Hamburg

Ein bisschen Umwelt retten mit Tellern aus Pflanzenresten

Eduardo Gordillo, Chef des Start-up Bio-Lutions. Die Hamburger Firma entwickelt Verpackungsmaterial aus Pflanzenresten

Eduardo Gordillo, Chef des Start-up Bio-Lutions. Die Hamburger Firma entwickelt Verpackungsmaterial aus Pflanzenresten

Foto: Marcelo Hernandez

Hamburger Firma Bio-Lutions entwickelt umweltschonende Verpackungen und Einweggeschirr aus Blättern und Stämmen.

Hamburg.  Die ersten WM-Vorrundenspiele der kolumbianischen Fußball-Nationalmannschaft hat Eduardo Gordillo in Indien verfolgt. Dort war der Südamerikaner, der seit mehr als 20 Jahren in Deutschland lebt, um den Start der Produktion vorzubereiten. Noch in diesem Monat will die Hamburger Bio-Lutions International AG dort mit der Herstellung biologisch abbaubarer Verpackungen und von Einweg­geschirr aus Pflanzenfasern beginnen. Gordillo hat das Unternehmen mit Sitz an der Dorotheenstraße in Winterhude 2015 gegründet und ist Vorstandschef der AG, drei Mitgründer sind ebenfalls in der Firma tätig.

„Indien stirbt im Plastikmüll, in einigen Regionen des Landes sind Verpackungen aus Plastik deshalb bereits verboten“, sagt der Architekt und Indus­trie-Designer, der 1997 von Kolumbien nach Deutschland auswanderte. 2005 gründete er ein Unternehmen, das auch mit Plastikprodukten arbeitet. Die Upgrading GmbH entwickelt Warenträgersysteme, sogenannte Displays, in denen Unternehmen wie BAT, Pelikan oder die Hamburger Modeschmuck-Kette Bijou Brigitte ihre Produkte in den Geschäften präsentieren. Produziert werden die Displays in China. Aus Holz, aus Metall, aus Faserplatten – und „ja, auch aus Plastik“, sagt Gordillo. „Aber es sind keine Einwegprodukte, und das mit dem Plastik wollen wir jetzt ja anders machen.“

Verfahren wurde mit Wissenschaftlern entwickelt

Die Idee, eine ökologisch gute und ökonomisch tragfähige Alternative zu Einwegplastik zu entwickeln, hatte der heute 51-Jährige, der zu knappen Aufzählungen neigt, vor sechs Jahren. „Ich habe damals gerade ein mega-ökologisches Haus für die Familie gebaut und mich viel mit Fragen der Ökologie beschäftigt, meine Tochter wurde geboren und ich bin auf die Umweltprobleme aufmerksam geworden, die durch Plastikmüll weltweit verursacht werden. Ich dachte mir, man muss versuchen, etwas dagegen zu tun.“

Doch sollte nicht nur das neue Verpackungsmaterial selbst umweltschonend sein, sondern auch die Herstellung. Pappe, für die Zellulose mit hohem Aufwand an Energie, Wasser und Chemie gewonnen werden muss, kam nicht infrage. „Die Herausforderung war, nicht Zellulose zu extrahieren, sondern Fasern zu konvertieren.“ Also: verändern, statt neu gewinnen. Die Lösung lautet: Pflanzenreste aus der Landwirtschaft, für die es keine andere Verwendung gibt. „Die Agrarreste werden nur mechanisch, ohne Chemikalien und bei fast null Wasserverbrauch zu selbst bindenden Fasern umgewandelt.“

Das Verfahren, aus Agrarresten ein Material herzustellen, das Plastik in vielen Einwegverpackungen ersetzen kann, wurde gemeinsam mit Wissenschaftlern entwickelt und ist weltweit patentiert. In Indien werden nun in wenigen Wochen aus Bananenstämmen, Zuckerrohr- und Areca-Palmenblättern zunächst Einweggeschirr, Obst- und Gemüseverpackungen und sogenannte Nierenschälchen für Kliniken und Arztpraxen hergestellt. „Unsere Produkte zersetzen sich genauso wie in der Natur, weil sie Natur sind. In industriellen Kompost- und Biogasanlagen dauert das drei Monate, auf einem Komposthaufen maximal sechs Monate“, sagt Gordillo. Und wenn eine indische Kuh einen an den Straßenrand geworfenen Teller frisst, sei es auch nicht schlimm.

Zum Jahresende im Handel

In Deutschland werden die ersten Öko-Einwegteller aus indischer Produktion voraussichtlich zum Jahresende im Handel sein – und nicht teurer als solche aus Plastik. Auch, weil für sie keine Gebühr an das Duale System fällig wird. Dass seine Pflanzenfaserprodukte nicht teurer sein dürfen als Plastik ist für Gordillo ein eherner Grundsatz. Er weiß: Sonst wird er kaum Abnehmer dafür finden. Der Handel sei zwar offen für Öko-Verpackungen, „aus Marketinggründen, weil die Kunden das wollen, vielleicht auch aus Überzeugung“, aber die knappen Handelsspannen wolle er sich durch kostspieligere Verpackungen nicht reduzieren lassen. Gordillo ist überzeugt: „Es kann nur funktionieren, wenn Ökologie und Ökonomie zusammenpassen.“

Erste Interessenten aus Deutschland gibt es bereits. „Bio-Lutions wird 2019 in Deutschland Tomatenverpackungen produzieren, die zu 100 Prozent aus Tomatenpflanzen bestehen. Wir nennen das Re-Packing“, sagt Gordillo. Auch mit großen Konsumgüterherstellern sei das Unternehmen bereits im Gespräch.

Die politischen Rahmenbedingungen sind günstig für das Hamburger Unternehmen. So hat die EU angekündigt, Plastik-Einweggeschirr von 2022 an zu verbieten. In Deutschland tritt Anfang 2019 eine neue Verpackungsverordnung in Kraft. Der Einsatz der Materialien wird strenger überwacht und muss zuvor von einer zentralen Stelle lizenziert werden. Die Recyclingabgaben für schlecht wiederverwertbare Plastikverpackungen werden absehbar steigen. Gegenüber Mitbewerbern, die auch an Alternativen zum Kunststoff arbeiten, sieht der Gründer Bio-Lutions im Vorteil. „Wir haben den geringsten CO2-Fußabdruck, wir setzen keine Chemikalien und Bindemittel ein und wir haben den besten Preis“, zählt Gordillo knapp die Gründe auf.

Expansion geplant

Er plant bereits die Expansion. Im April oder Mai nächsten Jahres soll eine Produktionsstätte nordöstlich von Berlin in Betrieb gehen, von Thailand aus könnte ebenfalls schon 2019 der südostasiatische Markt beliefert werden. Bislang seien drei bis vier Millionen Euro in das Unternehmen und die Produktentwicklung geflossen. Derzeit läuft eine Finanzierungsrunde für den nächsten Expansionsschritt. Das Ziel ist, neun Millionen Euro von Investoren einzusammeln. „Es läuft gut“, sagt Gordillo über seine Gespräche mit potenziellen Geldgebern. Sein langfristiges Ziel lautet: „In zehn Jahren wollen wir in 40 Ländern produzieren.“

Derweil wird das Herstellungsverfahren weiterentwickelt. „Wir können schon vieles, aber wir können noch nicht alles.“ Für die Herstellung von Einweggabeln und -messern etwa reicht die Härte des Materials noch nicht aus. 3-D-Druck mit biologisch abbaubaren Fasern aus Pflanzenresten ist ein anderes Thema. „Das ist noch Zukunftsmusik“, sagt der Fan der Cafeteros, „aber wir arbeiten dran.“