Hamburg

Rettungsplan für die Speicherstadt gefährdet Barkassen

Blick vom Magdeburger Hafen auf die Speicherstadt in Hamburg, Im Vordergrund: eine der rund 100 Hamburger Rundfahrt-Barkassen

Blick vom Magdeburger Hafen auf die Speicherstadt in Hamburg, Im Vordergrund: eine der rund 100 Hamburger Rundfahrt-Barkassen

Foto: dpa Picture-Alliance / Christian Ohde / picture alliance

Hamburg investiert 190 Millionen Euro in die Sanierung der Kaimauern. Betriebe sind „entsetzt“ und fürchten Einschränkungen.

Hamburg.  Die Gefahr lauert unter Wasser: Weil die Differenz zwischen Hoch- und Niedrigwasser in den vergangenen Jahrzehnten in Hamburg immer größer geworden ist, sind die Kaimauern und damit auch die unmittelbar daran gebauten historischen Gebäude in der Hamburger Speicherstadt langfristig in ihrer Standsicherheit gefährdet.

Erste Schäden in dem 2015 zum Weltkulturerbe erklärten und mehr als 100 Jahre alten Komplex wurden bereits vor Jahren beobachtet. Seit 2016 befasst sich eine eigene Projektgruppe unter Federführung der Finanzbehörde mit möglichen Sanierungsvarianten. Am gestrigen Donnerstag nun stellte Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) das Konzept und die gewählten Methoden dazu vor.

Weltkulturerbe für die nächsten 50 bis 80 Jahre sichern

Insgesamt rund 190 Millionen Euro werde Hamburg dazu in den nächsten Jahren investieren – bis zu 90 Millionen für 2,6 Kilometer in der inneren Speicherstadt und noch einmal 100 Millionen auf einer Länge von 1,65 Kilometern am südlichen Ufer des Zollkanals, der an die Innenstadt angrenzt. „Bisher gab es nur punktuelle Ausbesserungen, jetzt planen wir eine nachhaltige Sanierung – für uns eine historische Verpflichtung“, so Dressel. Eine akute Gefährdung der Speicher gebe es aber nicht. Dressel: „Wir wollen das Welterbe aber jetzt für die nächsten 50 bis 80 Jahre sichern.“

Im Prinzip wird für die Sanierung die Sohle der Fleete in der Speicherstadt in den nächsten Jahren um bis zu einen Meter aufgeschüttet, um die alten Holzpfähle unterhalb der Kaimauern zu schützen. Zusätzlich sollen sie durch neue „Schräganker“ gesichert werden.

Das Problem: Der sogenannte Tidenhub in der Elbe hat sich um 1,70 Meter vergrößert – wofür Fachleute unter anderem neue Deiche, aber auch Fahrrinnenvertiefungen verantwortlich machen. Gefährlich wurde dabei vor allem das Niedrigwasser, das eben niedriger als früher ist. Damit fehlt den Gründungspfählen unter den Kaimauern aber eine Art Gegengewicht zum Landdruck, sodass sie sich biegen können. Mit der Aufschüttung soll dieses Gegengewicht nun wiederhergestellt werden. Das aber dürfte Folgen für die Barkassenschifffahrt haben, für die Speicherstadt-Rundfahrten ein wesentlicher Teil des Geschäfts sind.

Barkassen haben künftig zwei Stunden am Tag weniger

Nach Darstellung der Behörden können Barkassen tidebedingt rund sieben Stunden am Tag durch die Speicherstadt fahren. Bei Hochwasser sind die Brückendurchfahrten zu niedrig, bei Niedrigwasser wird es dort zu flach. Künftig würden die Barkassen zwei Stunden weniger zur Verfügung haben. „Barkassen gehören genauso zur Speicherstadt wie die Kaimauern – aber es geht nicht ohne Einschränkungen“, sagte der Finanzsenator.

Die Barkassenbetreiber zeigten sich dennoch „entsetzt“, wie ihr Vertreter Gregor Mogi dem Abendblatt sagte. In der Praxis könne man nur etwa vier Stunden am Tag tatsächlich mit Fahrgästen durch die Speicherstadt fahren: „Denn welcher Tourist fährt schon acht Uhr morgens?“, fragte er. Wenn jetzt nur noch ein Zeitfenster von zwei Stunden bleibe, sei das für die Betriebe ein Katastrophe, sagte Mogi. Die Stadt müsse sich daher jetzt auch an den Kosten für Umbauten bei den Barkassen beteiligen, um eine längere Befahrbarkeit zu ermöglichen. Zudem sollte sichergestellt sein, dass bei möglichen Versandungen in den Fleeten Geld für Baggerarbeiten bereitstehe.

Insgesamt hatten mehrere beauftragte Ingenieurbüros 20 verschiedene Verfahren zur Sanierung geprüft, sagte am Donnerstag Thomas Schuster, Geschäftsführer des zur Finanzbehörde gehörenden Landesbetriebs Immobilienmanagement und Grundvermögen, der die Kaimauersanierung koordinieren soll.

2019 soll die Sanierung beginnen

Dabei habe man verschiedene Forderungen kombinieren müssen: So sei es nicht nur darum gegangen, die Kaimauern technisch zu sichern, auch die Anforderungen von Barkassen und Denkmalschutz habe man berücksichtigen müssen: „Einfach eine Spundwand vor die historischen Mauern zu setzen geht da nicht.“

Nach dem aktuellen Zeitplan soll nun 2019 mit der Sanierung begonnen werden. 2024 sollen die Arbeiten in der Speicherstadt abgeschlossen sein, vier Jahre später auch am Zollkanal, wo derzeit wegen eines akuten Schadens bereits eine Maßnahme vorgezogen wurde. Auch außerhalb der Speicherstadt sollen Kaimauerschäden am Hans-Leip-Ufer in Teufelsbrück und an der Elbpromenade in Neumühlen sowie am Steendiekkanal in Finkenwerder jetzt behoben werden.

Der FDP in der Hamburgischen Bürgerschaft aber reicht das nicht. Dem Senat fehle nach wie vor ein „umfassendes Konzept für die Instandsetzung von allen Hamburger Kaimauern“, kritisiert ihr hafenpolitischer Sprecher Michael Kruse. Hier müsse der Senat nun „nachliefern“.