Hamburg

Tanzen zum Sixties-Sound – temporeich, bis das FBI kommt

Wer hoch hinauswill, trifft dort auf Flugbegleiterinnen:  Philipp Moschitz als Hochstapler in „Catch Me If You Can“

Wer hoch hinauswill, trifft dort auf Flugbegleiterinnen: Philipp Moschitz als Hochstapler in „Catch Me If You Can“

Foto: dpa picture alliance/rtn, Ulrike Blitzner

Die begnadete Hochstapler-Story „Catch Me If You Can“ feiert im Altonaer Theater eine umjubelte Premiere.

Hamburg.  Es geht also tatsächlich auch ohne Leonardo DiCaprio. Das wurde im Altonaer Theater nun eindrucksvoll bewiesen. Dort feierte „Catch Me If You Can“ am Wochen­ende als Musical-Version von Steven Spielbergs Kinostoff aus dem Jahr 2002 Premiere – heftig bejubelt vom Publikum.

Die Hollywood-Superstars DiCaprio und Tom Hanks waren auf der Leinwand die Protagonisten dieser turbulenten Gauner-Komödie, die auf wahren Tatsachen beruht. 2011 hatte eine musikalische Version des Stoffes um den Hochstapler Frank William
Abagnale Jr. Premiere am New Yorker Broadway, zwei Jahre später kam eine deutschsprachige Bearbeitung im Wiener Theater an der Josefstadt heraus. Und in diesem Jahr läuft „Catch Me If You Can“ als Sommerbespielung im Altonaer Theater. Mit guten Aussichten, ein Publikumsrenner zu werden, denn Regisseur Georg Münzel ist eine temporeiche Inszenierung gelungen.

Charisma bis in die letzte Reihe

„Catch Me If You Can“ steht und fällt mit dem Hauptdarsteller. Das wusste schon Spielberg, deshalb hatte er sich mit DiCaprio einen der herausragenden Akteure in Hollywood vor die Kamera geholt. Auch Münzel hat eine gute Hand bewiesen, denn Philipp Moschitz verfügt über das nötige Charisma und ein Selbstbewusstsein, das bis in die letzte Theaterreihe ausstrahlt.

Er spielt den Abagnale Jr. als einen Hallodri, der jeden und jede um den Finger wickelt. Abagnale ist ein Hochstapler. Gelernt hat er eigentlich nichts, aber mit spielerischer Leichtigkeit und seinem jungenhaften Charme verdingt er sich je nach Lage der Dinge als Pilot einer großen Fluglinie oder als Oberarzt in einem Krankenhaus, obwohl er kein Blut sehen kann. Die Frauen erobert er im Sturm, ernst wird es ihm aber erst mit Krankenschwester Brenda Strong (Carina Böhmer), die er heiraten will und der er sogar seine Betrügereien gesteht. Sie ist seine Achillesferse, die der FBI-Agent Carl Hanratty (Ilja Richter) ausnutzt, um ihn endlich zur Strecke zu bringen.

Mit Ilja Richter und Walter Plathe gehören zwei Alt-Stars aus der deutschen Film- und Fernsehunterhaltung zur Besetzung des Musicals. Mit viel Selbstironie spielt Ilja Richter den immer verzweifelter werdenden FBI-Agenten. Eins ums andere Mal entwischen ihm und seinen Assistenten (Philipp Spreen, Marwin Funck) der Trickbetrüger Abagnale. Dessen Vorbild ist sein Vater Frank Sr., den Walter Plathe als zauseligen Trickser spielt. Auch Vater Abagnale versucht, mit Schwindeleien für sich und seine attraktive französische Ehefrau Paula (Lillemor Spitzer) ein Leben in Wohlstand zu erreichen, doch er scheitert und endet als Säufer.

Sixties Musik bringt Schwung

Dramaturgisch geschickt erzählt Regisseur Münzel die Geschichte von Frank Abagnale Jr. als Show. Der notorische Betrüger darf sein Leben vor dem Publikum selbst in Songs und Geschichten ausbreiten. Zum Ende der Story möchte er Hanratty doch noch entwischen, doch die Handschellen klicken um seine Handgelenke und schließen Verfolger und Verfolgten endgültig zusammen. Tempo erhält die Inszenierung durch die Musik und die Songs, die Marc Shaimann für die Broadway-Produktion geschrieben hat. Das Stück spielt in den 60er-Jahren, dem Jahrzehnt von Beatmusik und Soul. Der Sixties-Sound und swingender Jazz werden von einer sechsköpfigen Liveband um Keyboarder und Bandleader Felix Mayerle gespielt, die hinter der Bühne sitzt und den nötigen Schwung in den Abend bringt.

Den haben auch die Sängerinnen und Tänzerinnen (Jacqueline Smit, Carina Böhmer, Nadja Wünsche, Alexan­dra Kurzeja und Fides Groot Lan­dewehr), wenn sie als Stewardessen oder Krankenschwestern in kurzen Kleidchen auf der Bühne steppen. Nach dem Frauenbild, das sie abgeben, fragt man allerdings besser nicht, etwa wenn sie singen „Ich mach alles, was der Arzt verordnet“.

Stimmige Inszenierung

Aber für Münzel sind die Tänze und Songs Teil eines „coolen Amerika“, wie er im Programmheft schreibt. Auch seinen Helden Frank Abagnale findet er cool, obwohl der seine eigene Wirklichkeit schafft und den Wahrheitsbegriff sehr flexibel auslegt. Abagnales Geschichte ist eher eine Köpenickiade, Vergleiche mit der aktuellen Realität drängen sich dennoch auf, in der „ein unreifer Egozentriker Oberbefehlshaber der US-Armee ist ... Auf den Agenten, der Donald Trump, aus dem Weg räumt, warten wir wohl leider vergeblich, und auch darauf, dass er plötzlich cool wird“, so Münzel.

In dieser Inszenierung stimmt alles: Mehr als zweieinhalb Stunden hält sie das Tempo, jeder im Ensemble kann singen, Volker Deutschmanns Kostümideen reichen von personifizierten Klebstofftuben über elegante Anzüge und kreuzbrave Stewardessen-Uniformen bis hin zu überspitzt-sexy Krankenschwesterkleidchen.

Vor einem Jahr hatte die Inszenierung bereits Premiere bei den Burgfestspielen in Jagsthausen (Baden-Württemberg). Auch das wirkt sich vorteilhaft aus. Das Ensemble und die Band sind zusammengewachsen. Man merkt den Sängern und Schauspielern an, welchen Spaß sie an dieser Geschichte haben. Diese Spielfreude überträgt sich aufs Publikum, das in Altona einen mitreißenden Theaterabend erlebt.

„Catch Me If You Can“ weitere Aufführungen bis zum 19.8., Altonaer Theater (S Altona), Museumstraße 17, Karten ab 36,- unter T. 39 90 58 70; www.altonaer-theater.de