Hamburg

Technikexperte: "Uns Deutschen fehlt die Aggressivität"

 NXP-Chef Rüdiger Stroh

NXP-Chef Rüdiger Stroh

Foto: Marcelo Hernandez

Rüdiger Stroh vom Chiphersteller NXP über die Chancen neuer Technik, Programmieren in der Schule und das Leben im Silicon Valley.

Hamburg.  Der Halbleiterhersteller NXP aus Lokstedt zählt zu den sogenannten Hidden Champions, zu den heimlichen Weltmarktführern. Die frühere Philips-Tochter entwickelt und produziert in der Hansestadt Sicherheitschips unter anderem für Autos, Bankkarten oder Personalausweise. Rüdiger Stroh, der in Hamburg und dem Silicon Valley lebt, ist Chef von NXP Deutschland und konzernweit verantwortlich für den Geschäftsbereich Security & Connectivity.

Herr Stroh, wie würden Sie zum Beispiel Ihrem Friseur erklären, was NXP macht?

Rüdiger Stroh: Das ist tatsächlich gar nicht so einfach. Aber man kann es so sagen: Wir entwickeln sehr kleine Dinge, die sehr große Wirkung in unserem Leben haben – und die unser Leben besser und einfacher machen. Die Chips im Personalausweis kommen von uns. Wir sorgen dafür, dass man mit dem Smartphone bezahlen und das Auto aufschließen kann. Und die Technik für das mobile Bezahlen ist hier in Hamburg entwickelt worden.

Dennoch kennt kaum ein Hamburger dieses Unternehmen ...

Ich sage immer: Wir sind das bestgehütete Geheimnis in Hamburg. Aber in den USA und in China, bei Kunden wie etwa Tencent, dem größten chinesischen Internet-Unternehmen, oder anderen namhaften Anbietern ist das nicht so. Ich selbst bin zumindest bei den Hamburger Taxifahrern sehr gut bekannt. Von denen bekomme ich immer zu hören: Sie sind der Einzige, der mit dem Smartphone bezahlen will.

Was ist aus Ihrer Sicht das „nächste große Ding“ in Ihrer Branche?

Die Künstliche Intelligenz ist das Thema Nummer Eins in der Informationstechnologie. Da ist NXP gut unterwegs und gehört zu den drei führenden Chip-Entwicklern auf diesem Gebiet. Zwar sind die Konzepte für lernende Maschinen schon seit langer Zeit bekannt. Aber erst jetzt ist die Leistung der Rechner so gut, dass wir die Theorien in die Praxis umsetzen können. Und in den nächsten Jahren wird sich die Verarbeitungskapazität der Computer noch um den Faktor 10 oder 20 steigern.

Was genau bringt uns die Künstliche Intelligenz? Dass virtuelle Assistenten wie etwa Alexa künftig besser verstehen, was wir möchten?

Zunächst geht es eher um industrielle Anwendungen. Wenn wir einem Computer zum Beispiel beibringen, MRT- oder Röntgenbilder zu interpretieren, kann er nach einer gewissen Zeit Tumore treffsicherer erkennen als ein Arzt. Wir werden aufgrund von Gesundheitsdaten künftig Krankheiten früher erkennen können. Eine weitere Anwendung ist die Echtzeit-Übersetzung von Sprachen. In China ist man da schon sehr weit. Zumindest im Labor versteht ein Smartphone sogar mein Mosel-Saarland-Bayern-Dialektmischmasch.

Die großen Technologiekonzerne sitzen in den USA und in China. Wird Europa, wird Deutschland, bei solchen Entwicklungen mithalten können?

Vor allem müssen wir das wirklich wollen – und das sehe ich eben nicht. Die Europäische Union hat gerade beschlossen, ihr entsprechendes Forschungsprogramm um 1,5 Milliarden Euro aufzustocken. Das ist gut, aber zu wenig. China legt gerade den zweiten Förderfonds in Höhe von umgerechnet 41 Milliarden Euro auf. Wir müssen uns überlegen, wo wir in 20 oder 25 Jahren stehen wollen.

Fehlen uns in Europa auch die Experten mit der passenden Ausbildung?

Es gibt hier genauso kluge Köpfe wie in anderen Teilen der Welt. Gerade in Deutschland haben wir gute Ingenieure. Aber wir sind es gewöhnt, etwas länger über neue Dinge nachzudenken. Uns fehlt die Aggressivität amerikanischer Unternehmen oder der Chinesen, die sich klar vorgenommen haben, auf diesem Feld die weltweite Nummer eins zu werden. Viel Zeit bleibt uns jedenfalls nicht mehr, wenn wir vorne mit dabei sein wollen. Ich bin überzeugt davon, dass die nächsten fünf Jahre in der Informationstechnologie spannender sein werden als die zurückliegenden 20 oder 30 Jahre.

Erkennt man das auch in der Politik?

Da habe ich meine Zweifel. Kürzlich habe ich in Berlin mit einem Ministerialbeamten gesprochen. Er war überzeugt, sein altes Nokia-Handy könne alles, was er benötige, ein Smartphone brauche er nicht. Wie soll so jemand verstehen, worum es hier geht?

Was muss konkret geschehen, damit Deutschland in der Informationstechnologie im internationalen Vergleich nicht noch weiter zurückfällt?

In den USA und in China werden junge Menschen viel früher gezielt dafür ausgebildet. Das beginnt bereits in den Schulen. Schon Erstklässler lernen, kleine Lernroboter zu programmieren, Programmiersprache zu verwenden und einfache Anwendungen wie etwa Spiele zu entwickeln. Das steigert das digitale und technische Verständnis der Kinder und vermittelt ihnen Schlüsselkompetenzen für eine aktive und gestaltende Teilnahme in einer modernen Gesellschaft.

Man sollte seinem Kind also das iPad nicht wegnehmen?

Nein, warum denn? Es gibt tolle Lernprogramme. Außerdem erinnere ich mich gut an meine eigene Schulzeit: Als wir in der achten Klasse erstmals einen Taschenrechner benutzen durften, der außer den Grundrechenarten gerade einmal Prozentrechnung beherrschte, befürchteten unsere Eltern, wir würden die dümmste Generation aller Zeiten.

Haben Sie Verständnis für das Bemühen der europäischen Regierungen, die Daten der Bürger zu schützen?

Ja, das kann ich nachvollziehen. Dass aber alle Regeln immer im europaweiten Konsens entschieden werden müssen, macht uns im internationalen Vergleich langsam. Dabei sind allein in den zurückliegenden zwölf Monaten auf der Welt mehr Daten erzeugt worden als zuvor in der gesamten Geschichte der Menschheit.

Wie stehen Sie zu den Bedenken der Deutschen im Hinblick auf die Sicherheit des mobilen Bezahlens?

Aus meiner Sicht ist gerade das die sicherste Bezahlmethode. Natürlich kann ein Smartphone verloren gehen oder gestohlen werden. Aber es gibt Statistiken, wonach man erst nach sieben Tagen merkt, dass die Kreditkarte weg ist. Das Fehlen des Telefons fällt dagegen schon nach 15 Minuten auf. Ich sehe Risiken an anderer Stelle: Mittels der Künstlichen Intelligenz kann man Rechner trainieren, sicherheitskritische Computernetze, etwa die von Stromversorgern, noch wirkungsvoller anzugreifen als heute. Sie wären überrascht, wie häufig das heute schon vorkommt. Wir müssen also stärker als bisher in die Sicherheit dieser Systeme investieren. Auch NXP ist immer wieder das Ziel solcher Angriffe. Dennoch bin ich überzeugt, dass uns die neue Technologie insgesamt mehr Gutes als Schlechtes bringt.

Sie erwähnen häufig Vorzüge der chinesischen Wirtschaft. Aber taugt China wirklich als Vorbild für uns?

Wenn Sie die Politik ansprechen, ist dort natürlich nicht alles schön. In Europa ist vieles besser. Aber ich beobachte, dass inzwischen sehr qualifizierte Menschen aus dem Silicon Valley nach China abwandern und dort arbeiten.

Sie selbst leben im Silicon Valley und in Hamburg. Welches sind die jeweiligen Vorzüge und Nachteile?

Im Silicon Valley herrscht eine andere Energie. Wahrscheinlich sorgt schon der viele Sonnenschein dafür, dass die Menschen besser gelaunt sind. Andererseits sitzt man große Teile des Tages in klimatisierten Räumen. Und wer abends essen geht, wird nach dem letzten Bissen gleich gefragt, ob er die Rechnung möchte. In Hamburg genieße ich es im Sommer, dann noch lange draußen zu sitzen und die Menschen zu beobachten. So eine Kultur gibt es im Silicon Valley leider nicht.

Im Oktober 2016 gab der US-Chiphersteller Qualcomm bekannt, er wolle NXP für rund 40 Milliarden Euro übernehmen. Doch bis zuletzt verweigert China mit Verweis auf das dortige Kartellrecht die Genehmigung der Transaktion. Was würde die Fusion für den NXP-Standort Hamburg bedeuten?

Es scheint, wir sind zum Spielball in den Differenzen zwischen den USA und China in Handelsfragen geworden. Ich hätte mir gewünscht, dass längst Klarheit über unsere Zukunft herrscht und hoffe, dass sich schließlich doch die Vernunft durchsetzt. Ich bin mir sicher, dass die Fusion für Europa und für uns in Hamburg sehr positive Wirkungen hat. NXP ist die Nummer fünf der Halbleiterindustrie, zusammen mit Qualcomm sind wir die Nummer drei. Dabei ist Qualcomm führend bei Chips für den künftigen Mobilfunkstandard, wir sind ganz vorn bei Anwendungen für die Sicherheit von Datenübertragungen, und wir sind der größte Zulieferer für Automobilchips. Die Kombination dieser Stärken bietet enorme Chancen.