Prozess der Woche

Häftling bedroht Vollzugsbeamte: neun Monate obendrauf

Der Angeklagte ist schnell mit Drohungen, wenn er seinen Willen nicht bekommt. Das brachte ihm eine Extrastrafe ein.

Hamburg. Der Mann scheint friedlich. Diesmal zumindest. Schon bevor Hasan T. (Name geändert) aus seiner Zelle in den Verhandlungssaal geführt wird, hat man versucht, die Stimmung des Häftlings auszuloten. Sie kann schnell umschlagen, das hat die Erfahrung beim Umgang mit dem 26-Jährigen gezeigt. Und deshalb sind vier Justizbeamte beordert, den eher kleinen, aber breiten und offenbar unbändigen Mann während seines Prozesse vor dem Amtsgericht im Auge zu behalten. Ist er umgänglich? Oder ist mit Randale zu rechnen? Dann ist schnelles Einschreiten gefordert.

Wohl niemand erwartet, dass Häftlinge sich im Gefängnis wohlfühlen. Der Verlust der Freiheit, die Enge und der Verzicht auf viele Annehmlichkeiten, die eine Haftstrafe mit sich bringen, werden als belastend empfunden, für manche sogar als quälend. Die meisten indes arrangieren sich irgendwie mit ihrer Zeit im Knast. Doch Hasan T., der eine dreieinhalbjährige Freiheitsstrafe absitzt, weil er unter anderem in einem Supermarkt Geld zu erbeuten versuchte und dabei eine Kassiererin mit einem Hammer verletzte, scheint das Anpassen an die Gegebenheiten schwerer zu fallen als vielen anderen. Die Anklage, die ihn erneut vor Gericht gebracht hat, listet diverse Vorfälle auf, bei denen der 26-Jährige andere verletzt, bedroht und beleidigt haben soll.

Vorwürfe bringen Angeklagten zum Schmunzeln

Unter anderem drohte der Hamburger in der Vollzugsanstalt Fuhlsbüttel laut Staatsanwaltschaft, er werde einer Frau die Kehle durchschneiden und ihre Kinder in die Luft sprengen. Und: „Ich schicke deinen Kopf deinen Verwandten.“ Einem Mitgefangenen soll er gesagt haben: „Ich werde dich demnächst aufschlitzen.“

Findet der 26-Jährige das amüsant? Freut er sich über so viel Kreativität an Scheußlichkeiten? Jedenfalls bringen ihn die Vorwürfe zum Schmunzeln. „Die Anklage stimmt so“, räumt der kräftige 26-Jährige, der einen sorgfältig gestutzten Bart zum rasierten Schädel trägt, lässig ein. „Ich lasse mir nichts gefallen.“ Er habe Knieschmerzen gehabt und eine Verlegung auf die Krankenstation verlangt. „Das hat man mir verweigert. Da habe ich die Beleidigungen ausgesprochen.“

Ein Zeuge schildert, dass Hasan T. versucht habe, sich zu strangulieren. „Wir mussten ihn runter schneiden.“ Als er dann in einen besonders gesicherten Haftraum gebracht wurde, habe es „mehrere Spuckattacken“ gegeben, erzählt der Justizbeamte. Bei einer anderen Gelegenheit habe der Angeklagte ihn verletzt. „Ich wollte die Tür zu seinem Haftraum schließen, er trat sie zu. Und ich hatte den Finger dazwischen.“ „Ich habe auch gesagt, ich würde ihm in den Kopf schießen“, ergänzt der Angeklagte mit einem Lächeln. „Ich habe das gesagt, weil ich sauer war. Aber ich meinte das nicht ernst.“

Einen weiteren Zwischenfall gab es, nachdem der 26-Jährige offenbar eine Rasierklinge geschluckt hatte und zum Röntgen ins Krankenhaus gebracht werden sollte. „Er drohte, uns umzubringen“, schildert der Zeuge. „Er wolle uns in den Kopf schießen oder jemanden zu Tode quälen. Dabei wirkte er amüsiert.“ Dass er eine Klinge im Magen hatte, sei ihm „scheißegal“, hat Hasan T. demnach gesagt. „Ich hatte die Klinge geschluckt, weil ich keine Lust mehr habe, im Gefängnis zu sein“, erklärt der Angeklagte, der noch sechs Monate absitzen müsste. „Aber eine Rasierklinge im Bauch ist richtig gefährlich“, warnt der Vorsitzende. Der Mahnung verhallt bei Hasan T.: „Ist mir doch egal, wie ich sterbe.“

Leichte Intelligenzminderung beim IQ von 70

Eine Zeugin aus dem Justizdienst berichtet, der Angeklagte habe „zwar umgänglich“ sein können. „Aber er ist oft bedrohlich aufgetreten. Fremd- und Eigengefährdung erschien möglich.“ Dann gebe es als „letztes Mittel“ die Fesselung eines Gefangenen. „Die wird alle zwei Stunden überprüft.“ Dabei habe Hasan T. „sinngemäß gesagt, er werde mir den Kopf abreißen und den Löwen zum Fraß vorwerfen. Das ist eine unschöne Geschichte.“

Offenbar hat es bei Hasan T. Methode, seine Ziele quasi mit der Brechstange erreichen zu wollen. Eine psychiatrische Sachverständige erklärt, der Angeklagte habe bei einem Intelligenzquotienten von 70 eine leichte Intelligenzminderung, zudem sieht sie bei ihm „asoziale Anteile der Persönlichkeit“ und eine „Unfähigkeit, aus Strafen zu lernen“. Suizidversuche wie das Schlucken von Klingen unternehme er, „um Dinge zu erreichen“. Neun Monate Haft lautet das Urteil des Amtsgerichts für Hasan T. Seinem Anliegen, möglichst bald aus dem Gefängnis zu kommen, ist er mit seinem Verhalten wahrlich nicht nähergekommen – im Gegenteil.

Abendblatt-Redakteurin Bettina Mittelacher

Abendblatt-Redakteurin Bettina Mittelacher

Foto: Andreas Laible / Hamburger Abendblatt