Hamburger Familien

Die Sillems – für einen Abend waren die Hamburger adlig

Sieben Sillems im Wohnzimmer in den Elbvororten: Stephan, Benjamin, Helga, Philippa, Edmund, Hannah und Martin Sillem (v.l.)

Sieben Sillems im Wohnzimmer in den Elbvororten: Stephan, Benjamin, Helga, Philippa, Edmund, Hannah und Martin Sillem (v.l.)

Foto: Klaus Bodig / HA

Hagenbeck, Sieveking, Petersen – diese Namen kennt fast jeder in der Stadt. Achter Teil der Serie über große hanseatische Traditionen.

Hamburg. Was unternimmt man nicht alles, um seine Heimatstadt vor dem Garaus zu bewahren! In Allianz mit einem hochrangigen Ratsherrn und zwei Oberalten reiste Hamburgs Bürgermeister Garlieb Sillem anno 1721 mit der Pferdekutsche für mehrere Monate nach Wien, um dort den römisch-deutschen Kaiser Karl VI. um Gnade zu bitten – in Demut, indes mit erhobenem Haupte. Fast ein Vierteljahr dauerten die Verhandlungen. Ein Fass frischer Heringe, viele Bouteillen mit vorzüglichem Sekt sowie ein stattlicher Batzen Goldtaler sollten die Gunst des Regenten fördern.

Umfassende Buße tat not. Die protestantischen Hanseaten hatten aus Sicht des Hofs Frevel begangen und in der Hansestadt das kaiserliche Gesandtschaftshaus inklusive katholischer Kapelle niedergerissen – aus Wut über die Katholiken. „Hamburg hätte verdient, von Grund auf vertilgt zu werden“, befanden die Vasallen des Kaisers. Bürgermeister Sillems meisterhafter Diplomatie – und nicht zuletzt der Naturalien – sei Dank wurde Gnade gewährt. Auch wenn ein Prinzip der Gäste dem Hofstaat in Austria skurril erschien. „Ein Hamburger lässt sich nicht adeln“, beschieden die Herren aus dem Norden und lehnten ein entsprechendes Angebot höflich ab. Da ausschließlich Blaublütige an des Kaisers Tafel Platz nehmen durften, wurde ein pragmatischer Kompromiss gefunden. Motto in etwa: ein Abend adlig. Und dann Schluss damit.

Diese und andere köstliche Episoden einer einmaligen Familiengeschichte sind in Unterlagen der Sillems enthalten. Nur wenige Dynastien unserer Stadt haben ihr Vermächtnis derart akkurat und aufwendig bewahrt. Es existieren Bücher, Stammbäume und eine für jedermann einsehbare, in vier Sprachen verfasste Internetseite: www.sillem-family.com.

Wappen dokumentiert Stellenwert der Familie

Und vor allem gibt es einen Erinnerungsschatz, der – im Gegensatz zur Wiener Mission vor drei Jahrhunderten – mit Geld nicht zu bezahlen ist. Edmund Sillem, an diesem Frühlingsabend der Neuzeit Hausherr in seiner Wohnung in den Elbvororten, wird das im Jahr 1583 geschaffene Glaswappen später hervorholen. Es dokumentiert den Stellenwert der Sillems als eine der ältesten, nach wie vor höchst lebendigen Sippen Hamburgs.

Die Laune auf dem Balkon ist prima, auch weil bei der Begrüßung eine höfliche Geste in die Tat umgesetzt wurde. „Wenn der Name nicht korrekt ausgesprochen wird“, hatte ein Freund der Familie zuvor augenzwinkernd geraten, „hat man schlechte Karten.“ Ebenso wie Amsinck wird Sillem mit scharfem „S“ betont. Eingesessene Hamburger wissen um diese Feinheiten.

Am Tisch neben dem 84-jährigen Edmund Sillem, einem ehemaligen Banksyndikus mit regem Geist und exzellentem Gedächtnis, sitzt Ehefrau Helga, eine Enkelin der ebenfalls namhaften Kaufmannstochter Sophie Hudtwalcker. Außerdem erschienen sind ihr Sohn Stephan, Betriebswirt und Bankkaufmann, sowie dessen Cousin Martin Sillem. Letzterer arbeitet als Direktor der Privatbank Donner & Reuschel mit Sitz am Ballindamm.

Die Sillems stellten zwei Bürgermeister

In Tradition seines Vaters Hans-Wolff Sillem kümmert sich der 59 Jahre alte Betriebswirt aus Eppendorf koordinierend um die Familienhistorie. Der 2005 erschienene Band „Die Sillems in Hamburg“ und ein Geschlechterbuch verweisen sehr präzise auf die Wurzeln. Das Werk ist gewürzt mit faszinierenden Kapiteln Hamburger Entwicklung. Es beinhaltet eine umfassende Sitten- und Wirtschaftsgeschichte der Hansestadt. In den vergangenen Jahrhunderten stellen die Sillems in ihrer Heimatstadt Hamburg unter anderem zwei Bürgermeister, neun Ratsherren und 15 Richter.

Alles begann, als die Brüder Jacob Selm und Heyn Sylm vor knapp einem halben Jahrtausend aus dem Kehdinger Land im heutigen Landkreis Stade in die Freie Reichs- und Hansestadt Hamburg zogen. Nach und nach entwickelte sich der Name Sillem. Als tüchtige Kaufleute begriffen beide rasch die Pfeiler eines erfolgreichen Werdegangs als Pfeffersäcke. Sie heirateten in ehrbare Ratsfamilien ein, fanden Anschluss an die gesellschaftliche Hautevolee, hielten sich eisern an Grundsätze merkantiler Ehrbarkeit. Während Heyn früh an der Pest starb, erreichte Jacob ein hohes Alter, die Würde eines Ratsherrn, Wohlstand und Einfluss.

Fortan nährten sich die Sillems redlich – in jeder Beziehung. Und sie vermehrten sich. So brachte Marie Louise Sillem 17 Kinder zur Welt, von denen jedoch acht starben. Als eine besonders profilierte Persönlichkeit erwies sich der Kaufmann und Bankier Hieronymus Sillem. Bereits als 19-Jähriger stand er dem Handelshaus Matthiessen & Sillem vor. Als Napoleons Truppen Hamburg besetzten, zog er mit Ehefrau und Töchtern via St. Petersburg nach Amsterdam. Sein Sohn Carl Sillem hielt mit Ehefrau Emma Hamburg die Treue und setzte die deutsche Familienlinie fort. Andere Sillems ließen sich in Großbritannien oder Argentinien nieder.

Familienzweige auch in den USA und Kanada

Heutzutage sind weltweit rund 150 Sillems bekannt, auch in den USA und Kanada. „Da es unseren Namen nur ein-mal gibt, sind alle Sillems irgendwie miteinander verwandt“, weiß Stephan Sillem. Gemeinsam mit seiner Frau Nicola hat er drei Kinder, zwei Mädchen und einen Jungen. Es handelt sich um die 15. Sillem-Generation in Hamburg. Aktuell wohnen zehn Sillems in unserer Stadt.

Kurze Atempause, garniert mit Blick ins Maigrün Othmarschens. Es gibt Apfelschorle und Gesprächsstoff satt. Dank des Internets pflegen die Sillems intensive Kontakte zu Verwandten nah und fern. Und es setzt sich die Erfahrung aus bisher vier Teilen der Hanseaten-Reihe fort: Wer Stil und eine imposante Familiengeschichte vorweist, braucht auf Humor keinesfalls zu verzichten. Am Balkontisch der Sillems wird laut und herz-haft gelacht.

„Wir verfügen über eine starke lokale Anbindung“, sagt Martin Sillem. „Dieser genetische Fußabdruck gibt Halt und Stabilität.“ Seine Tante Helga Sillem ergänzt: „Wir sind allesamt fest verankert im Hier und Jetzt.“ Ihr Ehemann Edmund Sillem meint: „Alte Familienwurzeln bescheren ein schönes Gefühl hanseatischer Bodenhaftung.“ Und beider Sohn Stephan Sillem wirft in die Runde: „Natürlich ist die Familiengeschichte nicht unser Verdienst.“ Man könne sich davon letztlich nichts kaufen, sondern müsse sich anstrengen. „Die Zukunft bestimmen wir selbst.“

Allgemeines Kopfnicken. Und da war doch noch was. Richtig. Edmund Sillem holt einen wahrhaftigen Schatz her-vor: das sillemsche Glaswappen, anno 1583 von Jacob Selm gestiftet – und bestens erhalten. Auf blauem Grund sind drei Kornähren abgebildet. Es ist Hamburger Historie zum Anfassen.

Wilhelm Sillem war der Paradiesvogel

Und weil es gerade so unterhaltsam und spannend ist, wird das Gespräch flugs verlängert. Anekdoten und Döntjes machen die Runde. Zum Beispiel vom Kaufmann Carl Sillem. Das Mitglied der Bürgerschaft zählte im Juli 1836 zu den Gründern des Hamburger und Germania Ruderclubs an der Alster, dem zweitältesten Ruderverein der Welt.

Fraglos darf Wilhelm Sillem nicht fehlen, ein Paradiesvogel, Pfeffersack, Verschwender und Lebemann erster Klasse. Als Visionär ließ er vor genau 175 Jahren die erste große Einkaufspassage Deutschlands errichten. 1843 war das, nach dem verheerenden Brand. Für 1,5 Millionen Mark, seinerzeit eine enorme Summe, baute Sillem zwischen Jungfernstieg und Königstraße (heute Poststraße) das Hotel de Russie sowie den angegliederten Sillem’s Bazar. Dort ist heute der Hamburger Hof zu Hause.

Der Prachtbau beinhaltete zwei glas-gedeckte Seitengänge mit etwa 30 Geschäften für Luxusliebhaber. „Wilhelm ging als unverbesserlicher Spekulant in unsere Familiengeschichte ein“, heißt es in der Chronik der Sillems. Auch wenn er als Unternehmer mit Zockerblut Unsummen einbüßte, blieb ihm ausreichend Restkapital, um sich später in seiner Wahlheimat Genf als „Vater der Armen“ einen Namen zu machen.

Auch das muss man erst einmal schaffen.

Teil 1 Familie de Chapeaurouge

Teil 2 Familie Petersen

Teil 3 Familie Hagenbeck

Teil 4 Familie Sieveking

Teil 5 – Familie Schües

Teil 6 Familie Baur

Teil 7 Familie von Jenisch

Nach einer Sommerpause geht’s weiter mit dem Teil 9: die Familie von Donner