Hamburg/Cuxhaven

Ahoi! Krabbenbrötchen werden wieder günstiger

Der Fischer Kevin Voss kocht die frisch gefangenen Krabben auf dem Krabbenkutter „Nixe II“ in der Nordsee direkt nach dem Fang

Der Fischer Kevin Voss kocht die frisch gefangenen Krabben auf dem Krabbenkutter „Nixe II“ in der Nordsee direkt nach dem Fang

Foto: dpa Picture-Alliance / Ingo Wagner / picture alliance / Ingo Wagner/d

Die Hauptfangzeit hat in diesem Jahr schon im Juni begonnen – deutlich früher als üblich. Volle Netze sorgen für niedrigere Preise.

Hamburg/Cuxhaven.  Ob an den St. Pauli Landungsbrücken oder an der Nordsee: Ein Krabbenbrötchen gehört hier dazu. Liebhaber des zarten Krabbenfleisches können sich jetzt freuen: Weil die Hauptfangsaison in diesem Jahr deutlich früher als üblich begonnen hat, dürften die Preise fallen.

„Normalerweise sorgt eine neue Krabben-Generation erst ab Spätsommer für volle Netze“, sagt Philipp Oberdörffer, Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft der Deutschen Krabbenfischer. In diesem Jahr sei der Bestand vor der niederländischen Küste bereits im Juni gestiegen. Das liege an den höheren Wassertemperaturen der vergangenen Wochen, die das Wachstum der Garnelen beschleunigt hätten, und daran, dass es weniger Wittlinge (dorschähnliche Fische) gibt.

Mancherorts schlagen sich Erzeugerpreise schon durch

Durch die hohen Fangmengen sanken die Erzeugerpreise von zuletzt acht Euro für ein Kilo Garnelen auf knapp 3,50 Euro. Die niedrigeren Preise kommen bei den Verbrauchern aber erst zeitversetzt an. So zahlen Kunden bei der Butjadinger Fischereigenossenschaft in Fedderwardersiel für ein Brötchen mit 100 Gramm Krabbenfleisch derzeit sechs Euro und damit 50 Cent weniger als vor zwei Wochen. Bei Daniel Wischer in Hamburg ist das Krabbenbrötchen aktuell schon für 4,60 Euro zu haben. In der Fischbrötchenbude „Brücke 10“ an den Landungsbrücken kostet es dagegen nach wie vor 11,50 Euro. Bevor man den Preis reduziere, wolle man abwarten, ob der Preis wirklich langfristig sinke, so ein Mitarbeiter.

Der Bestand der Nordseekrabbe – und damit auch ihr Preis – schwankt sehr stark. In den vergangenen zwei Jahren lagen die Fangmengen nach Angaben von Oberdörffer insgesamt 40 Prozent unter dem langjährigen Mittel. Das hatte zum Teil zu sehr hohen Preisen für die Verbraucher geführt. Bei Roland Teichmeier vom Fischmarkt-Bistro in Hamburg sucht man Krabbenbrötchen daher vergebens. „Krabben sind mir und meinen Kunden zu teuer“, sagt er. Zudem seien die Garnelen wichtige Bestandteile in der Nahrungskette der Fische, mit denen er sein Hauptgeschäft mache.

Erhöhte Wassertemperatur macht’s möglich

Ein Grund für den frühen Beginn der Fangsaison ist laut Experten neben der erhöhten Wassertemperatur auch der Rückgang der Wittlinge. „Der Fisch habe es auf Krabben abgesehen und in den letzten beiden Jahren große Bestände weggefressen“, sagt Dirk Sander, Krabbenfischer in vierter Generation. Dass es momentan offenbar weniger Wittlinge gäbe als sonst, könne an der gestiegenen Seehund-Population liegen. Mittlerweile gebe es in der Nordsee rund 35.000 dieser Tiere, früher seien es einmal weniger als 5000 gewesen. „Seehunde dezimieren Krabbenräuber. Sie sind also nicht unser Feind“, so der Krabbenfischer.

Die ersten Garnelen würden immer im Westen gefischt, sagt Sander. Nach dem Fangstart in den Niederlanden beginne nun die Saison weiter nördlich, zunächst vor der niedersächsischen Küste, anschließend vor Schleswig-Holstein und Dänemark. Dort leiden die Fischer noch unter den niedrigen Preisen, die von den hohen Fangmengen vor den Niederlanden bestimmt werden. Bis auch ihre Netze voll sind, müssen sie noch ein paar Wochen warten.

Ein Teil der Krabben wird vor Ort gepult

Das gilt auch für die Ostseekrabbe. Wie dort die Saison ausfällt, ist noch völlig unklar. „Wir kommen erst nächste Woche zusammen, um uns einen Überblick zu verschaffen“, sagt Ilona Schreiber, Geschäftsführerin der Fischereigenossenschaft Wismarbucht. Wie sich die Krabbenfischerei in der Nordsee bis zum Ende des Jahres entwickeln werde, könne niemand vorhersagen, betont Oberdörffer. Schon jetzt ­allerdings stehe fest, dass die letzte Hochpreisphase mit zwei Jahren ungewöhnlich lang gewesen sei.

Die Krabbenfischerei gilt als eine der ältesten Fischereitechniken in der Nordsee. Garnelen werden dort spätestens seit dem 17. Jahrhundert gefangen, erwerbsmäßig allerdings erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts, an der Westküste Schleswig-Holsteins. Erst im Zuge der Industrialisierung ermöglichten die Eisenbahn sowie neue Verfahren, die leicht verderblichen Krebstiere zu konservieren, die Vermarktung.

Krabbenfischer gehen mit ihren Kuttern im Wattenmeer und in den Küstengewässern auf Fang. 50 bis 150 Fangfahrten unternimmt ein Kutter pro Jahr. Bei der Tidenfischerei (um die Inseln herum) sind die Kutter zwölf bis 14 Stunden unterwegs, auf See bis zu 72 Stunden. Nach dem Einholen wird der Fang direkt an Bord verarbeitet. Die Krabben werden in Meerwasser gekocht und im Kühlraum gelagert. Nach spätestens 72 Stunden müssen sie an Land gebracht werden. Ein Teil der Krabben wird vor Ort gepult, ist damit an Frische kaum zu überbieten, aber wegen der höheren Lohnkosten auch teurer. Der überwiegende Teil der Ware geht zum Pulen nach Marokko oder Polen.