Hamburg

Wie ein Hamburger NXP-Chip Autos schlauer macht

Kurt Sievers, Chef der Automotive-Sparte von NXP, am Steuer eines Elektrofahrzeugs, das sehr viel Technik aus Hamburg enthält

Kurt Sievers, Chef der Automotive-Sparte von NXP, am Steuer eines Elektrofahrzeugs, das sehr viel Technik aus Hamburg enthält

Foto: Eric Shambroom / HA

Digitale Revolution aus der Hansestadt: Fahrzeuge melden sich bei Ampeln an und tauschen Infos über Straßengefahren aus.

Hamburg.  Bereits in fünf bis acht Jahren wird jeder neue Pkw über eine eigene Internetverbindung verfügen – erwartet Kurt Sievers, Leiter der Automotive-Sparte des Chip-Unternehmens NXP in Hamburg: „Die Fahrzeuge werden dann untereinander und mit Informationszentralen vernetzt sein, um den Fahrer ständig über die Verkehrslage auf dem Laufenden zu halten und ihn frühzeitig vor Gefahren wie etwa einem vereisten Straßenabschnitt zu warnen.“ Und die moderne Technologie hat ihren Ursprung auch in Hamburg.

Hohes Wachstum generiert

Mit Blick auf die Verkehrssicherheit habe die US-Regierung vor wenigen Tagen einen Gesetzentwurf vorgelegt, der eine Verpflichtung zur Ausstattung aller Neuwagen mit einer entsprechenden Funktechnik innerhalb der nächsten Jahre vorsieht. „In diesem neuen Marktsegment wird hohes Wachstum generiert“, ist Sievers überzeugt. Der NXP-Konzern mit Hauptsitz in den Niederlanden sei als weltweit größter Anbieter von Chips für die Automobilindustrie in einer sehr guten Ausgangsposition, um davon profitieren zu können.

Schon seit 2015 läuft im Hamburger Hafen ein Pilotprojekt mit einer Funkverbindung zwischen Lkw und „intelligenten Ampeln“, um den Verkehrsfluss zu verbessern und Staus möglichst zu vermeiden. „Im Jahr 2017 startet der reguläre Betrieb, dazu werden wir mehrere Hundert Lkw mit der entsprechenden Technik ausstatten“, sagt Sievers. „Damit nimmt Hamburg deutschlandweit eine Vorreiterrolle ein.“

Fahrerloser BMW

NXP kommt nach Angaben des Spartenchefs auch immer dann ins Spiel, wenn es um die Entwicklung selbstfahrender Autos geht. Vorstufen dazu gibt es bereits: Die neue 7er-Reihe von BMW kann fahrerlos einparken. Der Funkschlüssel, mit dem diese Funktion eingeleitet und gesteuert wird, hat einen Bildschirm und ähnelt einem kleinen Smartphone. „Die Chips darin stammen von NXP, entwickelt wurden sie zum größten Teil in Hamburg“, sagt Sievers. Als Marktführer arbeite das Unternehmen eng mit den meisten der traditionellen Autobauer zusammen – „aber wir sind als Zulieferer natürlich auch für künftig womöglich neu hinzukommende Hersteller wichtig“. Insofern sei der radikale Wandel, der sich in der Pkw-Branche angesichts der fortschreitenden Elektromobilität vollziehe, für NXP keine Bedrohung, sondern eine große Chance.

Ein Chip, der ein Radio ist

Doch selbst für ein so traditionelles Produkt wie das Autoradio können die Hamburger Entwicklungsingenieure der Firma mit einer echten Innovation aufwarten. Es geht dabei um ein unscheinbares schwarzes Plättchen mit einer Kantenlänge von ungefähr zwei Zentimetern: Ein einziger Chip enthält heute die gesamte Funktionalität des Radios – und der weltweite Marktanteil von der früheren Philips-Tochter liegt bei diesen Bauteilen nach Angaben des Unternehmens „weit oberhalb von 50 Prozent“.

Während aber bisher für praktisch jedes Land wegen der unterschiedlichen digitalen Rundfunkübertragungsstandards ein spezieller Chip eingebaut werden muss, ist künftig der gleiche Schaltkreis überall auf der Welt verwendbar. „Das bringt für die Radiohersteller eine erhebliche Kostenersparnis“, so Sievers. „Es gibt keinen Konkurrenten, der so etwas auch bieten könnte.“ Der neue Chip soll im Januar auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas offiziell vorgestellt werden.

Verkauf an Chinesen

Im kommenden Jahr stehen für das gesamte Unternehmen entscheidende Veränderungen an: Ende Oktober hat der US-amerikanische Chip-Anbieter Qualcomm die Übernahme von NXP für 47 Milliarden Dollar (45 Milliarden Euro) angekündigt. „Das ist die mit Abstand größte Transaktion, die es in dieser Branche gegeben hat“, sagt Sievers. Ungefähr jeder zweite der insgesamt knapp 1800 Beschäftigten, die auf dem Firmengelände in Lokstedt arbeiten, ist von dieser Übernahme allerdings nicht betroffen: Wie im Juni mitgeteilt wurde, verkauft NXP ihre Standardchips-Produktion unter dem Namen Nexperia an chinesische Investoren.

„Die 850 bis 900 Mitarbeiter, die zu Qualcomm übergehen, sind weit überwiegend hoch qualifizierte Experten“, so Sievers. Der Name NXP werde zwar verschwinden. Abgesehen von möglichen Abschwüngen in der Branchenkonjunktur sei in Hamburg aber auch in der neuen Konstellation tendenziell mit einem Stellenaufbau zu rechnen. „Zwei der drei künftigen Sparten von Qualcomm werden ihren Sitz in Hamburg haben“, sagt Sievers: Das Automotive-Geschäft mit ihm an der Spitze und der von Ruediger Stroh geleitete Bereich „Internet of Things and Security“, der Technik zur Vernetzung von Hausgeräten oder für das sichere bargeldlose Bezahlen mit Bankkarten und Mobiltelefonen anbietet. Beide NXP-Manager sollen in den Qualcomm-Vorstand einziehen.

Wert von NXP verzehnfacht

Zwar wird NXP nur den deutlich kleineren Teil zum künftigen Gesamtumsatz von Qualcomm beitragen – gut neun Milliarden Dollar von insgesamt rund 35 Milliarden Dollar. Aber das Hauptgeschäft der Amerikaner, die mit einem Marktanteil von fast 40 Prozent der wichtigste Lieferant von Smartphone-Prozessoren sind, verspricht keine hohen Wachstumsraten mehr. Im Geschäftsjahr zum Ende September 2016 ist der Umsatz des Konzerns sogar um sieben Prozent gesunken.

Kräftige Marktschwankungen sind für die Branche allerdings typisch, wie auch NXP bereits schmerzlich zu spüren bekam: „In den Jahren 2008/2009 ging es uns wirklich nicht gut“, erinnert sich Sievers. Seit dem Börsengang 2010 habe der Spezialchip-Entwickler gemessen am Marktwert aber offensichtlich vieles richtig gemacht: „In dieser Zeit haben wir den Wert von NXP nämlich verzehnfacht.“