Hamburg

Wenn eine Frau tut, was sie will ist, ist Mann überfordert

Foto: Jesseca Salky / Jessica Sallky

Pulitzer-Preisträgerin Anne Tyler erzählt in ihrem neuen Roman eine zeitlose Geschichte. Humorvoll mit Blick aufs Detail.

Hamburg.  Über die Schlechtigkeit männlich dominierter Gesellschaften ist wieder ganz viel gesagt und geschrieben worden zuletzt. Die Pulitzer-Preis-Trägerin Anne Tyler veröffentlicht nun nahezu zeitgleich weltweit ihren neuen Roman, es ist ihr 22. – und „Launen der Zeit“ ist der entspannteste und lässigste Angang des ewig jungen Themas „weibliche Emanzipation“, den man sich denken kann. Andererseits ist die Lebensgeschichte der Willa Drake, die im reifen Alter von 60 Jahren zum ersten Mal in ihrem Leben das tut, wonach ihr der Sinn steht, dennoch ein demonstrativ an weiblichen Lebenswelten interessiertes Buch.

Ein Zuviel an aufgeschobener Lebensenergie

Willas Werden wird in diesem eigenwillig, aber konsequent konstruierten Roman in vier Abschnitten erzählt. 1967 ist sie ein junges Mädchen, das mit der Unverlässlichkeit ihrer Mutter konfrontiert wird. Man weiß in diesem Moment noch nicht, dass diese Mutter eine Form von Rebellion übt, die ihrer Tochter lange fremd bleiben wird. Im Gegenteil ist in der Unfähigkeit der Mutter, ihre Rolle anzunehmen, das spätere auf Harmonie und Verzicht angelegte Lebensmodell Willas angelegt. 1977 verlobt Willa sich mit ihrer ersten Liebe: Ihre eigene Karriere stellt sie zurück, um zwei Söhne zu bekommen. An dieser Stelle ist der Roman, der im Original „Clock Dance“ heißt, was nur schwer übersetzt werden kann und in der deutschsprachigen Ausgabe zu einem grandios behämmerten, nichtssagenden Titel führte, an dieser Stelle also ist „Launen der Zeit“ am meisten die Erzählung eines exemplarischen Schicksals.

1997: Willas Ehemann Derek stirbt selbst verschuldet bei einem Autounfall. Sein Tod macht sie zur Witwe, die ihr Leben neu ordnen muss. Sie ist jetzt nicht mehr die Frau, die sie zwei Jahrzehnte vorher war. Als sie damals Derek ihren Eltern vorstellte, machte sie eine überraschende Erfahrung: „Nur ihretwegen saßen diese drei Menschen beisammen; endlich war sie einmal das absolute Zentrum der Welt.“

Auf sich gestellt mit zwei heranwachsenden Söhnen, erwehrt Willa sich zunächst der Avancen des Mannes, der unschuldig am Unfalltod Dereks beteiligt war. Spätestens da merkt man, dass die Autorin Anne Tyler ihre Heldin besonders von deren Rolle an der Seite von Männern her denkt.

Dem Jahr 2017 ist der komplette zweite Teil gewidmet. In Baltimore ist Denise angeschossen worden, die ehemalige Lebenspartnerin von Sean, Willas Sohn. Eine Nachbarin, die vorübergehend auf Denises Tochter Cheryl aufpasst, informiert Willa einzig auf Grundlage der Tatsache, dass „Seans Mom“ noch als Nummer im Telefon eingespeichert ist. Und Willa, die alternde, in sicheren Verhältnissen lebende Dame, macht sich tatsächlich mit ihrem höchst irritierten zweiten Ehemann Peter aus ihrer gesicherten Upperclass-Existenz in Arizona auf den Weg an die Ostküste.

Dies ist eine Art Übersprungshandlung, die aus einem Zuviel an aufgestauter, stets aufgeschobener Lebensenergie resultiert; ein persönlicher Paradigmenwechsel, der zur Richtschnur eigenen Handels nicht mehr das Naheliegendste, das Erwartbare macht und besonders nicht das, was andere von einem verlangen. Der kleine Spannungsbogen, der sich aus der Frage ergibt, wer denn die kurz nach Willas Eintreffen in Baltimore auftretende Denise angeschossen hat, verblasst vor dem großen: Wie lange wird sie ihr Programm der Selbstfindung durch Selbstbestimmtheit im Angesicht des ehemännlichen Unverständnisses aufrechterhalten können?

Bemerkenswert leichthändig

Der bedauernswerte, vom plötzlichen Aufbruch seiner Frau überforderte Peter nimmt an dieser speziellen Egotour seiner Frau quasi als Übungsobjekt teil. Er repräsentiert das patriarchalische Prinzip, das aber in den Familienkonstellationen dieses Romans sowieso stets infrage steht.

Bemerkenswert leichthändig und mit besonderem Augenmerk auf die Dialoge berichtet Tyler von Willas Aufenthalt im Haushalt der Frau, die ihre Schwiegertochter hätte werden können, es aber nun mal nicht ist. Genauso wenig wie Cheryl Willas Enkelin ist: Wenn das Thema von „Launen der Zeit“ die Suche nach einem erfüllenden Leben ist, das Ergreifen einer zweiten Chance, dann ist Willa die Verkörperung der patenten Hausfrau und Mutter.

Man könnte spotten, dass Tyler nicht gerade subtil ist, was die Metaphorik angeht. So lernt Willa erst auf ihre reifen Tage, richtig Auto zu fahren. Dennoch kann nur dem- oder derjenigen diese Befreiung im Kleinen als betulich ausagierte Emanzipation vorkommen, der Willa als das nimmt, was sie nicht ist. Die junge Frau von heute entstammt einer anderen Generation. Sie hätte ihr Studium nicht für die Familie beendet. Willa indes bleibt nicht der berufliche Neuanfang, sondern die Flucht in eine Selbstlosigkeit, der sie sich vollkommen freiwillig überlässt.

„Launen der Zeit“ ist humorvoll erzählt, mit gutem Blick auch auf das Detail. Der Roman lebt von seinem warmherzigen und zärtlichen Blick auf die Figuren. Ein Mensch verlässt den Pfad seines Lebens, um noch einmal neu er selbst zu sein; das ist eine zeitlose Geschichte.