viertel zwischen Wandsbek und Barmbek ist, dass er vor 120 Jahren auf dem Reißbrett entstand – auf einer Acker- und Weidefläche – und damit an aktuelle Projekte wie in Oberbillwerder erinnert.

Dabei können die Planer von Fritz Schumacher (1869-1947) lernen, der sich damals gegen Widerstände in den eigenen Reihen durchsetzen und Zweifler überzeugen musste. Seine stadtplanerischen Ideen prägen den Stadtteil mit seinen rund 17.000 Einwohnern bis heute. Dulsberg ist angesichts einer überschaubaren Fläche von 1,2 Quadratkilometern ähnlich hoch verdichtet wie Ottensen oder die Schanze. Nicht nur Architekten lieben den Stadtteil, der den Reformwohnungsbau wie in einem Freilichtmuseum zeigt, sondern auch die Bewohner.

Detailgetreu, aber sehr gut lesbar

Der Verfasser Roger Popp, ein studierter Architekt und Stadtplaner, ist selbst Dulsberger und schreibt detailgetreu, aber sehr gut lesbar, die Baugeschichte seines Stadtteils auf. Das Bevölkerungswachstum zur Jahrhundertwende – 1900 lebten schon mit 706.000 mehr als doppelt so viele Menschen in der Stadt wie zehn Jahre zuvor – machte neue Siedlungsgebiete notwendig. Zwischen Wandse und Osterbek, am Rande der Stadt, wurden die Entwickler fündig. Die ersten Pläne stießen aber schnell auf Kritik. „Wenn hierbei nur unsere Techniker etwas mehr Fantasie und Schönheitssinn gezeigt hätten! Dann würden sie gewiss nicht so endlos lange, schnurgerade Straßen entworfen haben, die später ganz gewiss von Fabriken und gleich hohen Häuserkästen umrahmt, die tödlichste Langeweile atmen werden“, kritisierte der „Hamburgische Correspondent“. Im Norden, so sahen es die Pläne von 1903 vor, sollte sich Gewerbe ansiedeln, im Süden vor allem Wohnungsbau entstehen. Schumacher, der 1908 Oberbaudirektor der Stadt wurde, plante zunächst zwei Schulen, die noch heute den Stadtteil prägen.

Zeitgeist der 20er- und 30-er Jahre

Zwischen 1919 und 1923 entstand die Volksschule an der Ahrensburger Straße, die nun die Stadtteilschule Barmbek beheimatet. Der halbrunde Klinkerbau überragt heute die Kreuzung Krausestraße/Dehnhaide. Ein Jahrzehnt später, zwischen 1931 und 1932, plante er die heutige Gesamtschule Alter Teichweg. Auch die Kirche am Straßburger Platz atmet den Zeitgeist der 20er- und 30-er Jahre.

Mindestens ebenso wichtig wie die Bauwerke aber waren Schumachers Erwägungen für die Planung auf der grünen Wiese. Besonderes Augenmerk legt er auf die Planung der Freiflächen, die „als Teil des Stadtganzen“ zu sehen seien und Naturerfahrungen ermöglichen müssten. Schumacher veranschlagte mindestens 6,5 Quadratmeter Freifläche pro Kopf. Bachläufe, Wäldchen, Alleen, Spielplätze und Sportplätze, Friedhöfe und Kleingärten, Planschbecken.

Die ursprünglichen Ideen für eine dichte Bebauung mit fünf– bis sechsgeschossigen Mietshäusern bei einer einzigen Grünfläche nennt Schumacher „schaudererregend“. Tatsächlich gelingt es ihm 1918, den alten Bebauungsplan von 1903 grundlegend zu überarbeiten, „dies Unglück abzuwenden“. Nun entstehen an vielen Wohnstraßen nur noch drei Geschosse aus dunkelrotem Backstein mit großzügigen Innenhöfen – moderner Reformwohnungsbau par excellence; auch eine weitere Grünachse kommt hinzu. Die ersten zehn Wohnblöcke entstehen zwischen 1920 und 1923. Schumachers ursprüngliche Idee, eine Gemeinschaftsküche pro Haus einzurichten, verwirft die Politik – sie wird nur in dem Ledigenheim umgesetzt.

Bühne für mutige Architekten

Dulsberg wird zur Bühne für mutige Architekten: Der Bebauungsplan gibt nur die Baumasse, aber nicht die Gestaltung vor – und so probieren innovative Architekten wie die Gebrüder Franck, die Gebrüder Gerson oder die Architektengemeinschaft Rudolf Klophaus, August Schoch und Erich zu Putlitz Neues aus – durchaus mit Wohlwollen des Baudirektors: „Auf Kosten der Einheitlichkeit der Wirkung ist der Dulsberg dadurch zu einer interessanten Ausstellung verschiedenster Formen geworden.“ Die Laubengänge der Brüder Franck sorgten sogar international für Aufmerksamkeit – die britischen Prinzen Eduard (1894–1972) und sein jüngerer Bruder Albert (1895– 1952) besuchten am 14. Oktober 1932 die Arbeiterwohnungen.

Doch bald schon ersetzte Masse Klasse. Die bisherige Bautätigkeit reichte nicht aus, die Wohnungsnot zu lindern – so setzte der neue Wettbewerb ab 1927 verstärkt auf günstigere und effektivere Zeilenbauten – die reine Blockbebauung war Geschichte. Nur wenige Jahre später versank der Stadtteil der Moderne im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs: Fast 80 Prozent der Bauwerke wurden zerstört und viele Häuser, deren Grundmauern stehen geblieben waren, nach dem Krieg rasch in verminderter architektonischer Qualität wieder aufgebaut – die extreme Wohnungsnot zwang dazu. Hinzu kamen in den vergangenen Jahren mitunter unsensible Dämmungen, die die Häuser entstellten. Das reich bebilderte Buch lässt den alten Dulsberg nun wiederauferstehen. Der Stadtteil feiert seinerseits „100 Jahre Schumacher-Stadtplanung für den Dulsberg“ mit zahlreichen Feierstunden, Ausstellungen und diversen Stadtteilführungen.

Roger Popp: „Fritz Schumacher und der Dulsberg“, Dölling & Galitz Verlag 2018, 152 Seiten; 29,90 Euro