Plastik und Co.

Wie Kea am Hamburger Elbstrand gegen den Müll kämpft

Kea Hinsch und ihre Helfer haben den eingesammelten Müll an den „Alten Schweden“ am Elbstrand aufgehängt – als Mahnmal

Kea Hinsch und ihre Helfer haben den eingesammelten Müll an den „Alten Schweden“ am Elbstrand aufgehängt – als Mahnmal

Foto: Klaus Bodig / HA

19-Jährige sammelt auf einer 1000 Kilometer langen Tour Unrat an den Küsten. In Övelgönne hat sie besonders viel gefunden.

Hamburg.  Sie ist braun gebrannt, hat fröhliche Kulleraugen und grünes Haar. Trüge sie einen Fischschwanz statt schwarzen Shorts, wäre die Inszenierung perfekt: Dann wäre jemandem eine hübsche Nixe ins Netz gegangen – mit ganz viel Müll als Beifang.

Mit diesem Bild macht Kea Hinsch (19) seit Wochen an der Nord- und Ostseeküste auf sich und ihre Mission aufmerksam. Seit Anfang Juni ist die junge Frau mit ihrem Fahrrad unterwegs, um Müll zu sammeln und ihre Beute anschließend zu präsentieren – als Mahnung. „Ich will zeigen, was Menschen alles an den Stränden hinterlassen – und was ins Meer gelangen und dort großen Schaden anrichten kann“, sagt Kea Hinsch, die gerade beim BUND ihr Bundesfreiwilligenjahr absolviert. In Zingst auf dem Darß hatte sie ihre erste Müllsammelaktion.

Plastikflaschen, Bierfässer und Dosen

Auch in Hamburg haben ihr am Wochenende Freiwillige geholfen und am Elbstrand Müll gesammelt – um zu zeigen, wie viel Abfall allein an diesem kleinen Strandabschnitt anfällt.

Plastikflaschen, Bierfässer und Getränkedosen, aufgerissene Grillwurstverpackungen, Plastikbecher, Pappteller und Chipstüten, Zigarettenschachteln, Coffee-to-go-Becher und ein kompletter Grill – was alles innerhalb von zwei Stunden zwischen dem Museumshafen Oevelgönne und dem Sand geklaubt wurde, schockiert Kea. „So viel Partymüll wie hier ist noch nirgendwo zusammengekommen“, sagt sie. „Es ist mir unbegreiflich, warum die Menschen einen Ort zumüllen, an den sie doch kommen, weil er so schön ist.“ Zumal es aus reiner Bequemlichkeit passiere. „Sie könnten den Müll ja auch vermeiden oder ihn zumindest entsorgen.“

Doch Kea befreit die Strände nicht nur der Ordnung halber von Müll. Sie will verhindern, dass dieser durch Regen oder Wind in Elbe und Meer gelangt. „70 Prozent des Meeresmülls kommt vom Land“, weiß sie. Im Wasser zersetze er sich im Laufe der Jahre zu kleinsten Partikeln und werde dadurch immer gefährlicher. „Je kleiner die Plastikstücke, desto mehr Tiere nehmen sie als vermeintliche Nahrung auf“, betont Kea. „Außerdem wirkt Mikroplastik durch seine Oberflächenstruktur wie ein Magnet für Gift - und Schadstoffe.“

Rund 1000 Kilometer wird Kea am Ende zurückgelegt haben

Nach Angaben des Naturschutzbunds BUND gelangen jährlich etwa zehn Millionen Tonnen Plastikmüll vom Land in die Flüsse und Meere – dazu zählen die in Kosmetika enthaltende Mikropartikel sowie der Abrieb von Autoreifen und synthetischer Kleidung. Im Meer kommen verloren gegangene Fischernetze oder Netzteile dazu (auf Föhr hat Kea davon besonders viel gefunden), außerdem Müll, der von Schiffen unrechtmäßig entsorgt wird.

Wie sehr die Folgen der Wegwerfgesellschaft das Meer belasten, zeigen Untersuchungen. Angaben des Bundesumweltministeriums zufolge liegen auf 100 Metern Nordseestrand knapp 400 Müllteile, auf 100 Metern Ostseestrand 70. Bei mehr als 70 Prozent des Mülls handelt es sich um Plastik. Allein in der Nordsee werden rund 600.000 Kubikmeter Abfall vermutet. Und einer Studie des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung zufolge hat jeder fünfte Ostseefisch Mikroplastik im Magen. Ein „runder Tisch Meeresmüll“, an dem neben Bund und Ländern auch Fischereiindustrie, Schifffahrt und die Zivil­gesellschaft teilnehmen, beschäftigt sich seit 2016 mit dem Thema.

Kea nahm ihren Kampf gegen den Meeresmüll auf, nachdem ihr eine Freundin von einem verdreckten Strand auf Rügen berichtet hatte. „Ich habe mir überlegt, was ich persönlich dagegen tun könnte“, sagt Kea, die sich seit dem 13. Lebensjahr beim BUND und bei Greenpeace für den Umweltschutz engagiert. Sie hatte verschiedene Ideen: Bei jedem Spaziergang fünf Teile Müll aufsammeln; nach jedem Sonnenbad ums Strandtuch herum den Abfall aus dem Sand sammeln; oder vielleicht eine „Tour de Müll“ an der Küste entlang? Beim BUND rannte sie mit ihrer Idee offene Türen ein – ebenso wie bei der Deutschen Postcode Lotterie, die Keas Tour mit 20.000 Euro finanzierte.

Am Övelgönner Elbstrand halfen nicht nur BUND-Mitglieder, sondern auch Sonnenanbeter und Spaziergänger beim Müllsammeln. „Wir ärgern uns jeden Tag über den vielen Dreck“, sagen Helga El Gaali und ihre Schwester, die nach jedem Strandbesuch den Müll anderer sammeln und mitnehmen. Wenn Kea am 10. Juli nach Bremen zurückkommt, wird sie rund 1000 Kilometer geradelt sein. Unzählige Male wird sie sich gebückt haben, um Müll aufzuheben. „Mittlerweile“, sagt sie, „ist das für mich wie Meditation.“ Eine nachhaltige.