Bucerius Kunst Forum

Schumann-Klassiker im Songbook-Format

Sängerin Lia Pale und der Pianist Mathias Rüegg (Archivbild)

Sängerin Lia Pale und der Pianist Mathias Rüegg (Archivbild)

Foto: Imago/K. Piles

Mathias Rüegg und Lia Pale mit verjazzten Kunstliedern im Bucerius Kunst Forum. Ein gelungenes Experiment.

Hamburg.  Ziemlich naheliegend ist sie schon, diese Idee: Klassische Kunstlieder nehmen und sie verjazzen. Die A-Liga der Komponisten hatte oft ein ­sicheres Händchen für gute Texter, und Schubert oder Brahms waren letztlich auch so etwas wie der George Gershwin oder der Burt Bacharach ihrer Zeit. Man muss sich eben nur die Mühe machen, die Werkkataloge nach lohnenden Originalen zu durchsuchen. Vor etlichen Jahren bereits hatte sich der Pianist Uri Caine mit Schumanns komplexen Gefühlswelten und Psychogramm-Miniaturen auseinandergesetzt und sie, sehr kunstvoll umgetopft, für sein Mini-Orchester ­arrangiert; Mathias ­Rüegg – Pianist und Gründer des Vienna Jazz Orchestra – und die Wiener Sängerin Lia Pale gingen es ­bei ihrer Würdigung etwas konventioneller an.

Klassische Songbook-Idee

Bei einem kleinen, feinen Konzert im Bucerius Kunst Forum, eingeladen vom Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF), stellten sie ihre Versionen vor, die sich an der klassischen Songbook-Idee orientierten und aus einer ganz anderen Stilrichtung auf den SHMF-Saison-Komponisten Schumann verwiesen. Also eher keine Verfremdungseffekte, sondern die sichere Nummer: eine smarte Stimme mit Barjazz-Flair, ein entspannt swingendes Begleittrio (hier um einige Sättigungsbeilagen des slovakischen Jazz-Geigers Stanislav Palúch erweitert), Strophen, Improvisation, Strophen. Mehr war nicht notwendig für einen netten Sommerabend.

Lässig ausgespielte Routine

Die Auswahl bot Standards auch aus den bekannteren Schumann-Liedzyklen „Dichterliebe“ und „Frauenliebe und -leben“ und neben einem Liederabend-Hit wie der „Widmung“ auch Raritäten wie „O Freund, mein Schirm, mein Schutz“. Doch die Notwendigkeit, eine Runde „Erkennen Sie die Melodie?“ nach der anderen zu spielen, blieb ohnehin aus. Pales Phrasierungskunst war sich selbst genug, gemeinsam mit Rüeggs lässig ausgespielter Routine und der Grundierung durch die Rhythmusgruppe bot sich die interessante Gelegenheit, klassischen Schumann zu hören, ohne ihn sofort als klassischen Schumann wiederzuerkennen. Dass diese Lieder, als Songs daherkommend, nach rund anderthalb Jahrhunderten noch so frisch und interessant wirken können, als seien sie eben nicht von vorvorvorgestern, das war die sympathischste Erkenntnis dieses gelungenen Experiments.